Die Welt in Unruhe: auf der Suche nach Stabilität in stürmischen Zeiten

Olivier de Berranger, LFDE - La Financière de l’Echiquier
Olivier de Berranger / Bild: LFDE - La Financière de l’Echiquier
Die zahlreichen diplomatischen Flüge nach und aus Tel Aviv tragen bisher nicht zur Beschwichtigung der aktuellen Auseinandersetzungen in der Region bei. Aus den endlosen Abstimmungen in Washington ist noch immer kein neuer Vorsitzender des Repräsentantenhauses hervorgegangen, obwohl drängende Fragen auf der Tagesordnung stehen. Auf dem Gipfeltreffen zur Initiative „neue Seidenstraße“ in Peking tritt Wladimir Putin kühn an der Seite von Xi Jinping auf. Seine Haltung zeigt deutliche Skepsis gegenüber dem internationalen Gerichtshof – der so „international“ ist, dass China und Russland ihn nicht anerkennen.

Diese wenigen Momentaufnahmen veranschaulichen exemplarisch, wie stark zerrüttet die Welt gerade ist. Diese Spaltung ist nicht nur zwischen Demokratien und autoritären Staaten zu beobachten, sondern auch innerhalb der demokratischen Länder: zwischen unter anderem liberalen und anti-liberalen, zwischen Demokraten und Republikanern, zwischen „pro-ESG“- und „contra-ESG“-Positionen.

Stabilität in turbulenten Zeiten: Zentralbanken und Unternehmen im Blickfeld

Dennoch funktionieren mehrere wesentliche Institutionen nach wie vor sehr gut. Das gilt für viele Unternehmen, Verbände und nicht zuletzt für die Zentralbanken.

Bei den Unternehmen zeigt die beginnende Berichtssaison erneut, dass sich einige von ihnen in ausgezeichneter Verfassung befinden. So verzeichnet NETFLIX beispielsweise einen stärkeren Zuwachs von Abonnenten als erwartet – und das trotz erheblicher Preiserhöhungen und Anmelderestriktionen. NOVO NORDISK feiert bemerkenswerte Erfolge mit seinen Medikamenten gegen Diabetes. Der Aktienkurs des Unternehmens legte in diesem Jahr um fast 50 Prozent zu. Ein vergleichbarer Fall im selben Sektor findet sich auch in den USA mit ELI LILY & Co, die über einen Zeitraum von fünf Jahren ein jährliches Wachstum von 40 Porzent verzeichnen konnten.

Auch bei den Zentralbanken lassen sich zahlreiche Beispiele finden, die für einen reibungslosen Ablauf sprechen. Sie achten sehr aufmerksam auf die Inflationsdaten und reagieren mit Fingerspitzengefühl auf wirtschaftliche Wendungen – nicht überstürzt und nicht zögerlich. So hat die Bank of England entgegen allen Erwartungen eine erneute Zinsanhebung vermieden. Sie war der Auffassung, dass die Inflation mittelfristig einen eher stabilen Kurs einschlagen werde, auch wenn kurzfristig noch Sprünge zu befürchten seien. Die US-Notenbank schlug hingegen mit der Feststellung, dass sich der Arbeitsmarkt immer noch in einem äußerst angespannten Zustand befinde, einen härteren Tonfall an – allerdings ohne erneut strenge Maßnahmen zu ergreifen. Selbst die türkische Zentralbank hat aus ihren gescheiterten Versuchen, die Inflation im Zaum zu halten, Lehren gezogen und ihre Leitzinsen drastisch erhöht. Damit vollzog sie eine Kehrtwende nach Jahren unorthodoxer und zugleich erfolgloser Geldpolitik.

Zentralbanken sind gewiss nicht immun gegen Irrtümer und müssen zuweilen Krisen bekämpfen, die sie selbst ausgelöst haben. Dies gilt beispielsweise für das Ausschütten übermäßiger Liquidität während der Coronazeit, mit der sich zum Teil die Inflation erklären lässt, wobei hier die Staaten mitverantwortlich sind. Dennoch zeigt die Geschichte, dass man den Währungshütern insgesamt ein hohes Maß an Zuverlässigkeit sowie die Fähigkeit, ihre eigenen Irrtümer zu korrigieren, zugutehalten kann. Im Falle einer sich abzeichnenden neuen systemischen Krise, ist davon auszugehen, dass sie effizient dagegen vorgehen werden und sie eindämmen, indem sie trotz weltweiter Konflikte die ordnungsgemäße Funktionalität des Finanzsystems sicherstellen. So würden sie letztendlich die Liquidität der wichtigsten Institutionen und zum Teil sogar deren Zahlungsfähigkeit sicherstellen.

Krisen als Korrekturmechanismus und Antrieb für Veränderungen

Das bedeutet nicht, dass alle Krisen ausgelöscht werden müssen. Einige von ihnen korrigieren kontraproduktive Entwicklungen. So werden die hohen Zinsen automatisch die Zahl der Insolvenzen hoch verschuldeter Unternehmen erhöhen, deren Geschäftsmodell ohnehin nicht solide war. Die damit verbundenen Schwierigkeiten, zu denen leider auch soziale gehören, werden Chancen für andere Akteure eröffnen. Dieselbe Anpassung wird bei Immobilien erfolgen, die aufgrund niedriger Zinsen einen beispiellosen Anteil der Ersparnisse gebunden haben, was zulasten produktiver Investitionen ging.

Umbrüche, Neugestaltungen und unablässiger Wettbewerb sind wesentliche Bestandteile der Menschheit. Auch wenn die Welt heute besonders zerrissen erscheinen mag: Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass dies zum einen schon immer der Fall war. Zum anderen waren bestimmte Institutionen immer hinreichend funktionsfähig und haben dazu beitragen, einige weltweite Herausforderungen zu überwinden.
Olivier de Berranger ist CIO bei LFDE - La Financière de l'Echigquier.

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