Lebenserfahrung hilft Jungunternehmern

Friedrich Bräuninger
Die Transport-Unternehmerin von morgen? Bild: BBAG
Fast könnte man glauben, die AKTIVSENIOREN BAYERN e.V. hätten das Drehbuch zu dem „Großen Bellheim“ geschrieben. In diesem Kultfilm der frühen neunziger Jahre tun sich vier pensionierte Unternehmer noch einmal zusammen, um ein ins Schlingern geratenes Kaufhaus zu retten. Im wahren Leben hat eine kleine Gruppe von Ruheständlern vor bald 35 Jahren in München den  gemeinnützigen Verein AKTIVSENIOREN BAYERN e.V. mit dem Ziel ins Leben gerufen, Gründer sowie kleine und mittlere Betriebe in allen Phasen ihres unternehmerischen Daseins, also von der Firmengründung bis zur Unternehmensnachfolge, mit Rat und Tat zu unterstützen.

Unternehmerisches Denken weitergeben

Die heute knapp 400 Mitglieder des gemeinnützigen Vereins sind ehemalige Unternehmer, Selbstständige sowie Führungs- und Fachkräfte aus Wirtschaft und Verwaltung,  die im Ruhestand ihre umfassende Berufs- und Lebenserfahrung  ehrenamtlich und uneigennützig weitergeben. Allein in Oberbayern und speziell im Münchener Umland sind rund 125 Aktivsenioren am Werk, um
  • junge Gründer mit den vielfältigen Anforderungen auf ihrem Weg ins Unternehmer-Neuland vertraut zu machen und sie bei der Businessplanung zu unterstützen.
  • kleinen und mittleren Firmen bei der Bewältigung ihrer Probleme die richtige Orientierung und damit Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. 
  • jungen Menschen (Schülern und Studierenden) Hilfestellung auf dem Weg in die Arbeitswelt anzubieten, sie mit Berufsbildern vertraut zu machen oder auch im unternehmerischen Denken zu schulen.

"Wie kann ich Unsicherheiten reduzieren?"

Zu den konkreten Fragen und Problemen, mit denen die Aktivsenioren in allen Regierungsbezirken sich häufig befassen müssen, zählen beispielsweise:  
  • Eine angehende Kosmetikerin/Fußpflegerin will wissen, ob die Voraussetzungen für einen Einstieg in die Selbstständigkeit erfüllt sind, oder ob weitere Vorbereitungszeit erforderlich ist, um vorerst im Nebenerwerb Nachfrage zu generieren?
  • Ein kleiner Metallbauunternehmer braucht Schützenhilfe bei der Feinjustierung seines Geschäftsmodells, da nicht mehr alles „rundläuft“.
  • Ertragsvorschau und Liquiditätsplanung, um die Tragfähigkeit eines Gastronomieprojekts abschätzen zu können. Originalton: „ Mit welchen Fragen könnten mich die Banker ins Schwitzen bringen?
  • Lohnt es sich, eine Geschäftsidee weiter zu verfolgen oder welche Gründe sprechen von vornherein dagegen? Welche Vergleichskennzahlen sind für die angestrebte Branche bekannt? Wie kann ich Unsicherheiten reduzieren?

Die Arbeitsagenturen dienen als Vermittler

Der größte Teil der Aufträge kommt durch die Vermittlung der Arbeitsagenturen oder Kammern, aber auch durch persönliche Empfehlungen zu den Aktivsenioren; viele Aufträge resultieren aber auch aus den Sprechstunden, die die Aktivsenioren in den meisten Landratsämtern regelmäßig anbieten. Der gemeinsame Nenner ihres Handelns, nämlich „Erfahrung und Wissen im unternehmerischen Denken und Handeln“ weiterzugeben, gilt auch für eine Reihe unterschiedlichster Bildungsprojekte, wie beispielsweise:
  • Wöchentliche Berufsorientierungs-Gespräche mit Schülern der Abschlussklassen an bayerischen Mittelschulen
  • Erarbeitung von Geschäftsideen und Businessplänen mit Studierenden etwa an den Hochschulen in München und Nürnberg/Erlangen.

30.000 Existenzgründungen angeschoben

Bayernweit haben die Aktivsenioren allein im Jahr 2017 für über 570 Existenzgründungen gut 5.200 Beratungsstunden aufgebracht. In die 48 gemeinnützigen Bildungsprojekte sind ebenfalls über 5.000 Stunden investiert worden. „Im Lauf der Jahre konnten rund  30.000 Existenzgründungen angeschoben, etwa 50.000 Arbeitsplätze erhalten oder neu geschaffen werden, außerdem für viele Mittelschüler eine passende Lehrstelle gefunden werden“, bilanziert der Vereinsvorstand Reinhold Heiss.
Kein Wunder, dass der Bedarf an solchen Angeboten und Leistungen steigt – auch und gerade im Freistaat mit seiner erfreulichen Wirtschaftsdynamik. „Wir bieten ehemaligen Unternehmern und Managern und Fachleuten, die im Ruhestand noch etwas leisten wollen, eine hervorragende Perspektive  und das Gefühl, noch gebraucht zu werden“, sagt Otto Beck, Regionalleiter für München/Umland (otto.beck@aktivsenioren.de).
 
Über die eigene „virtuelle“ Akademie sorgt der Verein für ständige Fortbildungsmöglichkeiten seiner Mitglieder – etwa auf den Gebieten Existenzgründung, Geschäftsmodell-Analyse, Digitalisierung oder Nachfolge.

Die Freude am Gelingen

Interessenten können sich unter  www.aktivsenioren.de  ein Bild machen und Kontakt aufnehmen.  Schrittweise werden die „reifen Neulinge“ dann an die Aufgaben herangeführt – immer mit Rücksicht auf die familiären, zeitlichen und gesundheitlichen Möglichkeiten im Rahmen eines solchen Ehrenamts. 
 
Wie wertvoll ihr Beitrag ist, erfahren die bayerischen Aktivsenioren immer wieder dank zahlreicher  Rückmeldungen zufriedener Klienten, sei es, weil die Gründung sich als erfolgreich erwiesen hat, sei es, weil durch die nüchterne Bewertung unrealistische bzw. zu riskante, kostspielige Schritte vermieden worden sind. Was die „neuen Bellheims“ besonders antreibt? „ Es ist die Weitergabe ihres Schatzes an Wissen und Erfahrung sowie die Freude am Gelingen“, unterstreicht Vereinschef Reinhold Heiß.