Adrian Fritz, 21Shares

Der Angriff auf Venezuela und die Rolle neuer und alter Vermögenswerte

Welche Entwicklungen prägen den Krypto-Markt und haben langfristige Relevanz? Worauf sollten Krypto-Enthusiasten, -Anleger und -Besitzer aktuell achten? Das erläutern wir kurz in unserem kompakten, wöchentlich erscheinenden Überblick, dieses Mal zeigen wir, wie Bitcoin im Zuge geopolitischer Spannungen zunehmend als politisch neutrales, nicht-staatliches Wertaufbewahrungsmittel wahrgenommen wird. Beleuchtet werden die strukturellen Unterschiede zwischen staatlich kontrollierten Assets und digitalen Netzwerken sowie deren Relevanz für die langfristige Bewertung führender Krypto-Assets.

Adrian Fritz, 21Shares

Die jüngsten, dramatischen Ereignisse in Venezuela – allen voran das militärische Eingreifen der USA und die Entführung von Nicolás Maduro durch amerikanische Truppen –  wurden von den Märkten ambivalent aufgefasst. Neben dem offensichtlichen Signal erhöhter Unsicherheit verdeutlichen sie zugleich eine grundlegende Unterscheidung, die sich derzeit immer klarer abzeichnet: zwischen Vermögenswerten, die stark durch staatliche Kontrolle und politische Koordination geprägt sind, und solchen, die gerade von der aktuell stattfindenden geopolitischen Fragmentierung profitieren. Wie wir zeigen werden, gehört Bitcoin zunehmend zur zweiten Kategorie. Denn während klassische Rohstoffmärkte wie Öl unmittelbar auf Signale staatlicher Einflussnahme reagieren, entfaltet sich die Reaktion im Kryptomarkt entlang eines anderen Musters: Venezuela liefert so ein Lehrstück über die strukturelle Rolle digitaler, nicht-staatlich kontrollierter Assets in einer Welt zunehmender Machtblöcke.

Energie, Inflation und staatliche Steuerung

Die Reaktion der Energiemärkte auf die Entmachtung des venezolanischen Präsidenten verdeutlicht zunächst die Logik klassischer, politisch beeinflussbarer Assets. Ölpreise spiegeln weniger die aktuelle Fördermenge wider als Erwartungen über zukünftige Angebotskontrolle. Allein die Aussicht auf eine stärkere US-Einflussnahme auf venezolanische Ölreserven reichte aus, um die Preisstruktur nach unten zu verschieben – trotz kurzfristig unveränderter Produktion. So sank der Preis für ein Barrel US-Rohöl-Benchmark auf bis zu 56 Dollar, obwohl danach wieder ein Anstieg folgte.

Für die US-Wirtschaft ist diese Dynamik von besonderer Bedeutung. Energiepreise wirken direkt auf die Inflation und indirekt auf Produktions- und Transportkosten, etwa in energieintensiven Bereichen wie Rechenzentren und KI-Infrastruktur. Sinkende Inflationserwartungen erhöhen den geldpolitischen Spielraum der US-Notenbank. In diesem Sinne war die Marktreaktion der Ölpreise weniger geopolitisch emotional als makroökonomisch rational. Gleichzeitig hat eine solche Entwicklung globale Nebenwirkungen: Staaten mit hohen Förderkosten oder begrenztem geopolitischem Handlungsspielraum geraten unter Druck. Auch Bestrebungen zur Abkehr vom US-Dollar werden dadurch erschwert, da reduzierte Preissetzungsmacht im Energiesektor die Verhandlungsspielräume alternativer Abrechnungsmodelle einschränkt. Trotz aller langfristigen Potenziale venezolanischer Ölreserven, bleibt der reale Wiederaufbau ein Jahrzehntprojekt – ein klassisches Beispiel für die Diskrepanz zwischen Erwartung und  Realität.

Bitcoin: Neutralität statt Kontrolle

Der Kryptomarkt reagierte in Sachen Kursentwicklung gegenteilig. Bitcoin zeigte sich bemerkenswert stabil und profitierte weniger von konkreten Angebots- oder Nachfrageeffekten als von seiner wahrgenommenen Neutralität. In einer Phase erhöhter geopolitischer Spannungen wird Bitcoin zunehmend als internationaler, nicht-staatlicher Wertspeicher interpretiert – jenseits direkter politischer Steuerung. Zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugten Berichte über mögliche, bislang unbekannte staatliche Bitcoin-Bestände Venezuelas in Höhe von möglicherweise bis zu 600.000 BTC (rund 60 Milliarden US-Dollar). Unabhängig davon, ob sich diese Spekulationen bestätigen, ist der Effekt auf die Marktpsychologie aufschlussreich: Bitcoin wird nicht mehr nur als Investment, sondern als strategisch relevantes Asset auf staatlicher Ebene diskutiert. Diese Verschiebung im Narrativ ist entscheidend.

