Die Corona-Krise stellt digitale Menschenrechte auf den Prüfstand

Masja Zandbergen, Robeco
Masja Zandbergen / Bild: Robeco
Die Menge digitaler Daten hat unvorstellbare Ausmaße erreicht. Dies kann ernsthafte Probleme in Bezug auf Datenschutz und Menschenrechte verursachen – vor allem, wenn es um sensible Gesundheitsdaten geht, die jetzt bei der Bekämpfung von Covid-19 genutzt werden. Die weltweite Datenmenge wird 2020 auf rund 40 Billionen Gigabyte steigen. Das sind mehr als 5.000 Gigabyte für jeden Bewohner dieses Planeten und entspricht der fünffachen Kapazität eines durchschnittlichen PCs – und viele dieser Daten sind persönlicher Natur.
Wie bei allen sich rasch entwickelnden Trends bringt das Fehlen eines soliden Regulierungsrahmens neue Chancen und Risiken mit sich. Der Datenschutz stellt für Internet- und Telekommunikationsunternehmen ein wesentliches Geschäftsrisiko dar. Die Geschäftsmodelle einiger Unternehmen basieren vollständig darauf, Daten über Verbraucher zu sammeln, zu nutzen oder zu verkaufen. Cybersicherheit und die mit Künstlicher Intelligenz (KI) verbundenen gesellschaftlichen Risiken sind deshalb Punkte, die wir in den Fokus stellen, wenn es um digitale Menschenrechte geht.

Starke digitale Rechte tragen zum öffentlichen Gesundheitsschutz bei

In der Corona-Krise – wie übrigens bei vielen anderen grundlegenden ESG-Themen – werden digitale Menschenrechte auf den Prüfstand gestellt. Einerseits können Apps, mit denen infizierte Personen aufgespürt werden können, Leben retten und zur Lockerung von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie beitragen und somit der Wirtschaft helfen. Andererseits wird durch den Einsatz solcher Apps die Privatsphäre gefährdet, wenn man dabei nicht sorgfältig vorgeht.
Manche sind vielleicht der Auffassung, dass die Privatsphäre für diesen Zweck geopfert werden sollte. AccessNow, eine führende gemeinnützige Organisation auf diesem Gebiet, vertritt allerdings die Ansicht, dass starke digitale Rechte in der Tat zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit beitragen können.
Wir teilen diese Ansicht uneingeschränkt. Wenn digitale Rechte nicht in angemessener Weise geschützt werden, dürften die Menschen Apps zum Aufspüren von Infizierten nicht freiwillig benutzen. In diesem Fall würden die Apps nur dann zum Erfolg führen, wenn ihre Nutzung verpflichtend vorgeschrieben wird. In vielen Ländern wird man das nicht akzeptieren, und die Regierungen dieser Staaten wären somit nicht in der Lage, digitale Gesundheitstools erfolgreich einzusetzen.

Gesundheitsdaten sind hochsensibel

Es gibt aber auch andere, weniger offensichtliche Probleme. Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten Daten, die es gibt. Ihr Schutz ist von größter Wichtigkeit. Die Auswertung von Gesundheitsdaten durch die Behörden kann erforderlich sein, um auf den massiven Ausbruch einer Infektionskrankheit zu reagieren. Ein schlechter Umgang mit diesen Informationen kann jedoch zu Misstrauen führen. Die Folge wäre, dass von digitalen Gesundheitstools weniger Gebrauch gemacht wird.
 
Ein weiteres wichtiges Thema ist digitale Überwachung. Manche Regierungen nutzen die Krise möglicherweise, um in großem Umfang Überwachungstools zu installieren, was als kontrovers angesehen werden könnte. Zum Beispiel spielt die Gesichtserkennung bei der Überwachung und Kontrolle der Bewegungen von Personen in der Corona-Krise bereits eine große Rolle. China macht hiervon Gebrauch, um Infizierte aufzuspüren und Personen zu identifizieren, die keine Masken tragen.
In Moskau nutzen die Behörden Berichten zufolge Überwachungskameras und Systeme zur Gesichtserkennung und Standortbestimmung, um Quarantäne-Vorschriften durchzusetzen und Infizierte und deren Familienangehörige aufzuspüren. Auch wenn uns bewusst ist, dass Individualismus in westlichen Ländern einen höheren Stellenwert hat als anderswo, bringen diese Praktiken unserer Meinung nach die Gefahr einer ernstlichen Verletzung des grundlegenden Menschenrechts auf Privatsphäre mit sich – ohne klaren gesellschaftlichen Nutzen.

