Robert Halver, Baader Bank AG

Summertime but how easy is the living?

Viele von uns starten bald in den Sommerurlaub. Endlich freie Zeit, um abzuschalten. Früher haben sich auch die Finanzmärkte eine Auszeit genommen. In der heutigen (Finanz-)Welt gibt es kein Sommerloch mehr. 2026 sorgen der Iran-Krieg, Öl, Inflation, Zinsen, Konjunktur und KI für Stimmung im Börsensommer.

Robert Halver, Baader Bank AG

Ein bisschen Frieden im Iran-Krieg schafft auch Frieden an der Inflations- und Zinsfront

Erneute Kampfhandlungen und gegenseitig heftige Verbalattacken werde dennoch eine Verhandlungslösung nicht verhindern. Realpolitik wird trotz Wahnsinn reüssieren. Diese Einschätzung vertreten auch die Energiemärkte. Obwohl apokalyptische Reiter den Ölpreis bereits bei weit über 150 US-Dollar je Fass sahen, hat sich der Preis dramatisch von in der Jahresspitze 120 Richtung 70 abgeschwächt.

In der Wirtschaft hat alles mit allem zu tun. So wirken sich sinkende Energiepreise auch auf Preise, Zinsen und Geldpolitik aus. Wie Fußabdrücke am Strand haben fallende Inflationserwartungen auch Spuren an den Zinsmärkten hinterlassen. Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen hat die Jahreshöchstmarke von 4,7 längst nach unten verlassen.

Und gemäß der Theorie von der heißen Kartoffel, die weitergegeben wird, wird das auch die US-Notenbank nicht kalt lassen. Ihr neuer Chef, Kevin Warsh, mag bei seinem ersten wichtigen Auftritt als Fed-Chef die Bedeutung der Inflationsbekämpfung markant betont haben. Das hätten wir wohl alle getan, um keine zu große Nähe zum US-Präsidenten nahezulegen, der Zinssenkungen ähnlich liebt wie Golf.

Die Finanzmärkte gehen aber inflationsseitig schon von einer arg verwässerten restriktiven Zinspolitik aus. So sollte es im weiteren Verlauf zunächst zu einer freundlichen Seitwärts- und 2027 zu einer sonnigen Abwärtsbewegung kommen. Denn im Vergleich zum Vorjahr wird die Inflation ab Frühjahr 2027 purzeln, was die Finanzmärkte frühzeitig einpreisen.

Von der EZB ist auch keine kalte Dusche zu erwarten. Die, wenn überhaupt vorhandenen, Wachstumsraten verhindern jede strikte Geldpolitik.

Das wichtigste Börsenthema: KI zwischen Fantasie und Realität

D.h. von Seiten der Geldpolitik besteht für die Aktienmärkte, speziell High-Tech, keine große Gefahr.  

Doch wird aktuell die Bewertungsfrage fundamental in Zweifel gezogen. Wird zukünftig ausreichend Wachstum erzielt, das die Milliardeninvestitionen in KI rechtfertigt? Wären möglicherweise gestutzte Ausgaben für Rechenzentren und KI-Infrastruktur nicht ein schlechtes Omen für den gesamten Tech-Sektor? Und gilt nicht Gleiches für die Berichtsaison für das II. Quartal, wenn Ergebnisse und Prognosen auch nur ein bisschen verfehlt werden?

Ohnehin sei die Branche eng miteinander verflechtet. Investor und Kunde, Anteilseigner und Lieferant sind oft das gleiche Unternehmen. In guten Zeiten sorge diese „High-Tech AG“ zwar für Stabilität. In schlechten Zeiten jedoch könne ein instabiler Partner die anderen mit nach unten ziehen.

Übrigens, ist das Anzapfen des Anleihemarkts nicht der klare Beweis, dass der herkömmliche Weg über die Aktienseite ausgereizt ist und Geld händeringend benötigt wird? Und was ist mit technologischer Disruption? Was heute führend ist, kann morgen schon veraltet sein, zumal die chinesische Konkurrenz nicht schläft.

Zeigt die mögliche Verschiebung des Börsengangs von OpenAI nicht sowieso, dass man an der Fortsetzung der KI-Rallye zweifelt? Und ist die Verknüpfung von KI und Raumfahrt nicht ein Prozess, der weit in der Zukunft liegt?

Ist KI insgesamt also nur ein vorübergehender Zeitgeist ohne ausreichende Substanz?

All diese Fragen sind berechtigt. Doch finden sich auch gute Antworten.

Der Ausbau der Infrastruktur für Künstliche Intelligenz ist ein langfristig wachsendes Mega-Geschäftsmodell. Zunächst, da China geostrategische Stärke auch über IT-Führerschaft definiert, ist Amerika gezwungen, seinen technischen Fortschritt mit weiteren Quantensprüngen zu beflügeln. Die KI wird ganze Branchen wie beispielsweise die Industrie, das Gesundheits- und Finanzwesen deutlich produktiver machen.

Die Investitionen werden vor allem von den großen Cloud-Konzernen getragen, die über genügend Cash verfügen, aber sicher die Gunst der Stunde nutzen, ordentlich Kapital einzusammeln. Hallo, wir reden von Amerika.

Offensichtlich gibt es Unternehmen mit sehr, sehr, sehr überzeugenden Gewinnmargen. Ebenso offensichtlich scheint die Nachfrage nach z.B. HBM- Speicherchips für KI-Rechenzentren kein Ende zu finden. Und offensichtlich gibt es Unternehmen, die mit Erträgen aus Bereich A, Entwicklungen im Bereich B finanzieren. Das allmähliche Zusammenwachsen von Raumfahrt, Satelliten und KI hat begonnen. Aus der Vision wird Realität.

Auf dem Weg von der Vision zur Realität wird es zwangsläufig Enttäuschungen und Rückschläge mit nachfolgenden Aktienkorrekturen geben. Dazu gehören u.a. Quartalszahlen, die nicht immer dem olympischen Anspruch „Citius, altius, fortius“ entsprechen. Ohnehin wird es auch zukünftig in unserer (Finanz-)Welt den ein oder anderen schwarzen Schwan geben.

Am längerfristigen Erfolg ändern diese vorübergehenden Enttäuschungen nichts. Übrigens sind nicht nur die Dickschiffe zu betrachten. Die immer noch pionierhafte Branche High-Tech wird noch viele neue vielversprechende Unternehmen nach vorne bringen.  

Schließlich gibt es am Aktienmarkt nicht nur High-Tech. Mit sinkenden Ölpreisen und nachgebenden Zinsen werden z.B. die Industrie- und Rohstoff- bzw. Minenwerte an Attraktivität gewinnen. Auch beim Eis im Sommer gibt es nicht nur Vanille, sondern auch Erdbeere, Schokolade, usw.  

Über den Sommer kann es zu erhöhter Volatilität kommen, weil die o.g. pro-Argumente zwischendurch immer wieder abgeklopft werden. Aber auch im Sommer scheint nicht jeden Tag die Sonne.

Aber ohne Vola keine Cola. Von Kursschwankungen profitieren Anleger mit regelmäßigen Sparplänen.  

Für sie gilt durchaus: Summertime and the living is easy.

Robert Halver

Robert Halver leitet seit 2008 die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich in verschiedenen Positionen – darunter beim Bankhaus Delbrück und der Schweizer Bank Vontobel – bereits seit 1990. Der wortgewandte Aktienexperte ist durch regelmäßige Medienauftritte und Fachpublikationen sowie als Kolumnist einem breiten Publikum bekannt.

Disclaimer

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725