Naomi Fink, Amova

Von Energieschock bis Systemrisiko: Was Anleger nervös macht

Was sind die aktuellen Hauptrisiken an den Märkten? Wir fassen einmal die wesentlichsten vom Energiepreisschock über Langfristzinsen bis zu systemischen Risiken kurz zusammen.

Naomi Fink, Amova

1. Energieschock und Eskalation im Nahen Osten

Der Iran-Konflikt könnte zu einer umfassenderen regionalen Konfrontation oder einem Stellvertreterkrieg führen – eine anhaltende Störung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus und/oder der Entzug von Versicherungsschutz ist in jedem Fall ein erhebliches Risiko.

Anhaltend hohe Ölpreise und deren Ausstrahlungseffekte würden zu einem erhöhten Stagflationsrisiko beitragen. Ein anhaltender Schock könnte die Fähigkeit der Zentralbanken zur geldpolitischen Lockerung einschränken. Das würde über höhere Kapital- und Lebenshaltungskosten sowohl Investitionen als auch den Konsum belasten – und damit auch die Aktienmärkte anfällig machen.

2. Anhaltende Inflation/globaler Straffungsschock

Zudem besteht das Risiko einer falsch kalibrierten Zentralbankpolitik. In diesem Szenario wird der Inflationsdruck nicht allein durch einen Energieschock getrieben, sondern auch durch eine weiter steigende Investitionsnachfrage im Technologiesektor. Sollten die Zentralbanken die Hartnäckigkeit der Inflationserwartungen unterschätzen, könnte die Geldpolitik länger als bisher erwartet restriktiv bleiben. Dies würde den Spielraum für Zinssenkungen einschränken und das Wachstum belasten. Höhere Realzinsen, ein Rückgang der Aktienbewertungen und Rentenmarktschwankungen wären die mögliche Folge.

3. Störung des KI-Investitions-/Technologiezyklus

Eine Kreditverknappung könnte den Boom bei den KI-Investitionen eindämmen. Die Margen der Anbieter könnten durch übermäßigen Wettbewerb unter Druck geraten. Unternehmen, die technisch nicht ganz vorne mitmischen, wären dem Risiko ausgesetzt, dass ihre Geschäftsmodelle beschleunigt veraltern.

Ein plötzlicher Anstieg der Finanzierungskosten wäre besonders gravierend. Er könnte die Kapitalrenditen von Hyperscalern durch explodierende Kreditkosten schmälern. Das würde den Investitionsboom rasch abkühlen und die Aktienkurse belasten. Bliebe eine solche Entwicklung auf den Tech-Sektor beschränkt, könnten eine Rotation des Aktienmarktes weg von diesem Sektor und eine Neubewertung der Nachhaltigkeit von KI-Investitionen folgen. Schwankende Aktienmärkte ebenfalls.

4. Schock bei privaten Krediten/Belastung des Finanzsystems

Befürchten lässt sich auch ein Szenario, in dem die Belastungen von den privaten Kreditmärkten auf das breitere Finanzsystem übergreifen. Rücknahmebeschränkungen bei privaten Kreditfonds könnten die Liquiditätsengpässe auslösen und die finanziellen Rahmenbedingungen verschärfen. Belastungen für regionale Banken, ein Übergreifen auf die öffentlichen Kreditmärkte, sich ausweitende Spreads und eine Neubewertung von Risikoanlagen könnten damit einhergehen. Kurzfristige Stundungen könnten die Bilanzen anhaltend belasten und damit die Wachstumsverlangsamung verlängern.

5. Schocks bei Langfristzinsen und fiskalischer Tragfähigkeit

Die Wahrscheinlichkeit eines Schocks für die fiskalische Tragfähigkeit könnte heute höher sein als in früheren Zyklen, einfach aufgrund der historisch hohen Schuldenquoten in vielen Industrieländern. Diese Risiken wären verstärkt spürbar, falls sich fiskalische Ausgaben, eine Ausweitung der privaten Kreditvergabe und erhöhte Inflationserwartungen überschneiden sollten.

In Japan hat sich die Haushaltslage zwar mit der Reflation scheinbar verbessert, doch die Schuldenquote bleibt hoch. Die jüngsten Schwankungen am Markt für japanische Staatsanleihen unterstrichen die Sensibilität langfristiger Anleihen gegenüber der fiskalischen Glaubwürdigkeit. Eine Kombination aus erneuter fiskalischer Expansion und einer verzögerten Straffung der Geldpolitik durch die BOJ würde sich auf die Finanzierungskosten für Unternehmen und private Haushalte auswirken.

Systemische Risiken

Diese Risikoszenarien sind verstärkt miteinander verflochten. Während das Eintreten mehrerer Ereignisse in der Regel weniger wahrscheinlich ist als das einzelner Szenarien, können kombinierte Schocks weitaus größere Auswirkungen haben als die Summe der einzelnen Schocks. Die Wahrscheinlichkeit eines systemischen Schocks liegt daher nicht bei Null – und dessen Auswirkungen wären extrem hoch.

Naomi Fink

Naomi Fink ist Global Strategist bei Amova Asset Management. Amova AM ist ein globaler Asset Manager mit Sitz in Japan. Unsere Geschichte begann 1959 mit dem Ziel, Privatanleger und institutionelle Investoren weltweit dabei zu unterstützen, ihre finanziellen Ziele zu erreichen. Unsere über 200 Anlageexpertinnen und -experten managen eine breite Palette von Strategien mit einem verwalteten Vermögen von 260,3 Milliarden US-Dollar (konsolidert). Wir gestalten gemeinsam mit unseren Stakeholdern eine bessere Zukunft durch fortschrittliche Investmentlösungen. Amova Asset Management ist stolzes Mitglied der Sumitomo Mitsui Trust Group. Nikko Asset Management wurde mit Wirkung zum 1. September 2025 in Amova Asset Management umbenannt.