Wirtschaftsfiasko und DAX-Höhenflug: Der Schein trügt auf beiden Seiten
Um die 26.570 Punkte notierte der DAX zeitweise am Mittwoch – neuer Höchststand, schon wieder! Der deutsche Leitindex eilt seit Anfang August von einem Rekordhoch zum nächsten. Wie passt das zur Konjunkturflaute und Schlechtwetterstimmung, die die Wirtschaft hierzulande weiter fest im Griff hält? Der Schein trügt auf beiden Seiten.
Beim Blick auf die deutsche Wirtschaft, dominieren meist negative Nachrichten und Skepsis. Hohe Energiekosten, struktureller Reformbedarf und eine schwächelnde Industrie sorgen regelmäßig für Negativschlagzeilen. Positive Entwicklungen wie eine Aufwärtsrevision der vergangenen BIP-Wachstumsraten oder ein hoher Auftragsbestand der Unternehmen dank zunehmender Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur gehen dagegen unter. Dennoch hat der DAX die Marke von 26.000 Punkten weit hinter sich gelassen und eilt im Moment von einem Rekordhoch zum nächsten. Wie passt diese scheinbare Entkopplung zusammen? Es sind im Großen und Ganzen vier Gründe:
Die Gründe für die Dax-Rallye
Nummer 1: Der DAX ist nicht die deutsche Wirtschaft – die 40 im deutschen Leitindex vertretenen Konzerne generieren den Großteil ihrer Umsätze und Gewinne im Ausland, vor allem in den USA und in Asien. Sie profitieren damit vom stärkeren Wirtschaftswachstum in diesen Regionen, während das heimische BIP nicht vom Fleck kommt.
Nummer 2: Starke globale Aufstellung statt lokaler Abhängigkeit – viele Schwergewichte im DAX verfügen über eine gute internationale Marktposition und sind zum Teil globale Marktführer in ihrer Branche, die flexibel auf internationale Nachfrage reagieren können. Ein schwacher Heimatmarkt macht sich in der Konzernbilanz oft weniger bemerkbar als die robuste Entwicklung auf den Weltmärkten.
Nummer 3: Zinsfantasie und Liquidität – die Aussicht auf eine Beilegung des Nahostkonflikts, sinkende Energiepreise, eine weniger restriktive Geldpolitik und im nächsten Jahr wieder sinkende Leitzinsen stützen die Aktienbewertungen, sowohl beim DAX als auch bei anderen Indizes – völlig unabhängig von regionalen Konjunkturdaten.
Nummer 4: Die Flut hebt nicht alle Boote, der Markt weiß zu differenzieren – es ist längst nicht so, dass alle DAX-Unternehmen gleichermaßen von der Rekordjagd an der Börse profitieren. Unternehmen, deren Geschäftsmodelle unter Druck stehen, wie beispielsweise bei den deutschen Automobilherstellern, weisen in diesem Jahr prozentual zweistellige Kursverluste auf. Dagegen haben Firmen, die vom globalen KI-Zyklus profitieren und die solide Geschäftszahlen vorlegen, bei der Kursentwicklung die Nase vorn.
Unterm Strich trügt der Schein und zwar auf beiden Seiten: Ein Rekordstand beim DAX ist kein Beleg für eine florierende Binnenwirtschaft. Umgekehrt bedeutet eine lahme Konjunktur im Inland nicht automatisch schwache Unternehmensbilanzen. Wer an der Börse investiert, kauft eben globale Ertragskraft und nicht das regionale Stimmungsbild.