Marktkommentar: Verlässliche Erträge in unsicheren Zeiten

Roberto Magnatantini, SYZ Asset Management
Roberto Magnatantini / Bild: SYZ Asset Management
Das Risiko makroökonomischer Ereignisse gehörte schon immer zum langfristigen Investieren dazu Aber das aktuelle Umfeld erweckt nicht den Anschein eines ganz gewöhnlichen Top-down-Umbruchs. Denn die Anlagewelt steht Kopf: Anleger kaufen Aktien für laufende Erträge und Festzinspapiere für Wertzuwächse. Doch das ist keine langfristige Lösung. Anleger, die ihre Portfolios zu einer verlässlichen Ertragsquelle machen möchten, brauchen heute eine Kombination aus Anleihen und ertragsstarken Aktien.
 
Seit der Finanzkrise haben wir ein bisher historisch einmaliges Experiment in der Geldpolitik durchlaufen, einen rasanten weltweiten Aufstieg von Populisten mit einem launenhaften US-Präsident an der Spitze erlebt und sind Zeugen eines endlosen Brexit-Dramas geworden. Hinzu kommt der andauernde Handelskrieg, der das Weltwirtschaftswachstum in Mitleidenschaft ziehen könnte.
 
Dabei haben die Zentralbanken die Märkte gewiss am stärksten beeinflusst und dazu beigetragen, dass seit Jahrzehnten etabliertes Marktdenken auf den Kopf gestellt wurde. Wer hätte gedacht, dass institutionelle Anleger Schlange stehen würden, um Staatsanleihen mit negativen Renditen zu kaufen, bei denen man absolut sicher sein kann, dass man bei Fälligkeit Geld verliert? Festzinspapiere bieten zwar noch einen festen Zinssatz, aber gute Erträge lassen sich damit nicht mehr erzielen.

Aktien sind Anleihen und Anleihen sind Aktien

Wir leben in einer so außergewöhnlichen Zeit, dass Anleger Aktien kaufen, um laufende Erträge zu erzielen, und Festzinspapiere, um Wertzuwächse zu generieren. Aber ungeachtet der derzeitigen Anomalie sind Aktien kein Ersatz für Festzinsanlagen. Denn die Risikoprofile sind unterschiedlich.
Was können Anleger tun? Eine Kombination aus Anleihen und ertragsstarken Aktien kann eine verlässliche langfristige und diversifizierte Ertragsquelle sein. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wie sich Anleger vor dem Hintergrund der aktuellen makroökonomischen Komplexität und der hohen Bewertungen an den internationalen Aktienmärkten zurechtfinden können.
 
Ein unheilvolles Zusammentreffen von Faktoren und neuen Daten ließ einen deutlichen Konjunkturabschwung erkennen. Bis jetzt konnte dieser Abschwung zum Teil durch geldpolitische Maßnahmen gebremst werden. Diese zusätzliche Komplexität erklärt, warum an den Märkten Nervosität herrscht und sich Qualitäts-Wachstumsunternehmen über so lange Zeit überdurchschnittlich entwickelt haben. Tatsächlich sind ein geringes Wachstum, niedrige Zinsen und Unsicherheit die idealen Voraussetzungen für eine Rally bei Qualitätsaktien.
 
Deshalb sind die Aufschläge bei defensiven Werten und Qualitätsaktien inzwischen sehr hoch. Die Gründe für eine Flucht in Qualitätswerte erscheinen offensichtlich, aber das Bild ist wesentlich differenzierter. Das Risiko einer Rezession ist zwar gestiegen, aber der Markt hat sich auch stärker darauf eingestellt. Außerdem ist das Ausmaß der Rezession unbekannt. Unserer Einschätzung nach spricht dieser übermäßige Pessimismus dafür, dass die Märkte immer noch Aufwärtspotenzial haben. Daher sollten Anleger ein ausgewogeneres Engagement außerhalb der traditionell defensiven Branchen in Betracht ziehen.

