Paris – oder die Qual der Wahl

Norbert Betz
Das Urteil des Paris im Nymphenburger Park / UK
Einmal mehr wollen wir Fehler und Risiken bei der Kapitalanlage mit Hilfe eines kurzen Ausflugs in die griechische Mythologie kenntlich machen. Keine Sage dürfte so bekannt sein, wie diejenige um den Trojanischen Krieg. Leider auch so aktuell, nicht nur, weil kriegerische Auseinandersetzungen noch immer Gang und Gebe sind, man denke nur an Afghanistan, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass wir bei ungebetenen Gästen in unserem Computer gerne von „Trojanern“ sprechen. Was genau genommen Unsinn ist, denn es waren ja die feindlichen Griechen, die sich heimlich per hölzernem Pferd nach Troja eingeschlichen haben. Wir wollen kurz an den Ursprung dieses zehnjährigen Krieges erinnern:
 
Vor dem naiven Jüngling und Hirten Paris erscheinen Hera, die Gattin des Zeus, Athene, die Göttin der Weisheit, und Aphrodite, die Göttin der Liebe, und fragen ihn, wer die Schönste im Lande ist. Derjenigen soll er einen goldenen Apfel überreichen – das „Urteil des Paris“ fällen. Dass diesen Apfel ursprünglich Eris, die Göttin der Zwietracht, mit der Aufschrift „Für die Schönste“ versehen hat, soll uns nicht weiter belasten, könnte uns aber schon einmal stutzig machen.

Macht, Klugheit oder Liebe?

Wie hätten Sie entschieden? Macht (Hera), Klugheit (Athene) oder Liebe (Aphrodite)? Nun setzte Aphrodite auch noch nicht ganz legale Mittel ein: Sie hatte einen Zaubergürtel, geschmiedet von ihrem Gatten Hephaistos, der sie in den Augen aller (Männer?) unwiderstehlich machte. Also überreichte Paris prompt ihr den Apfel - hatte er überhaupt eine andere Wahl? Das aber war sein Fehler, denn damit brachte er die beiden mächtigsten Göttinnen gegen sich und sein Volk, die Trojaner, auf. Aphrodite versprach Paris im Gegenzug die schönste Frau der Welt – ohne ihm zu offenbaren, dass diese bereits vergeben war. Paris raubte Helena dem Griechen Menelaos und der Kriegsgrund für die Griechen war geliefert, der Untergang Trojas besiegelt.

Urteilskraft beim Aktienhandel

Eine lange Vorrede, ich gebe es zu. Aber geht es uns bei der Aktienanlage nicht ganz ähnlich? Wir stehen zwar nicht drei umwerfenden Göttinnen gegenüber, allenfalls einem profanen Bankberater oder Bankberaterin, ganz ohne Zaubergürtel, und einen Kriegsgrund liefern wir zum Glück auch nicht durch unsere Wahl. Wir erwarten nur eine ansprechende Rendite, um unser Depot zu vergolden. Aber wir stehen immer wieder vor der Frage, in welche Aktie, in welches Instrument, wir investieren sollen, um einen nachhaltigen Erfolg an der Börse erzielen zu können. Urteilskraft ist also auch beim Aktienhandel im hohen Maße gefragt. Denn die Entscheidung für eine Aktie ist immer auch eine Entscheidung gegen eine andere – das Wort „scheiden“ steckt in „Entscheidung“.

Chance und Risiko

Gerne lassen wir uns vom Glanz einer sagenhaften Renditeentwicklung leiten, ohne auf die Folgen, die Risiken zu sehen. Bietet uns Aktie A (Hera) eine Rendite von 5 Prozent, Aktie B (Athene) eine von 10 Prozent und Aktie C (Aphrodite) von 30 Prozent, entscheiden wir uns fast unisono für Aktie C. Der Haken: Chance und Risiko lassen sich nicht trennen. Wenn also der Markt nach unten geht, wird es den Highflyer C überproportional stärker treffen als den Mittelständler B oder das Dickschiff A. Tritt der Verlust beispielsweise doppelt so hoch ein wie die Gewinnerwartung war, verlieren Sie 10 Prozent, 20 Prozent oder gar 60 Prozent! Und um solche Verluste wieder hereinzuholen, brauchen sie bei Aktie A einen Gewinn von einigermaßen realistischen 11,11 Prozent, bei B bereits von 25 Prozent und bei C sogar von 150 Prozent! Das verdeutlicht das Risiko, das hohe Kursversprechungen beinhalten. Chance und Risiko sind siamesische Zwillinge, die gibt es nicht getrennt voneinander.

Realismus und Ausgewogenheit siegen

Der wichtigste Treiber für den Börsenerfolg ist jedoch die Zeit. Also die Dauer des Zeitraums, in dem sich Ihr Kapital durch die aufgrund der Risikoübernahme entstehenden Überrenditen vermehren kann. Nebenbei müssen Sie nur das Risiko steuern. Das funktioniert durch die Streuung und nicht über die Suche nach dem „lucky punch“. Hasardeurtum und eine langfristig überlegene Rendite wohnen selten unter einem Dach. Paris jedoch ließ sich bei der Wahl keine Zeit und handelte, indem er Helena raubte, wie ein Hazardeur - dafür wurde er hart bestraft. Von vergifteten Pfeilen getroffen, weigert sich seine erste Frau, die er für Helena verstoßen hatte, ihn zu heilen und er stirbt qualvoll.
 
Damit Ihr Depot nicht qualvolle verendet, mein Rat zum Ende des Sommers und Beginn der heiße(re)n Aktienphase im Herbst: Lassen Sie sich vom Glanz hoher künftiger Renditen nicht becircen, bleiben Sie realistisch, setzten Sie sich erreichbare Ziele und hinterfragen Sie Ihre Anlageentscheidungen immer wieder (selbst)kritisch. Wahre Helden an der Börse sind vorsichtig und geduldig. Es gibt alte Piloten und es gibt kühne Piloten, aber es gibt keine alten, kühnen Piloten.
Der Text erschien leicht modifiziert im Nebenwerte-Journal

Norbert Betz, Leiter der Handelsüberwachung an der Börse München, setzt sich seit Jahren mit den Psychofallen an der Börse auseinander: als leidenschaftlicher Trader wie als distanzierter Marktbeobachter, als Referent (online und offline) und Autor.
Gemeinsam mit Ulrich Kirstein hat er Börsenpsychologie simplified, 2. Auflage 2015 , erschienen im FinanzBuchVerlag, geschrieben und für die Börse München das Booklet Psychofallen an der Börse. Wie wir sie erkennen und vermeiden.