Der Staat ist zurück am Devisenmarkt
Devisenmarktinterventionen zählen zu den seltenen Eingriffen staatlicher Akteure in das Marktgeschehen, und gemeinsame Aktionen mehrerer Länder sind noch seltener. Ende Juli ist genau das geschehen. Nachdem der japanische Yen auf fast 164 je US-Dollar und damit auf den schwächsten Stand seit rund 40 Jahren gefallen war, kauften das japanische und das amerikanische Finanzministerium gemeinsam und offen kommuniziert Yen am Devisenmarkt. Es war die erste gemeinsame Aktion beider Länder zur Stützung des Yen seit 1998. Die unmittelbare Wirkung war beachtlich, der Yen wertete zeitweise auf gut 155 je Dollar auf. Nachhaltig gebändigt ist der Markt gleichwohl nicht, keine zwei Wochen später notierte der Dollar wieder bei knapp 160 Yen.
Warum der Yen unter Druck steht
Die Ursachen der Yen-Schwäche sind struktureller Natur. Im Zentrum steht das Zinsgefälle gegenüber den USA. Wer sich günstig in Yen verschuldet und in höher verzinsten Dollaranlagen investiert, verdient allein an der Zinsdifferenz. Diese als Carry Trades bekannten Geschäfte haben gewaltige Volumina erreicht und erzeugen permanenten Verkaufsdruck auf die japanische Währung. Akut wurde die Lage in Japan durch die importierte Inflation. Die im Zuge des Nahostkonflikts gestiegenen Energiepreise ließen in Kombination mit dem schwachen Yen die Importpreise kräftig ansteigen, was die Kaufkraft der Haushalte schmälert und in Japan zunehmend zum innenpolitischen Problem wurde. Tokio wollte mit der Intervention Zeit gewinnen, damit die Notenbank ihre Zinswende im eigenen Tempo fortsetzen kann, statt vom Wechselkurs getrieben zu werden.
Warum Washington Japan zur Seite sprang
Erklärungsbedürftig ist vor allem die amerikanische Beteiligung. Die Antwort führt zum US-Anleihemarkt. Je länger der Yen schwach bleibt, desto größer wird in Tokio der Druck, die Zinsen schneller anzuheben, als es Konjunktur und Staatsverschuldung eigentlich erlauben. Schon die Erwartung solcher Schritte lässt die langfristigen japanischen Renditen steigen und macht japanische Staatsanleihen gegenüber US-Papieren attraktiver. Das wiegt schwer, denn Japan ist mit Beständen von über einer Billion US-Dollar der größte ausländische Gläubiger der Vereinigten Staaten. Die USA helfen Japan also nicht aus Großzügigkeit, sie schützen vor allem ihren eigenen Refinanzierungsmarkt. Dazu passt die Ausführung der Intervention. Die USA verkauften keine Dollar, sondern Reserven in Euro, ohne vorherige Abstimmung mit der EZB, die erst nach Abschluss der Transaktion informiert wurde. Ein Verkauf aus den eigenen Dollarbeständen hätte bedeutet, zusätzliche US-Staatsanleihen in einen ohnehin angespannten Markt zu geben; der Rückgriff auf die Euro-Reserven vermied diesen zusätzlichen Druck auf die langfristigen US-Renditen. Wie ernst Washington den Aufwärtsdruck bei den langfristigen Renditen inzwischen nimmt, zeigte sich am 19. August auch an einer überraschenden Anpassung des Rückkaufprogramms für US-Staatsanleihen. Nur zwei Wochen nach der Veröffentlichung des regulären vierteljährlichen Plans kündigte das Finanzministerium an, das maximale Volumen einzelner Rückkäufe für nominal verzinsliche Papiere mit Laufzeiten von zehn bis 30 Jahren ab dem 9. September von zwei auf mindestens vier Milliarden Dollar zu erhöhen. Die Rendite 30-jähriger Anleihen sank daraufhin um bis zu zehn Basispunkte.
Ein Drehbuch für einen schwächeren Dollar?
Überraschend kommt diese Wendung nicht. Stephen Miran, heute Vorsitzender des wirtschaftlichen Beraterstabs des Weißen Hauses, hatte bereits im November 2024 die Blaupause dafür geliefert. Er sieht die Ursache der amerikanischen Handelsdefizite in einer chronischen Überbewertung des Dollar, die aus dessen Rolle als Weltreservewährung folgt, und skizzierte eine Abfolge aus Zöllen als Druckmittel und einer späteren, gezielten Schwächung des Dollar, flankiert von Mechanismen, die ausländische Gläubiger in langlaufende US-Anleihen lenken. Die Yen-Intervention fügt sich bemerkenswert genau in dieses Drehbuch.
Was die Intervention für Anleger bedeutet
Die eigentliche Nachricht für Anleger liegt weniger im Yen-Kurs selbst als in der Rückkehr des Staates als Akteur am Devisenmarkt. Für Anleger im Euroraum betrifft das zuerst den Dollar. US-Aktien haben in den globalen Indizes ein Gewicht von rund 70 Prozent erreicht, viele Portfolios tragen deshalb erhebliche und oft unbemerkte Dollarrisiken. Eine zumindest teilweise Absicherung des Dollarrisikos gewinnt in diesem Umfeld an Gewicht.
Währungsrisiken werden wieder zur strategischen Größe
Ein neues Plaza-Abkommen ist die gemeinsame Yen-Intervention nicht, dafür fehlen Umfang, Multilateralität und ein erklärtes Wechselkursziel. Das Risiko weiterer Interventionen ist gestiegen, und mit ihm die Wahrscheinlichkeit abrupter Währungsbewegungen. Währungsrisiken sollten deshalb nicht länger als Nebenprodukt der Anlage behandelt werden, sondern als eigenständige Größe, die bewusst gesteuert gehört.