KI-Angst frisst Börsenwert der Softwarebranche
Bisher verlief die Trennung zwischen Old und New Economy. Manuelle Prozesse wurden durch IT-gestützte Automation abgelöst. Doch jetzt wird die New Economy mit ihren digitalen softwaregetriebenen Prozessen angegriffen. Künstliche Intelligenz (KI) ist auf dem Vormarsch und macht Software obsolet, so die einhellige Meinung. Innerhalb dieser Branche kommt es zu einer Zweiteilung zwischen KI-Gewinnern und KI-Verlierern, die sich in den letzten Monaten nochmals deutlich beschleunigt hat. Der Markt unterscheidet also bei Technologieunternehmen zwischen denen, die durch künstliche Intelligenz Wachstumsschübe erhalten sollten und solchen, deren Softwarelösungen und Anwendungen von KI-Modellen verdrängt werden.
KI-Gewinner: Innovative und etablierte Halbleiterhersteller dominieren den Markt
Auf der Gewinnerseite sind vor allem die Hersteller von Halbleitern, deren Kurse teilweise exorbitant gestiegen sind. Zunächst waren (und sind) hier eher innovative Anbieter zu finden, die durch die Erfindung neuer Technologien wie die Verwendung von Grafikchips für die KI sich einen Marktvorsprung verschaffen konnten. Unangefochtene Nummer eins ist dabei Nvidia. Dessen High-End-KI-Chips bilden das Fundament für die Entwicklung im Bereich der generativen künstlichen Intelligenz. Im Oktober 2025 durchbrach Nvidia als erstes Unternehmen weltweit die 5-Billionen-Dollar-Marke beim Börsenwert.
In der jüngsten Vergangenheit sind auch etablierte Unternehmen aus dem Halbleiter-Sektor gefragt, die im Bereich der Speicherchips beheimatet sind. Galten diese Unternehmen bis vor Kurzem noch als technologisch abgeschlagen, wurde inzwischen deutlich, dass der weitere Ausbau von KI eine hohe Nachfrage nach Speicherchips begünstigt. So hat sich die Gewinnerwartung auch dieser Halbleiterhersteller sehr stark erhöht, was sich in steigenden Kursen widerspiegelt. Aus diesem Bereich sind z.B. Micron Technologies und die südkoreanische SK Hynix zu nennen. Aber auch Intel, das bis vor Kurzem noch als ausdrücklicher KI-Verlierer gehandelt wurde, konnte zuletzt stark reüssieren.
Bis zu 900 Prozent Kursgewinne
Teilweise haben die genannten Werte in den letzten 12 Monaten bis zu 900 Prozent(!) Kursgewinn erzielen können. Bemerkenswert dabei ist, dass die fundamentale Bewertung aufgrund der gestiegenen Gewinnerwartung dabei sogar noch gesunken ist. Hier sollte sich ein anhaltendes Engagement also weiter positiv auswirken, da sich auf der Bewertungsseite eine Blase bisher so nicht erkennen lässt. Voraussetzung ist dabei aber, dass die Gewinnerwartungen sich auch grundsätzlich erfüllen werden.
KI-Verlierer: Markterwartungen bestätigen sich nicht auf fundamentaler Ebene
Zu den Verlierern des KI-Booms zählen in erster Linie Softwareunternehmen. Der Markt befürchtet, dass künstliche Intelligenz zu einer Disruption von deren Geschäftsmodellen führen wird. Erwartet werden mitunter starke Veränderungen, die teilweise bis zur Zerstörung bestehender Geschäftsmodelle führen könnten. Dieser Bruch wurde besonders in der jüngsten Vergangenheit nochmals deutlicher: Die pessimistischen Erwartungen an die künftigen Unternehmensergebnisse wurden negativ eingepreist. Hier sind „klassische“ Softwareentwickler zu nennen, wie SAP, das bis zu über 15 Prozent an einem Tag Ende Januar des Jahres sank oder Salesforce, das von seinem Höchstkurs knapp die Hälfte seines Börsenwertes verlor. Die jüngsten positiven Quartalsergebnisse konnten jedoch die Befürchtungen des Marktes bisher nicht bestätigen.
Schere öffnet sich immer weiter
Die Schere zwischen KI-Gewinnern und -Verlierern ist inzwischen extrem weit auseinandergegangen. Soll heißen: Während die KI-Gewinner sehr hohe Kursgewinne – über 80 Porzent seit Jahresanfang – aufweisen können, sind die KI-Verlierer nicht nur relativ zum Markt, sondern auch absolut, mit durchschnittlich 10 Prozent Kursverlust year-to-date, unter Druck geraten.
Aktuell stellt sich die Frage, ob hier nicht eine zu starke Differenzierung bei der Kursentwicklung entstanden ist. Vor allem bei den negativen Erwartungen im Hinblick auf Softwareunternehmen sehen wir eine Übertreibung.
Auch wenn sicherlich geschäftliche Anpassungen bei den Softwareunternehmen notwendig sind, erscheinen die Ausmaße der jüngsten Entwicklungen sehr extrem. Die bisherigen Unternehmensergebnisse und Aussagen der besagten KI-Verlierer spiegeln solche Extreme u.E. nicht wider. So ergeben sich in dem Bereich aus fundamentaler Perspektive interessante Anlagemöglichkeiten. Man sollte allerdings auf eine markttechnische Bodenbildung und auf ein verändertes Narrativ am Markt achten, bevor man größere Anlagen und/oder Umschichtungen in diesem Bereich tätigt.
Der gesamte Technologie-Sektor bleibt in dieser Gemengelage aus hohen (KI-)Erwartungen auf der einen Seite und übertriebenem Pessimismus bei den Softwareanbietern auf der anderen Seite weiterhin äußerst interessant. Innerhalb des Sektors eröffnen sich so neue Investitionsmöglichkeiten, wenn wieder mehr Realismus einkehrt.