Inflation als Basis für einen Rohstoff Super-Zyklus?

Leopold Zellwecker, steinbeis & häcker vermögensverwaltung
Leopold Zellwecker / Bild: steinbeis & häcker vermögensverwaltung
Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben. Auch wenn der Inflationsdruck derzeit weltweit nachlässt, befinden wir uns die nächsten Jahre strukturell in einem wellenförmig laufenden inflationären Zyklus. Als Beispiel können hier die 1940er herangezogen werden. Ähnlich wie damals ist die Staatsverschuldung heute hoch und der Realzins negativ. Auch das Thema Mangelwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg finden wir heute, verursacht durch die fortschreitende Deglobalisierung, Corona und den Ukrainekrieg in Form von Lieferkettenproblemen und der Energiekrise wieder.
Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen
Wie in der Vergangenheit waren Rohstoffe und Edelmetalle auch in der ersten Inflationswelle 2021/22 in der Lage inflationäre Tendenzen abzufedern bzw. die Kaufkraft zu erhalten. Einige Rohstoffunternehmen verdoppelten oder verdreifachten in dieser Zeit ihren Marktwert.

Rohstoffpreise sind gegenüber Aktien auf historischem Tief

Strategisch können Rohstoffe als Beimischung in einer Vermögensanlage sinnvoll sein. Sie sind in der Lage ein Portfolio zu diversifizieren, da sie ihre eigenen Zyklen haben und deshalb eine divergierende Wertentwicklung gegenüber Aktien und Anleihen aufweisen. Vergleicht man den GSCITR Rohstoff-Index mit dem S&P 500 kommt man zum Ergebnis, dass Rohstoffe im Vergleich zum Aktienmarkt letztmals während der Dotcom-Blase ähnlich günstig waren.
Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen
Geht man von einem Jahrzehnt höherer Inflationsraten aus, werden Rohstoffe und Rohstoffunternehmen sehr wahrscheinlich zu den strukturellen Gewinnern dieses Jahrzehnts gehören. Ein paar Rohstoffunternehmen sind bereits jetzt in der Lage Free Cashflow Renditen von über 20 Prozent zu generieren. Hinzu kommt, dass die derzeitigen Lagerbestände der LME (London Metal Exchange) für Aluminium, Kupfer, Nickel, Zink, Blei und Zinn auf den niedrigsten Wert seit über 25 Jahren gefallen sind.
Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen
Historisch betrachtet haben Rohstoff- und Edelmetallinvestments am besten in Phasen steigender Inflationsraten funktioniert. Dieser Vorteil kehrte sich jedoch bei einem Inflationsrückgang schnell um.

Ein aktiver Portfolioansatz, u.a. durch Branchenrotation, ist demnach in einem inflationären Zyklus von großer Bedeutung. Bei einer „Kaufen und Halten Strategie“ muss der Vermögensinhaber in der Lage sein, große Schwankungen zu ertragen und auszusitzen.

Angebotsknappheit als Rückenwind für Rohstoffinvestments

Trotz restriktiver Geldpolitik und steigenden Zinsen in USA und Europa sehen wir Rohstoffe weiterhin gut unterstützt. Themen wie das Re-Opening in China, der Inflation Reduction Act in Höhe von rund $ 430 Millionen in den USA, der globale Trend in Richtung erneuerbare Energien sowie die jahrelange Investitionszurückhaltung in der Branche, sollten in der Lage sein, die Rohstoffpreise auch bei fallenden Inflationsraten langfristig stabil zu halten.

Der Anleger hat hier verschiedene Möglichkeiten an einem solchen Trend zu partizipieren. Neben einem Direktinvestment in Rohstoffe besteht u. a. auch die Möglichkeit, sich an ausgewählten Rohstoffunternehmen zu beteiligen.
 
Rohstoffe:
Die einfachste Möglichkeit, sich an der Rohstoffentwicklung direkt zu beteiligen, ist der Kauf von sogenannten Exchange Traded Commodities, kurz ETCs. Hierbei handelt es sich um besicherte Schuldverschreibungen, welche die Wertentwicklung eines oder mehrerer Rohstoffe abbilden. Bei ETCs sollte sich der Anleger jedoch bewusst sein, dass es bei Futurekontrakten zu Rollverlusten kommen kann und der an der Börse gezeigte Spotpreis temporär deutlich vom Futurepreis abweichen kann. Diese Thematik konnte man im April 2020 beobachten, als der Crude Oil Future sein Tief bei minus $ 40 markierte.

Rohstoffproduzenten:

Aktien von Rohstoffproduzenten befinden sich derzeit in einem ungewissen Terrain. Nach starken Kursanstiegen befinden sich viele Unternehmen in einer Konsolidierungsphase. Ein künftiger Rückenwind kann von Infrastruktur- und Konjunkturprogrammen, sowie dem Re-Opening in China kommen. Der Trend in Richtung E-Mobilität und Dekarbonisierung wird zu einer Neuausrichtung der Minenbetreiber führen. Er bietet sowohl für Rohstoffproduzenten als auch für Investoren einen neuen Investment Case, welcher durch die steigende Nachfrage nach Metallen für die Batterieherstellung, Windkrafträder, Solarpaneele etc. geprägt sein wird.

Edelmetalle mit Sonderstellung

Edelmetalle haben eine Sonderstellung innerhalb des Rohstoffuniversums. Sie reagieren deutlich sensitiver auf Veränderungen bei Realzinsen und der Geldmenge. Natürlich werden Gold und Silber auch in der Industrie und bei der Schmuckerzeugung benötigt, vielmehr haben sie jedoch seit Beginn der Antike durch ihre Werthaltigkeit bewiesen, dass sie eines sind: Geld. Für Investitionen in Edelmetalle muss der Anleger nicht wie bei vielen Rohstoffen den Weg über Derivate gehen, sondern kann diese physisch erwerben.

Resümee

Edelmetalle konnten im letzten Jahr deutlich zeigen, wie wichtig sie in unsicheren Zeiten für die Stabilisierung eines Depots sind. Für Industrierohstoffe ist neben der Ausweitung der Geldmenge die Realwirtschaft von wesentlicher Bedeutung. Hier kann man beobachten, wie sich Infrastruktur- und Konjunkturprogramme bereits nachfrageseitig bemerkbar gemacht haben. Einer aktiven Beimischung verschiedener Rohstoffthemen sollte im vor uns liegenden Jahrzehnt daher eine besondere Bedeutung beigemessen werden.
Leopold Zellwecker ist Leiter Portfoliomanagement Privatkunden der steinbeis & häcker vermögensverwaltung in München.

Im Artikel erwähnte Wertpapiere

UC S&P 500 5.432,46 N.A.
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