Was der geopolitische „strukturelle Wettbewerb“ für Anleger bedeutet
Denn geopolitische Risiken sind nicht mehr nur eine Reihe von Schocks, auf die an den Märkten reagiert werden muss; sie entwickeln sich zu einem dauerhaften Einflussfaktor, der Inflation, Fiskalpolitik, Verteidigungsausgaben, Energiesicherheit, Technologieführerschaft und Kapitalallokation prägt.
Wir beobachten zudem, dass sich Anleger auf drei Hauptkoordinaten der aktuellen geopolitischen Landkarte zu konzentrieren: den Rücktritt eines weiteren britischen Premierministers, den heiklen diplomatischen Tanz rund um die Straße von Hormus und die Eskalation der Kampfhandlungen in der Ukraine. Was die Auswirkungen auf Investitionen angeht, verblassen diese Ereignisse jedoch im Vergleich zu den Umwälzungen durch den sich immer stärker intensivierenden strukturellen Wettbewerb. In diesem Umfeld werden geopolitische Rivalitäten, offene Konflikte und ein hart umkämpfter Technologiewettstreit zu langwierigen Kraftproben, die erhebliche Auswirkungen auf politische Bündnisse und die Kapitalallokation haben.
Was bedeutet dieser strukturelle Wettbewerb für Anleger?
- Rechnen Sie mit strukturell höheren geopolitischen Risikoprämien.
- Richten Sie Portfolios nicht nur auf Effizienz, sondern auch auf Widerstandsfähigkeit aus.
- Betrachten Sie Verteidigung, Energiesicherheit, KI-Infrastruktur, Cybersicherheit und Redundanz in der Lieferkette als langfristige Themen.
- Bewerten Sie das Länderrisiko neu - unter Berücksichtigung von politischer Stabilität, staatlicher Finanzkraft und strategischer Ausdauer.
- Rechnen Sie mit häufigeren Schwankungen im Zusammenhang mit Schlagzeilen zu Öl, Inflation, Zinsen und regionalen Konflikten.
Schneller politischer Wechsel an der Spitze
Großbritannien startet, nach Keir Starmers Rücktritt und Andy Burnhams Einzug ins Parlament, mit einem neuen geschäftsführenden Premierminister in die zweite Hälfte des Jahres 2026. Für mich geht es dabei weniger um die einzelnen beteiligten Personen. Von größerer Bedeutung ist die Geschwindigkeit, mit der in westlichen politischen Systemen die Führungsspitzen wechseln. Keir Starmer ist der sechste britische Premierminister, der in den letzten sieben Jahren während seiner Amtszeit zurückgetreten ist. Frankreich hat seit Januar 2024 bereits fünf Premierminister verschlissen, von denen einer kaum einen Monat im Amt war. Japan hatte im ungefähr gleichen Zeitraum drei verschiedene Premierminister.
Dies spiegelt ein übergreifendes Muster in den fortgeschrittenen Demokratien wider: Die Wechsel an der politischen Spitze erfolgen schneller, als politische Handlungsfähigkeit entstehen kann. Dies wirft die Frage auf: Verlieren westliche Demokratien gerade dann an strategischer Ausdauer, wenn die Märkte diese zunehmend belohnen?
Anlageimplikationen: Politische Instabilität dürfte die Einschätzung der Anleger hinsichtlich der Fähigkeit eines Landes, seine Schulden zu begleichen, beeinflussen. Auf längere Sicht könnte sich dies auf die Kreditkosten, die Währungsstabilität und die Inflationserwartungen auswirken.
USA und Iran: Das Ölrisiko bleibt bestehen
Die wichtigste Entwicklung der letzten Zeit besteht darin, dass der diplomatische Prozess trotz anhaltender Drohungen in Bezug auf die Straße von Hormus, kontinuierlicher Spannungen im Zusammenhang mit dem Libanon und wiederkehrender Streitigkeiten zwischen den Parteien nicht zum Erliegen gekommen ist.
Der Schwerpunkt liegt weiterhin auf der Straße von Hormus. Der Atomstreit ist zwar nach wie vor von entscheidender Bedeutung. Es sieht jedoch zunehmend danach aus, als würde dies eher das letzte Kapitel werden. Die grundlegende Abfolge bleibt weiterhin bestehen: Zuerst die Straße von Hormus, dann die regionale Sicherheit, später die Nuklearfrage.
Anlageimplikationen: Der weitere Kurs erscheint unklar und umkehrbar. Dies lässt eine anhaltende Volatilität erwarten, da die Märkte auf das Risiko höherer Ölpreise und einer steigenden Inflation reagieren, wenn die Spannungen zunehmen – und dann wieder die Richtung wechseln, wenn das Umfeld günstig ist.