Zensur und Verbreitung falscher Informationen

IT- und Telekommunikationsunternehmen sehen sich überall auf der Welt zunehmend mit Anordnungen von Regierungen konfrontiert, die den Zugang zu ihren Diensten einschränken und Netzwerke stören wollen. Solche Störungen haben Einschränkungen des international anerkannten Rechts auf freie Meinungsäußerung, die Unterbindung des Zugangs zu Notfalldiensten, Zahlungsverkehrs- und Gesundheitsleistungen sowie die Beschränkung von Kontakten zu Familienmitgliedern und Freunden zur Folge.
 
In einigen Fällen sind solche Anordnungen mit einem zusätzlichen Risiko von Menschenrechtsverletzungen verbunden, wenn dadurch im Vorfeld von Wahlen der freie Informationsfluss behindert wird oder wenn die Anordnungen auf bestimmte Regionen, Bezirke oder ethnische Gruppen abzielen. In der jetzigen Krise erleben wir, dass die Behörden in China, im Iran und sogar in den USA versuchen, von Journalisten und Gesundheitsexperten in den sozialen Medien verbreitete Informationen zu kontrollieren.
 
Wir erleben aber auch, dass sehr viele falsche Informationen verbreitet werden. Hierzu zählt beispielsweise der Ratschlag, man könne durch Luftanhalten eine mögliche Infektion mit dem Coronavirus überprüfen, oder die Empfehlung verschiedenster Medikamente, die als Lösung für die Pandemie angepriesen werden. Als Reaktion hierauf verweisen große Plattformen wie Facebook, Google und Twitter Verbraucher auf verlässliche Informationsquellen wie die Gesundheitsbehörden.

Was können Unternehmen tun?

Wenn ein digitaler Regulierungsrahmen für Menschenrechte fehlt, entstehen Risiken für die Unternehmen, in die wir investieren. Den Datenschutz, die Cybersicherheit und gesellschaftliche Auswirkungen von KI betreffende Risiken können sich sehr nachteilig auf ihr Geschäft auswirken. Daher können sich Unternehmen durch einen vorbildlichen Umgang mit diesen Themen von anderen abheben.
 
Im Rahmen unseres auf Fundamentaldaten beruhenden Investmentprozesses analysieren wir deshalb systematisch, wie Unternehmen mit diesen Themen umgehen. Um die diesbezüglichen Risiken zu bewerten, untersuchen wir nicht nur die Stärke der redaktionellen und die Informationssicherheit betreffenden Richtlinien der Gesellschaften, sondern auch die Vorgehensweise und Ergebnisse, wenn es um Verstöße und Bußgelder geht. Manche Unternehmen handeln in Bezug auf diese Ergebnisse auch transparenter als andere.
 
Wir verbinden diese Analyse mit anderen wesentlichen Aspekten wie der Unternehmensführung und der Personalpolitik, um die Auswirkungen auf die Werttreiber von Unternehmen in diesen Sektoren zu beurteilen. Risiken in Bezug auf den Datenschutz und die Cybersicherheit sowie gesellschaftliche Risiken mit Blick auf KI lassen sich hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Umsatzerlöse und Kostenfaktoren oft nur schwer quantifizieren. Auf Basis unserer Analyse passen wir daher in erster Linie unsere Zahl für die Kapitalkosten eines Unternehmens an, um einen Schätzwert für Reputationsrisiken, rechtliche und geschäftliche Risiken zu bekommen.

Die Spitze des Eisbergs

Bei unserer Investmentanalyse und unserer aktiven Einflussnahme auf Unternehmen konzentrieren wir uns auf unmittelbar bevorstehende Risiken und Herausforderungen wie Diskriminierung oder Datenschutzverstöße infolge des Aufbaus von Algorithmen. Wir schauen auch auf die Effektivität der Unternehmensführung in Bezug auf digitale Menschenrechte und ihre Auswirkungen auf das Humankapital, aber auch auf die Chancen, die KI bietet. Alle diese Aspekte sind für den finanziellen Erfolg eines Unternehmens von wesentlicher Bedeutung.
 
Wir bitten Unternehmen, entsprechende Kenntnisse auf Vorstandsebene zu erwerben und belastbare Richtlinien und Prozesse festzulegen, die in unserer zunehmend digitalisierten Welt für die Einhaltung von Menschenrechten sorgen. Wir bitten sie auch um Transparenz, wenn Probleme oder Verstöße festgestellt werden. Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Natürlich ist eine App, die helfen könnte, Covid-19-Fälle aufzuspüren und die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, eine gute Idee. Ihr Erfolg hängt aber davon ab, wie gut die Menschenrechte geschützt werden.
Masja Zandbergen ist Head of Sustainability Integration bei Robeco

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