Gut behütet – oder nicht

Ulrich Kirstein
Die Theresienwiese ohne Oktoberfest / Bild: UK
Jeweils zur Zeit des Oktoberfestes, der für viele wichtigsten Jahreszeit in München, haben wir uns mit einem Detail dieses größten Volksfestes beschäftigt. 2013 analysierten wir eine ganz besondere Heimatbindung, repräsentiert durch das Tragen der bayerischen Tracht, die wir in den folgenden Jahren Stück für Stück näher betrachtet haben: 2014 das kleinkarierte Wiesnhemd, 2015 das (überflüssige) Halstuch, 2016 die lange oder kurze Lederhose, 2018 das Dirndl, unterbrochen 2017 durch Wiesnlieder (noch ohne Layla) und abschließend 2019 nahmen wir den wichtigsten Konsumartikel, das Bier und seine bayerische oder nichtbayerische Herkunft unter die Lupe (oder den Maßkrug). Und dann war zwei Jahre Sendepause, die Theresienwiese konnte das werden, was sie ist, eine Wiese mitten in München, siehe auch unser blumenreiches Titelbild mit Blick auf Sankt Paul.

Was fehlt jetzt noch?

Und jetzt? Wir könnten uns nochmals mit dem Bierpreis beschäftigten, der tatsächlich zwischen 2019 und 2022 so stark gestiegen ist, wie noch nie zuvor – obwohl schon in „normalen“ Zeiten mit einer Inflationsrate unter 2 Prozent der Bierpreis in der Regel um die 5 Prozent gestiegen war – bei den Wiesnwirten wurde schon immer alles schneller teurer als sonst im Land. Zwei Jahre gab es dann den heftigen Bierpreisdeckel von 0 Euro weil 0 Wiesn.
Der Bierpreis des jeweils teuersten und günstigstens Bieres (Einheit: Maß) auf dem Oktoberfest seit 2005. 2020 und 2021 fand wegen Corona keine Wiesn statt. Grafik: BBAG
Was bleibt uns noch, um es näher aus und zu beleuchten? Vielleicht und nicht zuletzt angeregt durch den Tod und die Beerdigungsfeierlichkeiten der Queen wollen wir uns dem Wiesnhut zuwenden. Wie und in welcher Form behütet soll eigentlich die Wiesn besucht werden – und wie wird sie es?

Auf der Hut – der Mann

Macht vor, wie man sich auf der Wiesn wohl behütet - unser Kollege Hakan. Nicht nur im Armbrustschützenzelt ein Volltreffer! /Bild: MG
Für den männlichen Wiesnbesucher haben wir beim ersten Googlen einen hohen spitzen „Karnevalsteufel Seppel Hut“ entdeckt – die Bezeichnung spricht schon Bände, außerdem einen Bayernhut, der eher wie ein Westernhut aussieht, einen Seppelhut in grauem Filz und Trachtenhüte mit schmaler oder breiter Krempe in allen möglichen (und unmöglichen) Grüntönen oder in Knallrot – dabei ist Rotkäppchen doch ein Mädchen. Bei den meisten dieser Kopfbedeckungen würde aber selbst dem Wolf der Appetit vergehen. Gerne wird das Ganze noch garniert mit grüner Kordel als Hutband, Feder und am besten noch einem Edelweiß aus Stoff. All das wirkt irgendwie„trachtig“ und „urig“.
 
Immer zu tragen und nicht nur auf der Wiesn wäre der einfache Trachtenhut aus grauem, groben Filz, ein Tiroler- oder Jagdhut, mit einfacher Kordel als Hutband, klassischer Eindellung in der Krone, der Fachterminus für diese Art von Hut wäre wohl Fedora. Ein Hut, wie ihn etwa Luis Trenker bei jeder Gelegenheit getragen hat, ob im TV-Studio oder am Berg. Ohne läppische Feder und ohne Gamsbart – wobei, wann trägt der Bayer Feder und welche, und wann Gamsbart und warum? Nicht dass wir all diese Fragen beantworten könnten, aber der Gamsbart gehört eher zur Tracht der Gebirgler – die selbstverständlich auch zur Wiesn ins Tal hinuntersteigen. Der Gamsbart wird aus – natürlich – Gams-Haaren gefertigt, sonst heißt er profan Wildbart. Es handelt sich dabei um die Rückenhaare eines erwachsenen Gamsbocks, der dazu nicht zum Frisör geht, sondern kurzerhand erlegt wird, meist kurz vor dem Winter. Die hellen Spitzen der Haare werden als Reif bezeichnet. Je nach Größe und Fertigkeit des Binders werden die Haare von einem und bis zu zehn Gamsböcken benötigt, weshalb sie alles andere als günstig sind (am teuersten allerdings für den Gamsbock). Ob es auch eine vegane Variante gibt, ist nicht überliefert. Hutfedern hingegen, meist vom Fasan, Eichelhäher oder der Ente, werden gerne noch mit etwas Rehfell geschmückt. Auch Hahn wird gerne genommen und flauschiger Putenflaum dient der Abrundung.
 
