Keine Jahresendrally, aber etwas höhere Kurse

Thomas Buckard, MPF AG
Thomas Buckard / Bild: MPF AG
Die Stimmung an den Aktienmärkten ist schlecht. Wir halten das zumindest für eine gute Voraussetzung für etwas festere Notierungen.
Nach einer volatilen Seitwärtsbewegung im Sommer hat der DAX seit Ende Juli trotz der jüngsten Erholung rund acht Prozent verloren. An der Wall Street sieht es kaum besser aus. Auch der Dow Jones hat in den zurückliegenden Wochen circa fünf Prozent nachgegeben. Selbst der S&P 500, der nach wie vor von den großen Technologietiteln dominiert wird, hat seit Ende Juli spürbar korrigiert.
 
Natürlich gibt es für diese Abwärtsbewegungen gute Gründe. Das geopolitische Umfeld hat sich nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine durch den brutalen Angriff der Hamas auf Israel noch einmal verschärft. Dazu kommen noch die weiterhin ungelösten Spannungen zwischen den USA und China – protektionistische Maßnahmen wie Chips Act und Inflation Reduction Act in den USA sowie militärische Manöver der Chinesen vor den Küsten Taiwans belasten das konjunkturelle Weltklima.

Der Motor der Weltwirtschaft stottert

Gleichzeitig lahmt die Weltwirtschaft. Die Erholung der Konjunktur in der Volksrepublik nach dem Ende der Corona-Lockdowns fällt weitgehend aus. Peking ist offensichtlich nicht mehr wie früher bereit, mit umfangreichen Konjunkturprogrammen gegenzuhalten, wahrscheinlich, weil auch in China die Verschuldung inzwischen zu stark gestiegen ist. Der Motor der Weltwirtschaft stottert, was gerade eine Exportnation wie Deutschland im Besonderen trifft.
 
Zwar entwickelt sich die Konjunktur in den USA noch unerwartet stark. Die hohen und schnell erfolgten Zinserhöhungen der amerikanischen Notenbank Fed dürften aber noch nicht alle in der Realwirtschaft angekommen sein. Dafür braucht es erfahrungsgemäß rund ein bis zwei Jahre. Damit besteht auch in den USA die Gefahr, dass die Wirtschaft in eine Rezession abdriftet. Die letzten, deutlich unter den Erwartungen liegenden neuen Stellen sind erste Anzeichen für die Folgen der Zinserhöhungen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fed derzeit in jedem Monat für rund 90 Milliarden Dollar Staatsanleihen verkauft. Auch dadurch sind die Renditen der zehnjährigen US-Treasuries auf zwischenzeitlich über fünf Prozent gestiegen und machen Aktien damit schwere Konkurrenz.

Negative Rahmenbedingungen eingepreist

Alle diese aus Sicht der Aktienanleger negativen Entwicklungen sind aber den Marktteilnehmern bekannt und dürften in den Kursen weitgehend oder sogar ganz eskomptiert sein. Für positive Nachrichten scheint das nicht zu gelten. So ist die Inflation in den USA zuletzt zumindest nicht wieder gestiegen.
 
Fed-Chef Jerome Powell hat in der Vergangenheit immer wieder betont, sich bei seinen Entscheidungen an den volkswirtschaftlichen Daten zu orientieren. Angesichts der zumindest auf unter vier Prozent gesunkenen Geldentwertung und der Gefahr einer Rezession könnte die Zinspause somit länger anhalten. Wenn die amerikanische Wirtschaft im nächsten Jahr tatsächlich schrumpfen sollte, sind sogar erste Zinssenkungen denkbar.
 
In Europa sieht es ähnlich aus. Im Euroraum ist die Inflation zuletzt sogar auf 2,9 Prozent gefallen. Und Deutschland, die größte europäische Volkswirtschaft, ist bereits in eine leichte Rezession abgerutscht. Damit dürfte es der EZB schwerfallen, die Leitzinsen weiter nach oben zu schrauben. Vielmehr könnten die Geldhüter abwarten, wie stark sich die letzten Zinsschritte auswirken.

Konkurrenzdruck auf Aktienmärkte sinkt

Damit dürfte sowohl in den USA als auch in Europa das Top bei den Zinsen der Staatsanleihen erreicht sein, wodurch der Konkurrenzdruck auf die Aktienmärkte sinken würde.
 
Gleichzeitig besteht die Hoffnung, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten zumindest nicht weiter eskalieren. Auch wenn es zynisch erscheinen mag, die Börsianer ignorieren regional begrenzte Konflikte weitestgehend, zumindest bei der Aktienanlage. Zudem spielen Israel und Palästina für die Weltwirtschaft nur eine untergeordnete Rolle. Gefährlich würde es allerdings dann werden, wenn der Iran noch stärker in den Konflikt eingreift. Westliche Sanktionen könnten dann den Ölpreis weiter nach oben treiben. Doch so weit ist es noch nicht. Hinter den Kulissen laufen die diplomatischen Verhandlungen auf Hochtouren; hoffen wir, dass es zu keiner Verschärfung der Lage kommt.
 
Außerdem könnte es sein, dass sich die US-Konjunktur zwar abschwächt (was durchaus gesund wäre), aber nicht in eine größere Rezession abgleitet. Es bestehen nach wie vor gute Chancen für ein soft landing. Gleichzeitig könnte Europa sein wirtschaftliches Tief bereits erreicht haben. Zwar ist die Wirtschaft in Deutschland im dritten Quartal geschrumpft, mit 0,1 Prozent aber weniger stark als von den Wirtschaftsforschungsinstituten erwartet. Und der im Oktober erstmals seit April wieder gestiegene Ifo-Geschäftsklimaindex lässt auf eine Erholung der deutschen Wirtschaft hoffen.
 
Das stärkste Argument für die Aktienmärkte ist möglicherweise das angeschlagene Sentiment. Als der DAX im Sommer bei mehr als 16.500 Punkte notierte, zeigten sich die Anleger insgesamt bullish. Jetzt, rund 1.500 Zähler tiefer, herrscht Katzenjammer, und gerade die Deutschen sind schließlich Weltmeister im Pessimismus. Das könnte, wie schon so oft ein guter Nährboden dafür sein, dass die Aktien am Jahresende höher notieren als heute. Auch wenn eine fulminante Jahresendrally eher unwahrscheinlich scheint, dürfte es sich als Fehler erweisen, jetzt nicht an den Börsen investiert zu sein.
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Thomas Buckard ist Vorstand und Gründungsmitglied der MPF AG, Wuppertal

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