Ulrich Kirstein, Börse München

Verborgene Rente

Die Woche läuft nicht besonders glücklich für den Dax, einen herben Rückschlag erfuhr er am Dienstag, als es um 350 Punkte bergab ging. So richtig erholt hat er sich davon nicht, im Gegenteil, es geht weiter bergab. Die 25.000 Punkte rücken in immer weitere Ferne.

Ulrich Kirstein, Börse München

Heiße Reformen

Das Thema der Woche in Deutschland und mindestens im benachbarten Frankreich ist die anhaltende Hitze. „Heiße Zeiten“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Abendzeitung fährt fort: „Der Hitzemarathon geht in die nächste Runde“. Weshalb von allen medialen Seiten Tipps über das richtige Verhalten bei Hitze auf uns niederprasseln. Als Beispiel wählen wir den Berliner Kurier aus: „Genialer Hitze-Trick der Ägypter: So schlafen Sie in heißen Nächten gut“. Liegt der Sinn heißer Nächte nicht eher darin, nicht zu schlafen? Aber lassen wir das und plaudern aus dem Nähkästchen: Man soll sich in ein nasses Handtuch wickeln zur Nacht. Wir haben es noch nicht ausprobiert, aber im Einwickeln von Menschen haben die Ägypter schließlich eine jahrtausendealte Erfahrung. Ein weiteres Thema: Der Aktienkurs von SpaceX verglüht zusehends und fällt auf etwa 130 Euro. „SpaceX-Aktie crasht: Musks Unternehmen fährt Milliardenverlust ein“, berichtet der Münchner Merkur. Immerhin scheint wenigstens die deutsche Wirtschaft ihr Stimmungstief zu überwinden, vielleicht wirken die angedachten Reformen der Bundesregierung schon im Vorhinein: „Wirtschaft krabbelt aus dem Stimmungstief“, schreibt die Börsen-Zeitung. Nach sprunghafter Verbesserung klingt das allerdings eher nicht. Apropos Reformen: „Der Kampf um die Rente beginnt“, schreibt die Süddeutsche Zeitung – ist die Regierung etwa einmal einig? Über die Weltmeisterschaft decken wir nach dem gestrigen Spiel besser den Mantel des Schweigens und hoffen auf Montag. 

Blaue Sehnsucht

Die Finanzmagazine präsentieren sich im sommerlichen Blau. Da sie überwiegend freitags erscheinen und mit der Farbe Blau gerne Sehnsucht verknüpft wird, sehnen wir uns bei ihrem Anblick nach dem nahenden Wochenende – von wegen blau machen. Der Aktionär präsentiert dazu ein Eis am Stiel in Herzform: „Favoriten für das zweite Halbjahr: Heiße Tage, cool kaufen – verdoppeln Sie Ihren Einsatz bis Jahresende“, heißt es dazu. Im Hintergrund schimmert blaues Meer und darüber blauer Himmel, was sonst? Dunkelblaues Meerwasser zeigt Börse Online, darin schwimmt ein Eisberg, der vor allem den Blick auf sein sehr viel größeres, dafür aber vergoldetes Unterwasserteil frei gibt: „Verborgene Werte“ lautet die dazu passende Headline. „6 Deep-Value-Aktien mit bis zu 30 Prozent Potenzial“. Das Schöne: Um die Titel zu finden, müssen Sie nicht tauchen, blättern im Magazin reicht völlig. Ein Rentnerpaar im Cabrio fährt bei Focus Money auf, darüber spannt sich blauer Himmel: „Sorgenfrei in Rente“, das ist aktuell schließlich das Thema schlechthin, über das sich die Regierung allerdings durchaus Sorgen macht. „So schaffen Sie den Absprung mit 63, 60 oder 57 Jahren – egal, welche Reformen kommen“. Dabei sollen wir doch alle länger arbeiten, nicht nur wegen der Rente, auch wegen der fehlenden Fachkompetenz? Weshalb uns zu blau noch der Renten-Blues oder das „Blaue vom Himmel lügen“ einfallen…

Stillstand vorm Hintereingang

Nein, wir wollen nicht ins allgemeine Bahn-Bashing  einstimmen. Eigentlich. Unser Großvater war zu einer Zeit Bahnhofsvorstand, als die Lokomotivführer noch die Nase hoch trugen und sich nicht schmutzig machten – das war die Aufgabe der Heizer. Zu ihrem Stolz zählten jedoch neben der Uniform (als Oberlokomotivführer zierten die Schulterstücke vier silberne Sterne) pünktlich verkehrende Züge. Doch kommt man aktuell nicht darum herum, egal welches Medium wir aufschlagen, sich mit Unzulänglichkeiten abzuplagen. Da stehen alle Züge länger still, weil eine falsche Hand es will? „Als nichts mehr ging“, konstatiert die Süddeutsche Zeitung nüchtern wie passend. „Ärger über Riesen-Panne bei Bahn“, schimpft der Münchner Merkur. Die Ursache: Ein falsches Update. Die typische IT-Lösung heißt wohl auch in diesem Fall: Stecker ziehen, stehenbleiben, abwarten und dann langsam wieder hochfahren? Als wäre das nicht Aufregung genug, wird nun aus Stuttgart 21 höchst offiziell Stuttgart 31. Und man weiß nicht recht, über was man sich mehr wundern soll, über zehn weitere Jahre Bauzeit oder über die Gründe der Verzögerung? Falsch verlegte Kabel?! Ein veraltetes Technikgebäude!? Eine dysfunktionale Notstromversorgung!? Dazu naiv gefragt: Existiert denn kein Plan, der zeigt, wo Kabel verlegt werden müssen? Und gibt es niemanden, der schaut, ob es auch so gemacht wird? Die Süddeutsche Zeitung umschreibt das Desaster jedenfalls etwas kryptisch: „Und dann nimmt die Bahn-Chefin den Hinterausgang“. Wir würden in Stuttgart gerne einmal den Haupteingang ohne Umwege aufsuchen. Ach, und dass der sagenhafte Bahnhof noch mehr kostet? Geschenkt: „Stuttgart 21 wird drei Milliarden teurer“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Das bedeutet, er wird um so viel teurer, wie 2009 die Gesamtkosten veranschlagt wurden und das summiert sich jetzt auf stolze 14,5 Mrd. Euro. 

Ulrich Kirstein

Ulrich Kirstein ist Pressesprecher und Leiter Öffentlichkeitsarbeit der Börse München. Er ist seit 2010 bei der Börse beschäftigt, zuvor war der studierte Betriebswirt und Kunsthistoriker u.a. Redakteur und Chef vom Dienst einer überregionalen Wirtschaftszeitung sowie Ausstellungskurator in München. Er ist außerdem Co-Autor von Börse für Dummies, Aktien für Dummies und Börsenpsychologie simplified.