Andreas Grünewald / Bild: FIVV
Seitens Anleger und Medien erreicht uns als unabhängigen Vermögensverwalter in den vergangenen Monaten verstärkt die Frage, wie sich der Anleger in dem aktuell krisengeschüttelten Umfeld verhalten sollte, beziehungsweise welche Anlagestrategie auch unter dem Blickwinkel der historisch niedrigen Zinsen derzeit angesagt ist.
Wichtig ist hierbei erstens sowohl für den Privatanleger als auch den professionellen Vermögensverwalter demütig zu erkennen, dass letztendlich keiner von uns wissen kann, wie die Zukunft aussieht. Somit reden wir über Eintritts-Wahrscheinlichkeiten von Erwartungen und nicht über sichere Entwicklungen. Entsprechend ist es für den Anleger elementar, großen Wert auf eine breite und effektive Risikostreuung nach Anlageklassen, Regionen und Branchen zu legen. Hierbei ist auf seine spezifische Ausgangsituation sowie seine Anlageziele und das persönliche Chance-Risiko-Profil abzustimmen. Um es mit den Worten des griechischen Philosophen Perikles zu sagen: »Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorherzusagen, sondern auf sie vorbereitet zu sein«.
Nicht von den Krisen ablenken lassen
Zweitens gilt es, sich nicht von der medialen Dauerbeschallung rund um die Krisen dieser Welt von dem Gesamtbild ablenken zu lassen. In der Regel lesen und schauen die Anleger viel eher Berichte über Katastrophen sowie besondere Glücksmomente, als über alltägliche bzw. eher unspektakulär verlaufende Entwicklungen. Viel bedeutsamer als Aufsehen erregende Einzelereignisse ist aber für den Anleger der Blick auf die langfristigen Entwicklungen der für die gewählten Anlageklassen, Regionen und Branchen wesentlichen Faktoren.
Viele Menschen hierzulande haben seit Jahren den Eindruck, als sei die Welt spätestens seit 2008 in einer Dauerkrise. US-Immobilienkrise, Banken und Finanzkrise, Euro- und Staatsschuldenkrise, Flüchtlingskrise sowie Absturz der Rohstoffpreise und jüngst der Brexit fließen scheinbar nahtlos ineinander über. Gleichzeitig waren in den vergangenen Jahren beispielsweise an den Aktien-, Anleihen- und Immobilienmärkten in vielen Regionen der Welt gute Renditen zu erwirtschaften. Wie passt dies zusammen? Für viele Anleger und Experten steht dies im Widerspruch, weshalb sie weiterhin an der Seitenlinie stehen und unverändert nicht investiert sind.
Die Weltwirtschaft fasst wieder Tritt
Natürlich gab und gibt es auf der einen Seite eine Vielzahl an Krisen – und diese gilt es auch überhaupt nicht kleinzureden. Aber auf der anderen Seite gibt es eine Vielfalt an positiven, die Weltwirtschaft vorantreibenden Faktoren. Das Überraschende für viele hierbei: Unterm Strich werden die Krisen überkompensiert!
Die größte Volkswirtschaft der Welt, die USA, hat wieder Tritt gefasst. Die US-Immobilienkrise ist größtenteils überwunden, der Arbeitsmarkt hat sich deutlich verbessert, das Verbrauchervertrauen ist zurückgekehrt. Chinas Wirtschaft verzeichnet zwar mit gut 6 Prozent geringere Wachstumsraten als in der Vergangenheit. Gleichwohl ist das absolute Wachstum der mittlerweile zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt unverändert beeindruckend. Japan als Nummer 3 in der Welt überwindet aktuell Rezession und Deflation. Deutschland, als viertgrößte Volkswirtschaft, zeigt sich seit Jahren robust. Indien beschleunigt sein Wirtschaftswachstum und auch Afrika kommt gesamtwirtschaftlich voran.
Die Profiteure des Bevölkerungswachstums in Asien und Afrika
Insgesamt leben auf der Erde mittlerweile über 7,4 Milliarden Menschen. Zuvorderst in Asien mit mehr als 4 Milliarden Einwohnern und in Afrika mit nochmals gut einer Milliarde Menschen, Anzahl jeweils weiter steigend. Der Altersdurchschnitt dieser Völker ist zumeist deutlich niedriger als bei uns. Hunderte von Millionen junger Menschen, die immer besser ausgebildet sind und deren Kaufkraft entsprechend steigt, wachsen dort in den nächsten Jahren erstmals in den Konsum hinein. Deren Volkswirtschaften erwirtschaften mittlerweile die Hälfte der Weltwirtschaft, Tendenz weiter zunehmend!
Profiteure sind nicht nur dortige lokale Unternehmen, sondern ebenso global aufgestellte, westliche Konzerne, deren Markenprodukte bei diesen jungen Käuferschichten als Statussymbole heiß begehrt sind. Somit profitieren beispielsweise führenden Markenhersteller beginnend im niedrigen Preissegment der eher konjunkturunabhängigen Konsumgüter (Nahrungs- und Genussmittel) bis hin zu Herstellern von Luxusgütern (Schmuck, Automobil). Darüber hinaus ist der Innovationszyklus ungebrochen – siehe nur die riesigen Themenfelder Digitalisierung, Automatisierung, Vernetzung oder (personalisierte) Medizin und Gesundheit sowie Energieeinsparung und alternative Energiequellen.
