Paul Schofield, Royal London Asset Management

Was kann uns die Weltmeisterschaft über das Investieren lehren?

Es ist wieder soweit: Das größte Sportfest überhaupt ist zurück. Die Tippspiele sind ausgefüllt, die Spielpläne hängen an den Wänden und für lang leidende England-Fans wie mich steigen die Hoffnungen. Und wie auf Kommando fangen wir an, so viele Fußball-Wortspiele wie möglich in unsere Texte zu packen.

Paul Schofield, Royal London Asset Management

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass die Parallelen zu den Aktienmärkten kaum zu übersehen sind. Optimismus, Überreaktionen und ein Hauch von Gruppendynamik – nur eben auf dem Rasen statt an den Kapitalmärkten. Wir glauben gerne, dass Märkte von Daten getrieben werden. Letztendlich aber sind es immer noch Menschen, die sie bestimmen. Im Grunde versuchen Fußballtrainer, dasselbe Problem zu lösen wie jeder Investor: Man verfügt über begrenzte Ressourcen, unvollständige Informationen und kann die Ergebnisse nicht vollständig kontrollieren. Man versucht, etwas aufzubauen, das robust ist und sich wiederholt anwenden lässt – wohl wissend, dass ein einziger Moment des Pechs jede Menge guter Arbeit zunichte machen kann.

Mit Unsicherheit umgehen

Jedes Turnier beginnt mit einer klaren Hierarchie. Es gibt die Mannschaften, von denen jeder erwartet, dass sie gewinnen: Frankreich und Spanien sind die klaren Favoriten. An den Aktienmärkten sind diese Giganten die Mega-Cap-Technologieriesen. Sie dominieren die wichtigsten Indizes und vereinen den Löwenanteil des globalen Kapitals auf sich. In sie zu investieren, fühlt sich sicher an, denn sie verfügen über einen breiten Spielerkader, unübertroffene Ressourcen und eine Erfolgsbilanz mit ziemlich konstanten Leistungen.

Die psychologische Falle der Favoriten ist jedoch in beiden Welten identisch. Wenn absolute Perfektion erwartet wird, verschwindet der Spielraum für Fehler. Wenn eine Fußballgroßmacht in ihrem ersten Gruppenspiel nur mühsam ein Unentschieden erreicht, geht eine Welle der Panik durch die heimischen Medien. Ähnlich verhält es sich, wenn ein Marktliebling Gewinne meldet, die lediglich „ausgezeichnet“ statt „herausragend“ sind: Der Aktienkurs kann dann eine scharfe Korrektur erleiden. Die Gefahr besteht nicht darin, dass das Unternehmen oder die Mannschaft plötzlich „schlecht“ geworden ist, sondern vielmehr darin, dass die Erwartungen die Realität überholt haben.

Die psychologische Falle der Favoriten ist in beiden Welten identisch

Unterhalb dieser Favoriten finden sich die interessanteren Chancen, die Underdogs. Diese Mannschaften sind gut genug, um es mit jedem aufzunehmen, aber nicht dem gleichen Druck ausgesetzt. Im Aktienbereich sind dies die Themenaktien oder die Schwellenländerfonds, die etwas abseits des Rampenlichts stehen. Sie sind weniger liquide, weniger prognostizierbar und weisen eine höhere Volatilität auf, bieten aber die verlockende Aussicht auf überdurchschnittliche Renditen. Ein Außenseiter steht nicht unter dem Druck wie ein Favorit. Das ermöglicht ihm eine gewisse taktische Freiheit. Für Anleger, die sie frühzeitig erkennen, können die Gewinne enorm sein.

Dazu kommen Überraschungen. Jedes unvergessliche Turnier wird durch den Moment geprägt, in dem ein absoluter Außenseiter ein Fußballimperium stürzt. Das sind die „Black-Swan“-Ereignisse der Sportwelt. Wenn Außenseiter plötzlich Weltklasse geworden ist. Es liegt fast immer daran, dass der Favorit selbstgefällig wurde und davon ausging, dass sein Ruf den Sieg sichern würde. Anleger, die ihr Vermögen zu stark auf einen einzigen Vermögenswert konzentrieren, weil dieser bisher immer gestiegen ist, begehen genau denselben Fehler wie ein Trainer, der einen niedriger platzierten Gegner unterschätzt.

Stärke in der Breite

Außerdem ist es leicht, sich von einem einzelnen Helden verzaubern zu lassen. Wir lieben die Vorstellung des charismatischen Mittelfeldspielers, der eine ganze Nation auf seinen Schultern tragen kann. Dieser Personenkult ist auf den Finanzmärkten ebenso weit verbreitet: Kommentatoren schwärmen regelmäßig von prominenten Führungskräften oder einer einzigen Hyperwachstumsaktie, die den gesamten Markt nach oben zu ziehen scheint.