Alles in allem, den Trachtenhut schlechthin gibt es genauswenig wie die eine bayerische Tracht, von allen Modifikationen auf Trachenbasis einmal abgesehen.

Lustig, lustig, Hendl

Apropos Modifikationen: Im Bereich des Läppischen bewegen wir uns mit blau-weiß-karierten Hüten zumindest der Form nach noch wie ein Trachtenhut wirkend und aus Papier hergestellt. Und dann wäre da noch die als „kultiger Bierfasshut“ angepriesene Kopfbedeckung, die einem vollen Maßkrug nachgempfunden wird. Warum auch immer man eine Maß Bier vor sich stehen haben und noch eine auf den Kopf setzen will. Wer es auf die Spitze treiben möchte, kann sich einen „Hendlhut“ mit auf Knopfdruck beweglichen Schenkeln aufsetzen. Aber wer will das schon? Dieses Kunstwerk gibt es erst seit 2016 zu erwerben, dabei hätte es auch eine einfache Narrenkappe getan! Wiesnhütte gibt es normalerweise direkt in den Festzelten zu erwerben, traditonellere Wiesnwirte weigern sich jedoch, Hendlmützen zu veräußern.

Gut behütet – Frau im Dirndl

Bei den Damen finden wir passend zum Dirndl Hüte mit großer, meist jedoch ziemlich kleiner Krempe und wer es ganz verwegen will, der setzt ein Minihütchen im Trachtenlook auf. Auch große, runde Landhaushüte werden gerade auch bei schlechtem Wetter gerne getragen. Je nach Länge der Feder erinnert manch ein Hut an alte Robin-Hood-Filme und an Lady Marian in Sherwood Forest. Auch zierliche Gamsbärte – oder sind es die entwendeten Rasierpinsel des Gefährten – werden gerne am Hütchen getragen. Zu manchen echten Trachten gehören grüne runde Filzhüte mit extrem flacher Krone, die an einen florentiner Strohhut (in der Fachsprache Canotier genannt) erinnern, verziert mit hohem, weißen Federbusch.
 
Nur beim Trachtenumzug zur Wiesn getragen aber in und um die Festzelte nicht in Mode ist die Haube, die über die Jahrzehnte der passende Kopfputz zur Tracht war. Wir zitieren hier einmal das Aussehen der Schwäbischen Trachtenhaube, die in ganz Süddeutschland verbreitet war: „Umschließt den oberen Teil des Hinterkopfes und greift mit zwei Laschen, die abgesteppt sind oder aus gerippten Samt bestehen und in Schläfenhöhe auf Bindebänder genäht sind, über die Wange“. Aha, deshalb auch im Volksmund „Backenhaube“ genannt. Im Prinzip sind der Form und den Bändern keine Grenzen in Länge und Breite gesetzt, von hinten sehen solche Trachten dann gerne wie laufende Hauben aus. Von München ausgehend verbreitete sich hingegen die Riegelhaube, eher ein Häubchen und gerne so bezeichnet, mit Schleife. Meist reich bestickt mit Gold- und Silberdrähten durchwirkt und mit Perlen, Pailletten und Stanzfolien verziert, entnehmen wir dem Bayerischen Trachtenverband.
Hinweise: Nach der Wiesn, ab dem 20. Oktober, gibt es im Bayerischen Nationalmuseum die Ausstellung „Hauptsache“ – Hüte. Hauben. Hip-Hop-Caps. Hüte verleihen Würde, heißt es da, nun denn, unser Aufruf an die Wiesnbesucher. Mehr Würde, bitte!

Einen Besuch wert ist auch das Deutsche Hutmuseum im schönen Lindenberg im Allgäu, hier ist eine Daueraustellung in einer ehemaligen Hutfabrik eingerichtet (www.deutsches-hutmuseum.de)

PS: früher, also richtig früher, so um 1900, als man noch „vornehm“ auf die Wiesn gegangen ist in Anzug und Weste, trugen die Männer Melonen, Zylinder, Strohhüte (je nach Wetter) oder zumindest Schiebermützen, gut erkennbar auch in der Verfilmung „Oktoberfest 1900“ in der ARD.