Größte Corona-Gewinner sind elektronische Bezahlmodelle

Matthias Hach, wallstreet:online AG
Matthias Hach / Bild: wallstreet:online AGt
Die Menschen in Deutschland lieben offensichtlich (immer noch) ihr Bargeld. Die Bundesbank ermittelte in einer Studie aus dem Jahr 2020, dass der Bundesbürger durchschnittlich zwar nur 107 Euro im Geldbeutel mit sich trägt, aber im Mittel 1.364 Euro Zuhause oder in einem Schließfach hortet. Allerdings war die Verteilung äußerst ungleich und stark konzentriert ausgeprägt. Menschen ab einem Alter von 55 Jahren, Besserverdienende und Selbstständige halten im Schnitt die höchsten Beträge. Der Hauptgrund für die Neigung zu Barem scheint demnach mangelndes Vertrauen in die Sicherheit und Belastbarkeit der technischen Banken- und Finanzinfrastruktur zu sein.

Keine vollständige Abschaffung von Bargeld

Dieses Bild bestätigt auch eine Umfrage unter den Nutzern der wallstreet:online AG, Betreiberin mehrerer Börsenportale und Deutschlands größter Finanzcommunity. Zwar nennen immer noch mehr als ein Drittel der insgesamt 3.544 Umfrageteilnehmer Bargeld als präferierte Zahlungsmethode. Dennoch sind fast die Hälfte der Befragten der Ansicht, dass Bargeldzahlungen stets gleichwertig zu bargeldloser Zahlung angeboten werden sollten. Für mehr als 7 Prozent wäre ein sukzessiver Wandel von Bargeld zu elektronischen Zahlungsmöglichkeiten denkbar, während lediglich 2,5 Prozent der Privatanleger eine vollständige Abschaffung von Bargeld befürworten würden.

Höhere Akzeptanz von Kartenzahlungen durch die Pandemie

Diesen ausgeprägten Beharrungskräften konnte durch die pandemische Situation an der einen oder anderen Stelle etwas entgegengewirkt werden, wie eine Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI zeigt: So lag der Kreditkartenanteil am Einzelhandelsumsatz über viele Jahre recht konstant bei rund sechs Prozent. Laut der EHI-Prognose wird dieser bis 2022 auf etwa zehn Prozent anwachsen. Das entspricht einer Steigerung von 67 Prozent in nur wenigen Jahren. Beim Umsatz im Lebensmitteleinzelhandel liegen wir bereits 40 bis 60 Prozent über dem Vorjahresniveau. Abstandsregelungen führten auch zu einer höheren Akzeptanz von Kleinstzahlungen via Karte im Handel. Auf einmal funktioniert auch das Zahlen mit Karte beim Bäcker um die Ecke, der vorher noch die Nase rümpfte, wenn man seine Sonntagsbrötchen elektronisch zahlen wollte.

Kontaktloses Zahlen als Corona-Gewinner

Das kontaktlose Zahlen kann man deshalb auch klar als Corona-Gewinner bezeichnen. Laut EHI waren im vergangenen Jahr zunächst etwa 30 Prozent der Karten-Transaktionen kontaktlos. Wegen der Corona-Beschränkungen ist dieser Anteil zuletzt sogar auf rund 45 Prozent angestiegen. Ein Grund dafür dürfte die Anhebung der Betragsgrenze für die PIN-Eingabe von 25 auf 50 Euro gewesen sein. Bargeldloses Zahlen wurde dadurch weiter vereinfacht. Doch die Zuneigung des Einzelhandels und vieler Verbraucher in Deutschland für Bargeld wird das vermutlich nicht zum Erlöschen bringen.

Gefährliches Bargeld

Aber durch COVID-19 lernen Kunden sowie Dienstleister, mehr und mehr auf Bargeld zu verzichten, und die Vorteile des bargeldlosen Bezahlens zu schätzen. Seien wir doch mal ehrlich: Eigentlich macht es keinen Sinn, Bargeld am Automaten abzuheben, es in den Geldbeutel zu stecken, durch die Gegend zu tragen und es dann über den Bezahlvorgang an der Kasse wieder zurück in den Geldkreislauf zu schicken. Dieser gesamte Prozess kostet Zeit und Energie – außerdem lockt Bargeld auch immer Kleinkriminelle an. In der Bargeldausgabe lauert nämlich schon der nächste Push für das elektronische Zahlen: Im Berichtsjahr 2020 hat die Polizei in Deutschland wesentlich mehr Fälle von physischen Angriffen auf Geldautomaten als in den Vorjahren gezählt. Wie aus dem vom Bundeskriminalamt herausgegebenen Bundeslagebild „Angriffe auf Geldautomaten“ hervorgeht, stieg die Zahl im vergangenen Jahr um rund 28 Prozent auf 704 Fälle (2019: 549 Fälle). Langfristig wird das den Effekt haben, dass die Bargeldbeschaffung teurer wird. Allein schon deshalb, weil die ersten Kreditinstitute anfangen, bedingt durch die immer steigende Zahl von Automatensprengungen, ihre Geldautomaten bewachen zulassen. Diese Kosten werden die Banken und Sparkassen auf kurz oder lang an die Verbraucher weitergeben. Dieser Schritt wird die Attraktivität des bargeldlosen Zahlens erhöhen, dazu kommen neue technische Entwicklungen wie die Smartwatch, mit denen innerhalb des Bruchteils einer Sekunde bezahlt werden kann.
Matthias Hach ist CEO der wallstreet:online AG und wallstreet:online capital AG, zu dem auch der Online-Broker „Smartbroker“ gehört. Das Unternehmen betreibt mehrere reichweitenstarke Börsenportale. Vor seinem Engagement bei wallstreet:online arbeitete Hach u. a. zuletzt als Bereichsvorstand Marketing, Digital Banking & Brokerage bei der Commerzbank AG und war vorher jahrelang Vorstandsmitglied und CMO der comdirect Bank AG.

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