Zahltag im Wahnsinn
Mit der Bahn zum WM-Boykott
Die neuesten Daten zur Inflation sind wenig erfreulich, doch das Handelsblatt hält Trost bereit: „Preise steigen schneller – doch nicht alles wird teurer“. Da scheinen wir immer an die falschen Produkte zu gelangen. Und weil wir hier schon so oft Negatives über die Deutsche Bahn berichtet haben – nota bene – deshalb einmal eine positive Überraschung: „Deutsche Bahn macht erstmals seit sieben Jahren Gewinn“, erklärt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Wir erinnern uns an den biblischen Joseph und hoffen jetzt auf weitere sechs Jahre mit Gewinnen für die Bahn. Zu Geduld ruft die Börsen-Zeitung auf: „Autohersteller verschieben Aufschwung auf 2030“. Immerhin, aufgeschoben ist nicht aufgehoben… Falls er überhaupt jemanden findet, baut der Kanzler die Regierung weiter um: „Merz besetzt weitere Posten neu“, meldet das Handelsblatt. Manche Posteninhaber lernt man erst bei der Demission kennen. Irgendwie hatten wir schon immer den leisen Verdacht, die Fifa könne käuflich sein, jetzt soll das aber ganz offiziell passieren und Investoren sollen mehr als 4 Mrd. US-Dollar beisteuern, was die Süddeutsche Zeitung zu dem harschen Kommentar veranlasst: „Europa muss den Infantino-Spuk jetzt beenden“! Und offensichtlich tut es das auch: „UEFA droht Fifa mit WM-Boykott“, so ebenfalls der Süddeutschen Zeitung zu entnehmen. Immerhin mindert das die Chance der deutschen Nationalmannschaft, trotz neuem Trainer bereits in der Vorrunde auszuscheiden, deutlich. Über allem und allen schwebt die Hitze, manches Blatt wähnt uns schon im Purgatorium: „Glut-Ofen Oberbayern“, titelt die tz, während die Abendzeitung warnt: „Obacht! Die nächste Hitzewelle kommt“.
Volle Kassen – Top Chancen
Eine altertümliche, vergoldete, reich verzierte, monströse Registrierkasse mit offener Schublade und herauspurzelnden Euroscheinen und Münzen präsentiert Börse Online auf dem Titel. Eine volle Kasse also oder genau das, was der Finanzminister – oder der Münchner Stadtrat – gerne hätte. „Zahltag – Jeden Monat Dividende kassieren“, lesen wir dazu. Ein gläsernes Sparschwein, gefüllt mit roten und silbernen Herzen vor himmelblauem Hintergrund, zeigt Focus Money, dabei ist der Valentinstag schon lange vorbei. „Die 15 Top-Aktien der Profis“, steht unter dem Sparschwein geschrieben, in dem eindeutig mehr als 15 Herzchen liegen. Seltsam. Vielleicht hilft uns die Unterzeile weiter bei der Interpretation: „Exklusive Analyse: Das Beste aus 45.000 Aktien“. Also 45.000 Herzchen sind es jetzt auch wieder nicht. Bleibt uns noch Der Aktionär, der mit einer optisch verwirrenden Spirale aufmacht, die uns in den Wahnsinn treibt, nicht nur bei Hitze. Aber das ist auch so gemeint: „Tech-Wahnsinn“, lautet die Headline dazu. „KI-Superstars werden zu Fallen Angels – so sollten Anleger bei Micron, Alphabet und Co. handeln“. Also wir wissen nicht, wie Sie ihre gefallenen Engel handeln sollen, wo aber schon! Voller Optimismus gibt sich Euro am Sonntag: „Wieder gute Aussichten – Top-Chancen für Anleger“.
Wunder-Koffer
Wir könnten alles auf die Hitze schieben, aber diese Woche zeigen wir uns etwas unentschlossen, welchen Bericht wir hier hervorheben sollen. Nehmen wir drei auf einen Streich und auch noch aus einer Zeitung und beginnen mit einer positiven Nachricht. Wobei das ein wenig Ansichtssache ist. „Das Koffer-Wunder“, schreibt die Abendzeitung. Tatsächlich taucht ein am Münchner Flughafen Anfang Januar (!) vermisster Koffer bereits Anfang Juli (!) wieder auf, wahrlich ein Wunder. Vor allem, weil er unbeschädigt war und einmal mehr bestätigt wurde, dass man auf Reisen eher keine Lebensmittel mitführen sollte, zumindest keine, die nicht reifen sollen. Wo sich der Koffer dieses halbe Jahr herumgetrieben hat, konnte nicht wirklich herausgefunden werden, er schweigt dazu. Womit selbstverständlich auch niemand Schuld an der leichten Verzögerung hat. Deutschland 2026.
Kellnerinnen-Parade
In Nummer zwei befasst sich die Abendzeitung mit dem für München wichtigsten Highlight des Jahres, das spätestens im Juni einsetzt und bis November dauert: Die Wiesn, das Oktoberfest. Aufbau, Abbau, Vorbericht, Nachbericht, irgendetwas gibt es immer zu berichten. Im Prinzip reicht das mindestens ein halbes Jahr für tägliche Schlagzeilen, umso mehr in diesem Jahr, wo es um Prozesse geht, weil jemand erst ein größeres und dann gar kein Zelt mehr will und auf europäische Ausschreibungen mit dann europäischem Bier setzt. Da hört für Münchner der Spaß auf und die Liberalitas Bavariae schwenkt in ein misslauniges Mia san Mia um. Und jetzt fällt noch eine andere Tradition: Die berühmte Kellnerinnen-Parade des Karikaturisten Emil Kneiß, die im Gleichschritt ihre Keferloher (vulgo Tonkrüge) vor sich hertragen, und die bisher den Paulaner-Turm zierten, wird ersetzt. Derzeit sind sie noch zu sehen, allerdings kopflos. Eine Ururenkelin soll Einspruch gegen die kostenlose Nutzung eingereicht haben, die Brauerei will den Turm aber eh verändern, man darf gespannt sein, wer oder was ihn künftig ziert. Zu kopflosen Zeitgenossen würde einem ja Einiges einfallen.
Ein Obolus für die Geduld
Nummer drei beschäftigt die Abendzeitung ebenfalls, hier wirft das Blatt die Frage auf: „Trinkgeld auch im Modegeschäft?“ Es liegt ja voll im Trend, dass wir Dienstleistungen selbst übernehmen müssen und uns dies auch noch als Fortschritt verkauft wird. Wir holen uns das Feierabendbierchen am Tresen und bezahlen es auch dort bevor wir gehen, aber selbstverständlich wird erwartet, dass wir dafür Trinkgeld geben – und nicht bekommen. Jetzt also auch im Modegeschäft, wo wir uns an den Mitarbeitern leise vorbeistehlen, um sie ja nicht zu stören. Wir warten geduldig vor der Umkleidekabine, krabbeln über die dort niedergelegten Kleiderberge, versuchen uns im matten Spiegel wiederzuerkennen, suchen erneut nach der richtigen Kleidungsgröße – die wir bisher trugen, muss irgendwie kleiner geworden sein – und reihen uns in die Schlange vor der Kasse ein. Warten wieder geduldig, bis vor uns Abendkleider, Hosen und Miederwaren erworben und/oder umgetauscht werden und wir endlich an der Reihe sind. Für diesen umfassenden Service sollen wir also künftig noch einen zusätzlichen Obolus verrichten. Warum auch nicht, erspart uns das doch teure Reisen in ein japanisches Zen-Kloster, um die Tugend der Geduld zu erwerben…