Sich auf einen einzigen Superstar zu verlassen, ist eine unglaublich anfällige Strategie. Es reicht schon ein einziges Foul, um eine Katastrophe auszulösen. An den Börsen kann dieses eine verpatzte Tackling viele Formen annehmen. Es könnte sich um ein plötzliches hartes Durchgreifen der Aufsichtsbehörden, einen katastrophalen Ausfall der Lieferkette oder den abrupten Abgang einer visionären Führungskraft handeln. Wenn ein Portfolio extrem auf diesen einen glänzenden Vermögenswert konzentriert ist, hängt die finanzielle Gesundheit vollständig von einem einzigen Schwachpunkt ab.

Echter Erfolg im Turnier erfordert, ähnlich wie der langfristige Vermögensaufbau, eine starke Ersatzbank und das Bekenntnis zu echter Diversifizierung. Ein widerstandsfähiges Portfolio braucht eine ganze Mannschaft. Es braucht robuste, unscheinbare Verteidiger, die Ihr Kapital schützen, wenn der Markt volatil wird. Sie sind das finanzielle Äquivalent zum Bus vor dem Tor, um in einem schwierigen Konjunkturzyklus einen mageren, aber notwendigen Punkt zu sichern. Ein Beispiel sind Aktien aus den Bereichen Basiskonsumgüter und Versorger – Unternehmen, die vielleicht keine spektakulären Tore schießen, aber zuverlässig verhindern sollten, dass katastrophale Verluste hingenommen werden müssen.

Echter Erfolg auf dem Feld und am Markt erfordert echte Diversifizierung.

Zum ersten Mal findet die Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften statt. Diese Änderung verspricht eine Flut neuer Gesichter, unbekannter Hymnen und beispiellosen Trubel. Dies spiegelt perfekt die derzeitige Entwicklung an den Märkten wider: Wir befinden uns in einer Welle riesiger Börsengänge. Das bedeutet mehr Chancen, mehr Geschichten – aber auch eine größere Versuchung, der Aufregung statt der Substanz hinterherzujagen. Es ist leicht, sich von einer Debütgeschichte mitreißen zu lassen. Genauso leicht ist es, am ersten Tag zu viel für eine attraktive Aktie zu bezahlen. Die Lehre aus beiden Welten ist dieselbe: Selektivität ist entscheidend. Die Fähigkeit, über den Lärm hinwegzusehen und sich auf das zu konzentrieren, was langfristig nachhaltig ist: Verfügen die Unternehmen über die Ertragskraft, die Unternehmensführung und die Wettbewerbsvorteile, die erforderlich sind, um sich von aufregenden Neuheiten zu dauerhaften Marktführern zu entwickeln?

Wenn der Schlusspfiff ertönt, reckt selten die Mannschaft den Pokal in die Höhe, die in der Gruppenphase den spektakulärsten Fußball gespielt hat. Es sind vielmehr die Mannschaften, die ihre Risiken kontrolliert, ihren gesamten Kader eingesetzt und ihre Taktik an den Gegner angepasst haben, die mit den Bedingungen zurechtgekommen sind und ihre Disziplin bewahrt haben, als der Druck seinen Höhepunkt erreichte. 

Die Märkte werden Phasen spekulativer Übertreibungen, unerwarteter Schocks und struktureller Veränderungen erleben, die die Spielregeln neu schreiben. Trotz alledem bleiben die Grundsätze einer soliden Portfoliozusammensetzung unangefochten. Wenn Sie jetzt die größte Show der Welt verfolgen, denken Sie daran, dass das Drama auf dem Rasen und das Drama an den Märkten von genau demselben menschlichen Geist angetrieben werden. Gewinner spielen auf lange Sicht, bauen eine starke Bank auf und setzen ihr Kapital geduldig ein.

Paul Schofield

Paul Schofield ist Head of Global Equities bei Royal London Asset Management. Royal London Asset Management zählt zu den führenden aktiven Fondsmanagement-Gesellschaften im Vereinigten Königreich und verwaltet ein Vermögen von 181 Milliarden Pfund (Stand: 30. Juni 2025) für ein breites Kundenspektrum. Als unabhängiger und engagierter Kapitalverwalter übernimmt Royal London Asset Management Verantwortung im Interesse seiner Anleger, um langfristigen Mehrwert für seine Kunden zu schaffen und positive gesellschaftliche Auswirkungen zu erzielen.