Super-El-Niño wird zum Stresstest für Unternehmen und Lieferketten
In ihren Prognosen vom Juni dieses Jahres beziffert die US-amerikanische Nationale Ozean- und Atmosphärenbehörde (NOAA) das Risiko eines starken El-Niño auf 63 Prozent. Es wäre einer der stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen. Dieses natürliche Wetterphänomen, das alle zwei bis sieben Jahre auftritt, bringt die Regenfälle aus dem Gleichgewicht und führt zu einem weltweiten Temperaturanstieg sowie je nach Region zu Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen. Klimaforscher schlagen Alarm, denn in einem bereits aufgeheizten Klima sind seine Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft umso stärker.
Agrarmärkte geraten zusätzlich unter Druck
Agrarprodukte, die aufgrund des sprunghaften Anstiegs der Energie- und Düngemittelpreise nach der Blockade der Straße von Hormus ohnehin schon unter Druck stehen, gehen geschwächt in diese neue Klimaphase. Ein Beispiel ist Kakao: Sein Preis stieg zwischen 2022 und 2024 sprunghaft um mehr als 130 Prozent auf über 12.000 Dollar pro Tonne. Zwar ist er inzwischen wieder um zwei Drittel gesunken, doch laut Barry Callebaut, einem der größten Kakaoverarbeiter der Welt, könnte eine neue El-Niño-Phase die Preise wieder um mehrere Tausend Dollar pro Tonne in die Höhe treiben. Knapp 60 Prozent der weltweiten Produktion stammen aus der Elfenbeinküste und Ghana. Ein Klimaschock dort würde also rasch auf die Hersteller und die Verbraucher durchschlagen. Das Schema ist dasselbe wie bei der Palmölproduktion, die sich auf Indonesien und Malaysia konzentriert. El-Niño würde eine ohnehin schon angespannte Lieferkette treffen, die wegen der starken Nachfrage nach Biodiesel unter Druck steht. Da Biodiesel auch Palmöl enthält, sind dessen Preise als Reaktion auf die Ölpreise gestiegen.
Energie, Rohstoffe und Transportwege werden anfälliger
Im Energiesektor verursachen die Nutzung von Klimaanlagen während Hitzewellen Verbrauchsspitzen, die die Stromnetze stark beanspruchen. Überhitzte elektrische Anlagen setzen die Netze zusätzlich unter Druck. Da die Leistung von Photovoltaikanlagen bei Hitze sinkt und aufgrund der Trockenheit weniger Strom aus Wasserkraft produziert werden kann, ist ein Rückgang bei der Erzeugung erneuerbarer Energien zu erwarten.
Während früherer El-Niño-Phasen kam es außerdem zu Produktionsrückgängen bei Kupfer aufgrund von Überschwemmungen in Chile und bei Aluminium wegen der Dürren in China. Beide sind kritische Rohstoffe, die wesentliche Bedeutung für die Energiewende haben. Zudem wird der globale Warenverkehr durch die niedrigen Wasserstände in den Flüssen beeinträchtigt.
Transformation erfordert deutlich mehr Kapital
Angesichts wiederkehrender Klimaschocks ist die Resilienz von Unternehmen und ihren Wertschöpfungsketten von höchster Priorität. Die Herausforderung besteht darin, Schwachstellen besser zu erkennen. Unternehmen, die in der Lage sind, die immer wieder auftretenden Auswirkungen zu antizipieren und bei ihren strategischen Entscheidungen zu berücksichtigen - beispielsweise bei der Auswahl ihrer Zulieferer oder ihrer Produktionsstandorte – werden sich am besten schlagen. Nur Anpassung gewährleistet den Fortbestand.
Die EU schätzt den jährlichen Finanzbedarf für die Anpassung an den Klimawandel auf 70 Milliarden Euro. Die derzeitige Finanzierung reicht also nicht aus. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Anpassungsinvestitionen beträgt laut der Global Commission on Adaptation oft zwischen 2/1 und 10/1.
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