Erfreuliches Gesamtbild (nicht nur) für Anleger
Unternehmen finden somit oftmals hervorragende Rahmenbedingungen vor: Weltweit betrachtet steigende Bildung, Kaufkraft und Kundenanzahl, historisch niedrige Refinanzierungskosten, deutlich gesunkene Energie bzw. Rohstoffpreise sowie beschleunigte Innovationen.
Im Gesamtergebnis ergibt sich für viele Anleger überraschenderweise ein erfreuliches Gesamtbild der Weltwirtschaft. Wir rechnen analog zu den Vorjahren auch für dieses und nächstes Jahr mit einem jährlichen Wachstum der Weltwirtschaft von rund 3 Prozent.
Parallel hierzu müssen sich die Anleger aufgrund der praktisch nicht mehr vorhandenen Guthabenzinsen händeringend nach Anlagealternativen umsehen. Dies gepaart mit einer derzeit fairen, wenn nicht oftmals sogar günstigen Bewertung der wesentlichen Aktienmärkte und ordentlicher Dividendenrendite ist nach unserer Einschätzung auch weiterhin ein gutes Umfeld für die Aktienanlage. Beispielsweise liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Deutschen Aktienindex (DAX) bei gerade einmal gut zwölf und die Dividendenrendite im Schnitt bei gut Prozent.
Immobilien oder Anleihen sind keine echte Alternative
Zum Vergleich: Bei Immobilien in guter Lage wird mittlerweile nicht selten als Kaufpreis das 30-fache der Jahreskaltmiete aufgerufen. Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass diese Jahreskaltmiete nicht der jährliche Gewinn ist, sondern diese Mieteinnahme noch um Kosten, wie zum Beispiel Instandhaltungskosten, zu senken ist. Insoweit dürfte das »Immobilien-KGV« bei diesen Objekten eher bei 50 als bei 30 liegen. Oder blicken wir zum Anleihenmarkt: Bei der aktuell nicht mehr vorhandenen Verzinsung von 10-jährigen deutschen Staatsanleihen ist hier überhaupt kein »Anleihen-KGV« mehr berechenbar, sprich eine langfristige Wertsteigerung des eingesetzten Kapitals nicht möglich.
Darüber hinaus gilt es zu beachten, dass die private Altersvorsorge immer wichtiger wird: Das heutige gesetzliche Rentensystem hat keinen Kapitalstock aufgebaut, es lebt nur »von der Hand in den Mund«. Es gilt somit dringend, im Rahmen der privaten und betrieblichen Altersvorsorge selbst seinen eigenen Kapitalstock aufzubauen! Ob hierbei allerdings die klassische Lebensversicherung, welche die anvertrauten Gelder zum Großteil in historisch niedrig verzinste Staatsanleihen hochverschuldeter bzw. teilweise sogar überschuldeter Staaten investiert, der richtige Weg ist, darf stark bezweifelt werden.
Breite Streuung in dividendenstarke Weltmarktführer
Im Rohstoffsektor favorisieren wir Edelmetalle sowie auf dem deutlich reduzierten Preisniveau ausgesuchte Agrarrohstoffe und Energiewerte. Staatsanleihen sind in Anbetracht der historisch niedrigen Verzinsung bei gleichzeitig oftmals sehr hoher Staatsverschuldung mit größter Vorsicht zu betrachten, während Unternehmensanleihen vereinzelt noch ein interessantes Chance-Risiko-Verhältnis aufweisen. Beteiligungsmodelle mit langfristigen Haltedauern meiden wir in unserer schnelllebigen Welt komplett. Favorisiert sind von uns breit gestreute Investitionen in die dividendenstarken Weltmarktführer, deren Geschäftsmodelle an den zuvor skizzierten Entwicklungen langfristig partizipieren und deren Unternehmenswert nicht bereits überbewertet ist.
Andreas Grünewald, Jahrgang 1968, Gründer und Vorstand der Münchner Vermögensverwaltung
FIVV AG, befasste sich schon während seines Studiums zum Diplom-Kaufmann schwerpunktmäßig mit den Themen Kapitalmarktforschung und Finanzierung. Bereits als Student initiierte er mit 21 Jahren den
MÜNCHNER INVESTMENT CLUB (MIC) und entwickelte diesen zu einer der größten und erfolgreichsten Anlegergemeinschaften in Deutschland. Im Anschluss an seine Tätigkeit als Wertpapieranalyst bei der Privatbank Hauck & Aufhäuser gründete er im Jahre 1999 die FIVV AG.
Die unabhängige Vermögensverwaltung betreut Privat- und Unternehmerkunden, institutionelle Anleger und Stiftungen in ganz Deutschland. Darüber hinaus gehört Andreas Grünewald seit 2005 dem Vorstand des
Verbands unabhängiger Vermögensverwalter Deutschland e. V. (VuV) an, dessen Vorsitzender er seit April 2014 ist. Er ist regelmäßig zu Gast bei Diskussionsforen und Universitäten sowie ein gefragter Interviewpartner in den Medien