Was Bidens Sieg für Tokios Börse bedeutet

Naoki Kamiyama, Nikko Asset Management
Naoki Kamiyama / Bild: Nikko Asset Management
Um die volle Tragweite eines Ereignisses zu erfassen, sollte man von außen draufschauen. So zum Beispiel auf das US-Wahlergebnis vom fernen Tokio aus. Wir bewerten aus der Perspektive des japanischen Aktienmarktes, wie sich welche wirtschaftlichen und politischen Veränderungen auswirken werden.

Schlüsselfaktor US-Konsum

Für Japans Börse wird entscheidend sein, ob es der Biden-Regierung gelingt, mit ihrer Stärkung der sozialen und medizinischen Absicherung die US-Verbraucher dazu zu bewegen, mehr auszugeben und weniger zu sparen. Steigt die Nachfrage aus der größten Volkswirtschaft der Welt, kommt dies Japan sowohl direkt als auch indirekt zugute: Nicht nur steigen dann Japans Exporte in die USA, sondern auch seine Ausfuhr von Teilen und Infrastruktur in andere (insbesondere asiatische) Länder, die den US-Markt beliefern.

Normalisierung der Handelsbeziehungen

Die Rhetorik im Handelsstreit mit China mag unverändert harsch bleiben. Gegenüber Verbündeten wie Japan allerdings dürfte sich der Tonfall aber deutlich verbessern. Anders als Trump wird Biden die amerikanischen Handelsdefizite zurückhaltender thematisieren. Sein “Made in America”-Plan, der die Verlagerung kritischer Lieferketten in die USA zum Ziel hat, bereitet Exportnationen Sorgen. Für Japan dürfte dessen Wirkung jedoch begrenzt sein, da japanische Firmen bereits über erhebliche Produktionskapazitäten in den USA verfügen.

Steuern und andere politische Entscheidungen

Es ist zwar ungewiss, ob Biden seine Steuerpläne wird umsetzen können. Im Wahlkampf hat er sich jedoch für weitreichende Steueränderungen ausgesprochen, einschließlich einer Erhöhung der Unternehmenssteuern – ein Vorschlag, dessen Umsetzung negative Auswirkungen auf die US-Märkte und möglicherweise darüber hinaus haben wird. Im Gegenzug würde eine Erhöhung der US-Körperschaftsteuer japanischen Unternehmen relative Vorteile gegenüber ihren US-Konkurrenten verschaffen. Höhere Steuereinnahmen könnten zudem Bidens Sozialversicherungs- und Medicare-Pläne finanzieren und zu einer erhöhten US-Konsumnachfrage führen.  
 
Angesichts von Bidens Klimaschutzpolitik ist eine Verlagerung von Öl und Gas auf erneuerbare Energien und Elektrofahrzeuge denkbar. Die Auswirkungen einer solchen Verlagerung dürften für japanische Unternehmen überschaubar sein. Allerdings könnten Unternehmen wie Autohersteller Gegenwind verspüren, wenn strengere Emissionsstandards eingeführt werden.

Fazit

Langfristig gesehen wird den japanischen Markt besonders beschäftigen, ob es Biden gelingen wird, kluge Ausgabenentscheidungen für die US-Wirtschaft zu treffen. Die größte Hoffnung an der Tokioter Börse richtet sich auf einen Rückgang der US-Sparquote und eine Erholung der Verbraucherausgaben, angeregt durch höhere Coronavirus-Unterstützungen und  Sozialversicherungsausgaben.
Naoki Kamiyama ist Chief Strategist bei Nikko Asset Management