Parallel dazu spiegelte sich eine breitere Risikobereitschaft im gesamten Kryptomarkt wider. Besonders auffällig war dabei die Differenzierung zwischen politiknahen Token und neutralen Netzwerken wie Bitcoin – ein Hinweis darauf, dass Investoren zunehmend zwischen politischer Opportunität und struktureller Unabhängigkeit unterscheiden: Zwar stiegen sowohl die Trump-nahen Krypto-Assets Official Trump (TRUMP) und World Liberty Financial (WLFI) als auch Bitcoin, jedoch aus unterschiedlichen Gründen: Während erstere primär politisches Momentum und narratives Risiko einpreisen, wird Bitcoin zunehmend als politisch unabhängiger, nicht-souveräner Wertspeicher im Kontext geopolitischer Fragmentierung wahrgenommen.

Fragmentierung, De-Dollarization und digitale Werkzeuge

Die harsche Kritik aus dem BRICS-Umfeld an der US-Intervention in Venezuela unterstreicht den längerfristigen Trend zur geopolitischen Fragmentierung. Seit der Beschlagnahmung russischer Auslandsreserven im Jahr 2022 gilt die Nutzung von Fiat-Währungen und -Reserven als verstärkte  Gefahr. Entsprechend intensivieren viele Staaten ihre Suche nach Alternativen zum Dollar-dominierten System. Kryptoassets spielen dabei eine vielfältige Rolle: Sie können sowohl Instrument staatlicher Einflussnahme als auch Mittel zur Umgehung von Finanzkontrollen sein. Frühere Beispiele – etwa der Einsatz von Stablecoins zur Umgehung venezolanischer Kapitalverkehrskontrollen – zeigen, dass digitale Assets traditionelle finanzielle Engpässe umgehen können. Gerade diese Eigenschaft unterscheidet sie fundamental von physischen Rohstoffen.

Ausblick: Mehr als ein spekulativer Zyklus

Vor diesem Hintergrund verändert sich auch der Blick auf Bitcoin selbst. In einem Umfeld aus politisierter Geldpolitik, fragmentierten Handelsströmen und wachsender Unsicherheit wird Bitcoin zunehmend weniger als rein spekulatives Asset wahrgenommen, sondern als strategische Absicherung gegen systemische Risiken. Für den Bitcoin könnte das durchaus positive Effekte mit sich bringen und eine wichtigere Rolle könnte auch dem Kurs zugutekommen. Obwohl BTC das Jahr 2025 mit einem Minus von rund 6 Prozent seit Jahresbeginn abschloss, erscheinen die Aussichten für 2026 daher strukturell konstruktiv. Bereits in den ersten fünf Tagen des Jahres stieg das größte Kryptoasset um mehr als 7 Prozent im Wert, was auf einen frühen Start einer positiven Dynamik hindeutet, in dem die makroökonomische Unsicherheit und die geopolitische Fragmentierung weiterhin hoch sind. 

Historische Muster allein sind kein Garant für zukünftige Entwicklungen. Doch die Kombination aus geopolitischer Spannung, geldpolitischer Unsicherheit und wachsender Akzeptanz neutraler Wertaufbewahrungsmittel spricht dafür, dass Bitcoin genau in diesem Spannungsfeld an Bedeutung gewinnt – als Asset, das nicht von staatlicher Kontrolle lebt, sondern vom Willen der Menschen, unabhängiger von dieser zu werden. 

Adrian Fritz

Adrian Fritz ist Global Head of Research und verantwortet bei 21Shares die Research-Abteilung des Krypto-ETP-Anbieters. Fritz ist zusammen mit seinem Team für die Bereitstellung von Einblicken in den Kryptomarkt zuständig, einschließlich der Bereiche DeFi, NFTs, Krypto-Infrastruktur und den Entwicklungen von Krypto im Kontext der globalen Wirtschafts- und Geopolitik. Er absolvierte ein Masterstudium an der HULT International Business School in San Francisco und begann seine Karriere als Stockbroker in New York. Bevor er zu 21Shares kam, war er unter anderem bei Signature Management Consultants SL in Barcelona und als Financial Analyst bei Cellnex Telecom in Zürich tätig.  

 

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