Benjamin Feingold, Feingold Research

Stärke im Verborgenen: Deutschlands Börsenstars der zweiten Reihe

Abfindungsprogramme und Stellenabbau prägen derzeit die Schlagzeilen über deutsche Großkonzerne. Dennoch gibt es in der zweiten Reihe Unternehmen, die Anlass zur Zuversicht geben.

Wenn in den Medien über hohe Abfindungen bei Mercedes-Benz, Bayer oder Audi berichtet wird und Gespräche sich darum drehen, wann Bosch-Mitarbeiter in den vorzeitigen Ruhestand gehen, wirkt die deutsche Industrie wie ein Konzern im Rückzug. Tatsächlich ist die Lage vielerorts angespannt. Immobilienmakler im Großraum Stuttgart berichten bereits, dass sich Häuser der mittleren Preisklasse schwerer verkaufen lassen – der Facharbeiter von Daimler oder Porsche meidet zunehmend Risiken. 

Auch Audi in Heilbronn sowie zahlreiche Zulieferer stecken in Schwierigkeiten, die durch milliardenschwere Investitionen der Schwarz-Gruppe notdürftig überdeckt werden. Wer in Leingarten oder Neckarsulm ein Eigenheim besitzt, profitiert: Denn Lidl ersetzt dort zunehmend die alte Audi-Wirtschaft.

Zweite Reihe ist ein Blick wert

In der Börsenwelt richtet sich der Blick analog oft reflexartig auf die DAX-Schwergewichte. Doch die echten Renditeperlen und spannenden Investmentstorys finden sich nicht selten in der zweiten und dritten Reihe – bei den Nebenwerten. Langfristig steckt dort viel Potenzial, das sich lohnt, genauer zu betrachten.

Die Zahlen sprechen für sich: Wer im Jahr 2000 50.000 Euro in den MDAX investiert hat, kann sich heute über ein Depotvolumen von rund 350.000 Euro freuen – das entspricht einer durchschnittlichen Jahresrendite von etwa acht Prozent. Im Vergleich dazu wirkt der DAXfast blass: Mit weniger als fünf Prozent pro Jahr wären aus denselben 50.000 Euro lediglich rund 170.000 Euro geworden. Natürlich ist auch das deutlich besser als klassische Sparformen, doch der Unterschied zwischen MDAX und DAX ist – überspitzt gesagt – der zwischen echtem Vermögensaufbau und dem bloßen Übertreffen eines Sparbuchs. 

Hohe Abhängigkeit vom Inland

Auch wenn der MDAX lange als Wachstumssegment galt, ist dieser Glanz in den vergangenen Jahren etwas verblasst. Während der DAX seit 2022 durchschnittlich um etwa zehn Prozent pro Jahr zulegen konnte, mussten Anleger im MDAX im selben Zeitraum sogar jährliche Verluste von rund fünf Prozent hinnehmen. Die jüngste Berichtssaison bestätigte dieses Bild: Die Unternehmen des Index erzielten im dritten Quartal lediglich durchwachsene bis schwache Resultate, die Gewinne lagen zwölf Prozent unter dem Vorjahresniveau. Besonders die Branchen Zyklischer Konsum und Chemie drückten auf die Gesamtentwicklung, während der Finanzsektor zumindest etwas Stabilität brachte. Insgesamt blieben die Gewinne rund sieben Prozent hinter den Analystenschätzungen zurück, und nur etwa die Hälfte der Firmen übertraf die Erwartungen.

Die Ursachen für diese schwächere Performance sind offensichtlich und zeigen die höhere Verwundbarkeit der mittelgroßen Werte. MDAX-Unternehmen erwirtschaften im Vergleich zu DAX-Konzernen einen etwa doppelt so hohen Umsatzanteil im deutschen Markt. Diese stärkere Abhängigkeit von einer heimischen Wirtschaft, die weiterhin kaum Schwung aufnimmt, bremst die Kursentwicklung und hält viele Investoren zurück.

Blick zurück

Zu Beginn des vergangenen Jahres herrschte aber noch die Erwartung, dass die MDAX-Unternehmen besonders stark von den angekündigten fiskalischen Impulsen und Strukturreformen profitieren könnten. Diese Hoffnung hat sich jedoch zerschlagen. Die Anleger ziehen inzwischen ein ernüchterndes Fazit: Aus Berlin kommt erneut weniger als versprochen.

Das Vertrauen schwindet daher. Internationale Fonds, die auf Nebenwerte spezialisiert sind, reduzierten ihre Positionen in deutschen Titeln. Das zählt zu den zentralen Gründen dafür, dass der MDAX in den vergangenen Monaten deutlich nachgegeben hat und inzwischen rund 15 Prozent unter seinem Hoch von 2021 liegt. Doch wo Rückschläge sind, entsteht oft auch Raum für Chancen. Aus heutiger Sicht sind sämtliche Erwartungen bereits aus den Kursen verschwunden. Sollten die fiskalischen Maßnahmen und Reformen – wenn auch verspätet – doch noch greifen und sich in den kommenden Quartalen in Umsatz- und Gewinnzuwächsen niederschlagen, wäre das Überraschungspotenzial erheblich. Vielleicht zeigt sich Deutschlands Stärke künftig tatsächlich eher in der zweiten Reihe. Ein Anfang wurde in den ersten Wochen des Jahres bereits gemacht. Der MDAX legte bereits um rund 3,5 Prozent zu. 

Benjamin Feingold

BENJAMIN FEINGOLD hat nach seinem BWL-Studium mit den Schwerpunkten Bankbetriebslehre sowie Internationales Management bei verschiedenen Banken im Handel sowie im Research gearbeitet. Noch während seines Studiums hat er erste Erfahrungen an der Börse gesammelt. Von 2000 bis 2007 war er bei Börse Online für derivative Produkte zuständig, anschließend als freier Redakteur dort tätig. Zu seinen zahlreichen Publikationen zählt das Tradinghandbuch „Handeln mit Futures und Optionen – Ein Leitfaden für den Privatanleger“, das er im FinanzBuch Verlag veröffentlicht hat