Attraktiver Einstiegszeitpunkt

Wir haben verstärkt in ausgewählte zyklische Qualitätsunternehmen investiert, unter anderem in den französischen Automobilzulieferer Valeo. Autoteile sind das Epizentrum der Zyklizität. Der Sektor hat sich wegen der trüben Verbraucherstimmung und der gesunkenen Ausgaben für große Anschaffungen verhalten entwickelt. Aber trotz des widrigen Umfelds verfügt die europäische Wirtschaft zumindest in einigen Bereichen über ein solides Fundament. Neuen Zahlen zufolge ist die Arbeitslosigkeit in der EU beispielsweise so niedrig wie seit Januar 2000 nicht mehr.
 
Die aktuelle Bewertungsdifferenz zwischen abgeschlagenen zyklischen Werten und defensiven Qualitätsaktien hat zudem einen historischen Höhepunkt erreicht, auch wenn die Rotation in Substanzwerte seit September diese Kluft etwas verringert hat. Wir glauben, dass dies trotz des leichten konjunkturellen Gegenwinds ein guter Einstiegszeitpunkt für langfristige Anleger ist.

Erträge mit Aktien

Um im aktuellen Umfeld laufende Erträge von über 4 Prozent zu erzielen, haben wir drei verschiedene Klassen von Aktien kombiniert. In die erste Gruppe, die sogenannten „Anker“, fallen defensive Qualitätswerte wie Nestlé, Merck oder NextEra. Das sind klassische Qualitätsaktien, die langfristig Cash generieren und dank ihrer Preismacht und operativen Exzellenz Kosten kompensieren können.
 
Die zweite Gruppe sind die „Beschleuniger“. Dazu gehören innovative Unternehmen, die ihr Dividendenwachstum mit der Zeit steigern können. Ein typischer Vertreter ist beispielsweise das indische Unternehmen für IT-Outsourcing und -Beratung Infosys. Die aktuelle Dividendenrendite liegt bei 2,69 Prozent, aber Infosys hat erhebliches Dividendensteigerungspotenzial, da es seine Marktposition im Bereich der digitalen Dienstleistungen stetig ausbaut. Nach der jüngsten Whistleblower-Affäre ist unserer Meinung nach jetzt ein guter Einstiegspunkt.
 
Zur dritten Gruppe gehören Aktien mit Sondersituationen. Das sind immer noch Qualitätsunternehmen, die aufgrund von herrschendem Pessimismus in Bezug auf die gesamtwirtschaftliche Lage, bestimmte Sektoren oder Anlagestile unter allgemeinen Verkaufsdruck geraten sind. Valeo wurde beispielsweise sowohl durch die Abneigung gegenüber Substanzwerten als auch die pessimistische Einstellung gegenüber Zyklikern abgestraft, ist aber nichtsdestotrotz ein Qualitätsunternehmen mit soliden Fundamentaldaten. Das Forward-KGV von 12,4 und die Dividende von 3,89 Prozent sind unserer Ansicht nach attraktiv.
 
Vor dem Hintergrund der trüben Verbraucherstimmung sind auch die Konsumausgaben für große Anschaffungen unlängst eingebrochen. Das wirkt sich negativ auf marktführende Nischenunternehmen aus, zum Beispiel auf den Hersteller von Freizeitsportfahrzeugen Polaris, der unserer Einschätzung nach ebenfalls hohes Dividendensteigerungspotenzial und Spielraum bei der Kapitalrendite besitzt.
 
Da sich die drei Gruppen im Konjunkturverlauf unterschiedlich entwickeln, entsteht durch die Kombination eine dynamische Wirkung, die dafür sorgt, dass die Performance langfristig geglättet wird und zugleich hohe laufende Erträge erzielt werden können. Auch wenn der Aktienmarkt nach wie vor mehr Risiken birgt als Festzinspapiere: Er ist der ideale Ausgangspunkt für unterschiedliche Ertragsstrategien, die sich hervorragend ergänzen lassen.
 
Roberto Magnatantini ist Portfoliomanager des OYSTER Global High Dividend Fund bei SYZ Asset Management.
    

Im Artikel erwähnte Wertpapiere

Polaris Infrastr Rg 7,00 1,45%
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Nestle N 90,43 0,24%
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Valeo 14,64 -3,05%
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Infosys Sp ADR 7,55 -1,31%
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Merck Rg 67,80 -2,31%
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NextEra Energy Rg 206,70 -6,77%
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