Russland-Ukraine-Krieg: Europas Aufrüstungszyklus scheint struktureller Natur zu sein
Dieser Konflikt verstärkt den strukturellen Wettbewerb als ein anhaltendes Thema mit klaren Anlageimplikationen, insbesondere für Europa. Die geopolitischen Rahmenbedingungen deuten auf anhaltende Spannungen hin. Auf der einen Seite eskaliert Russland die Lage weiterhin durch Raketen, Drohnen und gezielte Angriffe zur Einschüchterung. Auf der anderen Seite stellt die Ukraine weiterhin ihre Reichweite, Widerstandskraft und ihre Fähigkeit unter Beweis, tief im russischen Hoheitsgebiet Schaden anzurichten.
Anlageimplikationen: Jeder weitere Monat des Krieges festigt den europäischen Aufrüstungstrend weiter. Und der 800-Milliarden-Euro-Plan „ReArm Europe“ deutet auf eine strukturelle Neuausrichtung des Kapitals, der Politik und der industriellen Prioritäten Europas im Hinblick auf die nationale Sicherheit hin. Während der Markt die Verteidigungsausgaben weiterhin als zyklisch betrachtet, halten wir sie für strukturell und dauerhaft.
USA, China und Taiwan: Technologie wird zur Infrastruktur der nationalen Sicherheit
Für Anleger ist das zentrale Thema in China das Zusammenspiel von Technologie, nationaler Sicherheit und dem Wettstreit der Großmächte. Technologie wird zunehmend nicht mehr als wirtschaftliche Variable, sondern als Faktor der nationalen Sicherheit betrachtet.
Angesichts der fortschreitenden Entwicklung der KI dreht sich die grundlegende Frage immer weniger um Innovation und immer mehr um Kontrolle. Wer kontrolliert die Rechenleistung? Wer hat die Kontrolle über Speicherchips? Über die Daten, den Zugang, den Einsatz? Die Antworten diesbezüglich werden die Kapitalallokation bestimmen.
Anlageimplikationen: Die Beziehungen zwischen den USA und China entsprechen der These vom „kontrollierten Patt“. Anleger sollten die Entwicklungen bei der Halbleiterversorgung, den Investitionen in künstliche Intelligenz und Exportkontrollen im Auge behalten.
Nordkorea: Risiko mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit, aber potenziell erheblichen Auswirkungen
Kim Jong Un baut die nuklearen Kapazitäten aus und verankert sie in der verfassungsrechtlichen Identität des Staates. Jahrelang ging die internationale Diplomatie davon aus, dass Fragen rund um Atomwaffen letztendlich verhandelbar seien. Nordkorea bewegt sich stetig in die entgegengesetzte Richtung und strebt danach, seinen Nuklearstatus dauerhaft zu festigen.
Anlageimplikationen: Für Anleger stellt dies ein destabilisierendes Extremrisiko dar. Berücksichtigen Sie die Szenarioplanung für Extremrisiken, regionale Risikoprämien sowie Allokationen in den Bereichen Verteidigung und Raketenabwehr.
Auswirkungen des strukturellen Wettbewerbs auf Markt und Portfoliozusammensetzung
Für Anleger ist es entscheidend, den Fokus weniger auf einzelne Ergebnisse als auf die Strukturen zu legen, die die Marktentwicklung prägen: das ungelöste Ölrisiko rund um die Straße von Hormus; die ineinandergreifenden Belastungen in Europa in Bezug auf Wachstum, Energie, Verteidigungsausgaben, fiskalische Glaubwürdigkeit und politische Zersplitterung; sowie die fortschreitende Einbindung von Technologie und KI in den Bereich der nationalen Sicherheit.
Zusammengenommen deuten diese Faktoren auf ein Marktumfeld hin, das Widerstandsfähigkeit stärker als Effizienz belohnt und langlebige Chancen in Bereichen wie Halbleiter, Cybersicherheit, kritische Mineralien, Klimaresilienz und mit der nationalen Sicherheit verbundene Anlagen an den privaten Märkten schafft.
Die Aufgabe von Investmentexperten besteht daher nicht darin, jede geopolitische Schlagzeile vorherzusagen, sondern zu erkennen, wo der geopolitische Wettstreit zu einem festen Bestandteil in der Politik, bei den Ausgaben, in den Lieferketten und in der nationalen Strategie wird. Das sind die Bereiche, in denen Risiken möglicherweise falsch bewertet sind – und wo sich für aktive Investoren langfristige Anlagechancen eröffnen können.