Der Staat als Aktionär – und neuer Mitspieler an den Märkten
Während Washington Regulierungen abbaut und der amerikanische Staat auf dem Papier schrumpft, greift die Exekutive immer häufiger dort ein, wo es ökonomisch zählt. Für Anleger ist das keine Frage der politischen Gesinnung, sondern der Bewertung. Der amerikanische Markt bleibt der freieste unter den großen. Aber die Staatsgewalt ist in ihm nicht mehr nur Schiedsrichter, sondern auch Mitspieler.
Das sichtbarste Beispiel ist MP Materials, der einzige vollintegrierte Seltene-Erden-Produzent der Vereinigten Staaten. Größter Aktionär ist inzwischen das Pentagon mit rund 15 Prozent. Zugleich hat sich das Verteidigungsministerium verpflichtet, die Produktion der neuen Magnetfabrik abzunehmen – inklusive Mindestpreisgarantie. Staatliche Beteiligung, staatliche Abnahmegarantie, staatlicher Preisboden: Wir sehen in einer einzigen Transaktion drei Instrumente, die eine freie Marktwirtschaft nicht vorsieht.
Die neuen Rollen des amerikanischen Staates
Das mag nach mehr Staat, Bürokratie und Regulierung klingen. Tatsächlich dürfte 2026 jedoch eines der regelärmsten Jahre der amerikanischen Geschichte werden. Die Regulierungsagenda vom Frühjahr sieht die Rekordstreichung von 702 bestehenden Vorschriften vor. Für jede neue Regel sollen zehn gestrichen werden. Gemessen am Regelbestand schrumpft der Staat also. Dafür wächst er an anderer Stelle:
- Der Staat als Eigentümer: Washington hält rund 30 Unternehmensbeteiligungen von insgesamt etwa 26,7 Milliarden Dollar. Darunter knapp zehn Prozent an Intel durch umgewandelte CHIPS-Act-Zuschüsse sowie Positionen in Quantencomputing- und Rohstoffunternehmen wie Lithium Americas und Trilogy Metals. Beim Verkauf von U.S. Steel behielt die Regierung eine ‚goldene Aktie‘ – ein Vetorecht gegen Werksschließungen und Produktionsverlagerungen ins Ausland.
- Der Staat als Steuererheber: Der durchschnittliche Zollsatz auf US-Importe ist von rund 1,5 Prozent im Jahr 2022 auf elf Prozent gestiegen – der höchste Stand seit 1943. Für 2026 entspricht das etwa 1.500 Dollar je Haushalt. Erhoben wurden die Zölle ohne ein einziges Gesetz des Kongresses. Beispiellos ist zudem diese Konstruktion: Nvidia darf gegen eine Abgabe von 25 Prozent an China exportieren.
- Der Staat als Preissetzer: Das Energieministerium hält mehr als 20 Notstandsanordnungen aufrecht, mit denen unrentable Kohlekraftwerke am Netz gehalten werden. Die Anordnung erzwingt die Fortführung unwirtschaftlicher Anlagen und beeinträchtigt geordnete Investitionsplanungen. Die Zusatzkosten in Millionenhöhe tragen die Stromkunden
- Der Staat als Zugangswächter: Wer welche Rechenleistung kaufen darf, entscheidet sich fallweise über Ausfuhrlizenzen. Im Juni nahm ein Schreiben des Handelsministeriums zwei führende KI-Modelle binnen zwei Stunden weltweit vom Markt – ohne Verordnung und Begründung. Nicht der Preis, sondern eine Genehmigung entscheidet über den Zugang.
Staatliche Gunst hebelt freien Wettbewerb aus
Staatliche Eingriffe hat es in den USA auch früher schon gegeben. Der Unterschied zu heute liegt in der Form. Frühere Programme waren krisengebunden, vom Kongress beschlossen und befristet. Die heutigen Instrumente sind exekutiv, krisenfrei und ohne Verfallsdatum. Man kann außerdem einwenden, die staatlichen Anteile seien mit 26,7 Milliarden Dollar gering gegenüber einer Marktkapitalisierung von rund 60 Billionen Dollar und zudem stimmrechtslos. Das trifft zu, verfehlt aber den Punkt: Nicht die Beteiligungsgröße ist entscheidend, sondern welche Bedingungen damit einher gehen.
Wie schnell der Markt staatliche Gunst kapitalisiert, zeigen die Kursreaktionen: Trilogy Metals stieg nach Bekanntgabe der Staatsbeteiligung um rund 240 Prozent, MP Materials um 150 Prozent Intel um 49 Prozent. Für Anleger bleibt der US-Markt zentral, liquide und innovationsstark. Doch durch staatliche Eingriffe entstehen Kursbewegungen, die nicht aus operativen Verbesserungen stammen. Entscheidend ist künftig deshalb nicht nur, wie stark ein Unternehmen wächst oder wie profitabel es ist, sondern auch, ob es vom neuen Mitspieler Staat profitiert oder durch dessen Eingriffe benachteiligt wird.