Ausblick für europäische Nebenwerte: Die Stimmung hellt sich auf

Peter Kraus, Berenberg
Peter Kraus, Berenberg
Nebenwerte wurden im vergangenen Jahr hart abgestraft. Vor allem europäische Small- und Mid-Cap-Werte hat es besonders stark getroffen. Nun zeichnet sich laut Analysten eine Bodenbildung ab. Das rezessive Umfeld ist schon von den Marktteilnehmern eingepreist. Aufgrund der Bodenbildung könnte die Stunde der Nebenwerte wieder anbrechen.
Nebenwerte haben 2022 den stärksten Kurseinbruch seit Jahrzehnten erlebt. Vor allem europäische klein- und mittelkapitalisierte Wachstumswerte wurden im Umfeld extrem schnell steigender Zinsen im Vergleich zu Standardwerten hart abgestraft. Es war ein besonderes Szenario. Nach dem Corona-Lockdown, dessen Auswirkungen durch unterbrochene Lieferketten noch ausgestrahlt haben, dem Inflations- und Zinsschock und dem Ausbruch des Ukraine-Krieges haben wir Ende 2022 die tiefsten Bewertungen seit zehn Jahren gesehen.
 
Aber nun zeichnet sich unseren Analysen zufolge eine Bodenbildung ab. Wir sind in einem rezessiven Umfeld, keine Frage. Aber keine Rezession wurde von Markteilnehmern so lange erwartet und thematisiert wie diese. In dieser Zeit wurde bereits viel Negativität eingepreist, so dass weitere böse Überraschungen zwar nicht ausgeschlossen werden können, aber wenig wahrscheinlich sind. Aktuell deuten Frühindikatoren wie der Citi US Economic Surprise-Index darauf hin, dass sich die Konjunktur wieder verbessert, nachdem auch das produzierende Gewerbe bereits den Tiefpunkt erreicht haben könnte. Die positiven Signale aus den USA lassen vereinzelt sogar schon wieder Hoffnungen auf ein Goldilocks-Szenario aufkeimen. Das heißt: Die Konjunktur kühlt zwar ab, aber es gibt keine schwere Rezession. Die Inflationsraten sinken und die Notenbanken fangen wieder an, die Zinsen zu lockern. So weit sind wir sicherlich noch nicht, aber es spricht vieles dafür, dass wir die dunkelsten Stunden gesehen haben, bevor die Sonne aufgeht.

Die Stunde der Nebenwerte

Der konjunkturelle Sonnenaufgang, d.h. die Erholungsphase in einem frühen Stadium, ist die Stunde der Nebenwerte. Wir sind davon überzeugt, dass der langfristige Trend, den wir bei den Nebenwerten seit Jahrzehnten gesehen haben, ungebrochen ist. Allerdings unterscheiden wir beim Aufholpotenzial: Angesichts der schnell gestiegenen Zinsen ist die Nettoverschuldung ein wichtiges Kriterium, wer die Nase vorn hat, und wer unter die Räder kommen könnte. Hoch verschuldete Unternehmen, die jetzt refinanzieren müssen, haben ein Problem. Bei Berenberg stehen Qualitätsunternehmen mit hohen Kapitalrenditen und starken Bilanzen im Fokus, die von strukturellen Wachstumstrends profitieren. Solchen Unternehmen dürfte es leichter fallen, die Erträge und den Cashflow pro Aktie stärker als der Markt zu steigern, wenn sich die Anzeichen der Erholung verdichten.

Oft nicht auf dem Radar der Analysten

Für die Berenberg European Small und Micro Cap Fonds bevorzugen wir generell inhabergeführte Unternehmen, die Verschuldung und damit verbundene Abhängigkeiten von Fremdkapitalgebern traditionell vermeiden. Eine weitere strukturelle Besonderheit der Nebenwerte in Europa besteht darin, dass sie oft von Analysten kaum wahrgenommen werden. Im Vergleich zu den USA haben wir in Europa nur eine Handvoll Large- und Mega Caps wie Louis Vuitton oder ASML, die mit zweistelligen Wachstumszahlen beeindrucken und die Aufmerksamkeit von Analysten und Investoren auf sich ziehen. Die Stars aus der zweiten und dritten Reihe erscheinen kaum auf dem Radar. Viele dieser Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung bis zu zwei Milliarden Euro haben sich in ihren Marktnischen als globale Marktführer etabliert. Mit ihrer Innovationskraft profitieren sie von der Digitalisierung, von Veränderungen im Gesundheitswesen oder nachhaltigen Technologien, was nicht selten mit Wachstumsraten von 20, 30 oder 40 Prozent einher gehen kann.

Hidden Champions aus Europa

Aktuell sind europäische „Hidden Champions“ u.a. in der Halbleiter-Industrie zu finden. Unternehmen wie die schweizerische Inficon oder die italienische Technoprobe erfüllen unser Anforderungsprofil mit Blick auf eine internationale Vorreiterrolle und starke Margen, die es ermöglichen, inflationsgetriebene Preissteigerungen abzufedern und signifikant in Forschung und Entwicklung zu investieren. Das sind für uns die Unternehmen der Zukunft. Unsere Portfolios haben ein Active Money von über 90 Prozent, d.h. wir sind in Unternehmen investiert, die nicht im Vergleichsindex MSCI Europe Small Cap gelistet sind. Es erfordert viel Arbeit, eine gründliche Analyse, spezielles Know-how und mitunter einen längeren Atem. Aber mit Unternehmen, die ihre Gewinne auf der Grundlage einer soliden Finanzbasis und ihrer innovativen Geschäftsmodelle alle vier bis fünf Jahre verdoppeln können, fühlen wir uns gut positioniert.
Peter Kraus ist seit Oktober 2017 Head of Small Cap Equities bei Berenberg. Er war ab dem Jahr 2000 zunächst für 3 Jahre als Aktienanalyst für eine Corporate Finance Beratung in München tätig, bevor er in 2003 zu Deka Investment nach Frankfurt wechselte. Dort war er als Analyst für europäische Nebenwerte tätig. 2006 wechselte er zu Allianz Global Investors als Fondsmanager für europäische Micro und Small/Mid Caps, wo er in den Folgejahren maßgeblich zum Erfolg des Nebenwerte-Teams beigetragen hat. Peter Kraus zeigte sich verantwortlich für das Management von diversen europäischen Nebenwerte-Fonds sowie für die Akquisition und die Betreuung internationaler institutioneller Mandate. Er studierte an der Universität Mannheim Betriebswirtschaftslehre und ist CFA Charterholder.
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