Umbruch in Venezuela: Vorerst begrenzter Einfluss auf regionale Finanzmärkte
Nach Maduros Festnahme wurde die ehemalige Vizepräsidentin Delcy Rodriguez ins Amt gehoben. Nun wird erwartet, dass die USA das Land zusammen mit Rodriguez regieren, bis ein politischer Übergang stattfindet, der bis zu einem Jahr dauern kann. Dass die US-Regierung nicht die Oppositionskandidatin eingesetzt hat, deutet darauf hin, dass Rodriguez eher in der Lage sein dürfte, das Funktionieren der Regierung sicherzustellen und die verschiedenen Fraktionen des Chavismo zusammenzuhalten. Angesichts der fragilen Machtverhältnisse könnte bereits ein geringes Machtvakuum zu Chaos führen. Der kontrollierte Übergang bleibt entsprechend riskant. Die US-Militärpräsenz dürfte diese Risiken jedoch verringern. Gründe für die US-Intervention sind neben der Sicherung weiterer Ölvorkommen wohl auch das Signal an China, sich vom Kontinent fernzuhalten. Gleichzeitig sendet das Vorgehen der USA ein Signal an andere Weltmächte, die diese Einflussnahme als Präzedenzfall verstehen könnten – was die geopolitischen Risiken strukturell erhöht.
Obwohl die Entwicklungen in Venezuela bislang keine größeren Marktreaktionen ausgelöst haben, rücken zwei potenzielle Einflussfaktoren in den Fokus: mögliche Effekte auf den Ölpreis sowie politische Signalwirkungen für andere linke Regierungen in Lateinamerika.
Implikationen für den Ölmarkt
Der aktuelle Anteil der venezolanischen Ölproduktion an der globalen Gesamtproduktion ist mit rund 900.000 Barrel pro Tag relativ gering. Der kurzfristige Effekt auf den Ölpreis dürfte limitiert sein, hängt aber vom weiteren Verlauf ab. So kann es beispielsweise kurzzeitig zu operativen Störungen, Ausfällen von Arbeitskräften oder vorsorglichen Stilllegungen kommen. Bleibt die Lage stabil und wird auch das Ölembargo aufgehoben, ist ein leichter Produktionsanstieg denkbar. Aufgrund der veralteten Infrastruktur ist der Spielraum allerdings begrenzt.
Zwar verfügt Venezuela über rund ein Fünftel der weltweit nachgewiesenen Ölreserven und damit über die größten bestätigten Reserven weltweit. Ihre Erschließung würde jedoch erhebliche Investitionen erfordern und sich erst über mehrere Jahre hinweg realisieren lassen. US-Ölkonzerne dürften zunächst eine stabile Regierung abwarten, bevor sie sich engagieren. Laut Analystenschätzungen kann die Produktion in fünf bis sieben Jahren auf 2-3 Millionen Barrel pro Tag steigen. Dafür werden Investitionen von 10-12 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt. Mehrere US-Ölunternehmen zeigten bereits Interesse.
Generell bleiben wir mit dem Blick auf die tieferen Ölpreise im Sektor etwas vorsichtiger und bevorzugen staatseigene Ölproduzenten gegenüber unabhängigen Produzenten in der Region.
Geopolitische Auswirkungen auf Lateinamerika
Mit der Einflussnahme der US-Regierung in Venezuela haben sich die geopolitischen Risiken in der Region erhöht. Wir gehen allerdings nicht von einer Ausweitung militärischer Interventionen auf andere Länder aus. Andererseits haben wir in den letzten Monaten in lateinamerikanischen Ländern ein zunehmendes Engagement der US-Regierung beobachtet. Dabei werden vor allem US-freundliche Regierungen wie die in Argentinien mit finanzieller Unterstützung belohnt, während Gegner wie beispielsweise Brasilien zunehmendem Druck ausgesetzt sind, etwa in Form von höheren Zöllen.
Im Hinblick auf die anstehenden Wahlen besteht vor allem die Möglichkeit, dass die US-Regierung in Kolumbien und Brasilien indirekten Einfluss nimmt, um die amtierenden linken Präsidenten abzusetzen. Für den kolumbianischen Präsidenten Petro stellt der Abgang Maduros zudem eine politische Niederlage dar, da er diesen stets öffentlich verteidigt hatte. Insgesamt wäre eine mögliche politische Bewegung Richtung Mitte oder Mitte-Rechts in Kolumbien und Brasilien aus Marktsicht jedoch positiv zu bewerten und böte Potenzial für eine Outperformance. Wir bleiben deshalb in diesen beiden Ländern übergewichtet.