Sind Edelmetalle nur eine Illusion von Sicherheit?

Edelmetalle gelten in Krisenzeiten als das Maß aller Dinge. Doch scheint der Nahostkonflikt genau diese sichere „goldene“ Börsenregel zu torpedieren. Denn Gold und Silber befinden sich klar auf dem Rückzug. Besonders bemerkenswert ist, dass Gold sogar mehr verloren hat als alle anderen Anlageklassen. Ist alte Sicherheit das neue Risiko? Oder findet bei Edelmetallen nur eine Verkettung fataler Umstände statt, die keine lange Dauer hat?

Robert Halver, Baader Bank AG

Alles, was (für Gold) schiefgehen kann, geht auch schief?

Diese als Murphys Gesetz bekannte Lebensweisheit spüren die Edelmetalle derzeit deutlich. Ein Grund, warum Edelmetalle scheinbar ihren Sicherheitsstatus verloren haben, hängt auch mit ihrer bis dato grandiosen Performance zusammen. Ca. 20 Prozent zog der Silberpreis in den 10 Tagen vor Ausbruch des Iran-Krieges an. Beim Goldpreis waren es etwa 12 Prozent. Die Edelmetallmärkte waren aufgrund ihrer langfristigen Performance durchaus reif für Korrekturen. 

Impulsgeber waren dann tatsächlich steigende Energiepreise, über die sich Inflationsangst aufbaute, die wiederum nicht nur die Erwartungen an Zinssenkungen der Notenbanken zunichtemachte, sondern sogar Zinserhöhungen nahelegte. Und höhere Zinsen machen den zinslosen Edelmetallen immer das Leben schwer. 

Ohnehin machen große, in Gold anlegende Staaten Kasse, um mit den Erlösen ihre energieseitig angeschlagenen Volkswirtschaften zu stabilisieren. Und Investoren suchen nach Liquidität, um ihre Kunden zu beruhigen bzw. um Lücken durch Kursverluste bei z.B. Aktien zu stopfen. Zudem sind viele institutionelle Anleger gezwungen, umfangreiche Goldpositionen aufzulösen, um geforderte Sicherheitsleistungen (Margin Calls) bei anderen Vermögenswerten zu decken. Eine Bodenbildung wird sich erst dann einstellen, wenn diese Zwangsliquidierungen auslaufen. 

Nicht zuletzt sorgen technische Eintrübungen für Glanz beim Gold. Nachdem die Marke von 4.500 US-Dollar unterschritten wurde, liegt die nächste kritische Unterstützung deutlich unter 4.000 US-Dollar.

Eine besondere Härte spüren Goldminenwerte. Ihre monatliche Performance ist die schlechteste seit der Finanzkrise im Jahr 2008. Wie bei einem Schraubstock stehen sie von zwei Seiten unter Druck. Auf der einen Seite sinkt der Wert ihrer Gold- und Silberproduktion. Auf der anderen Seite explodieren die Förderkosten. Ein zentraler Faktor im Bergbau ist der Preis für Diesel, der seit Konfliktbeginn um ca. 60 Prozent zugenommen hat. 

Und auch die martialischen Äußerungen auf Seiten beider Konfliktparteien sprechen nicht für eine Konfliktentspannung, wenn von Ultimaten oder vom Baden in eigenem Blut die Rede ist.  

Insgesamt scheinen Edelmetalle aktuell nicht den Status eines sicheren Hafens zu haben.

Sind Edelmetalle nur eine Sicherheits-Fata Morgana? 

Müssen Gold und Silber also neu eingeschätzt werden. Ist auf sie im Krisenfall wider Erwarten doch kein Verlass?
Selbst wenn kurzfristig die Argumente für eine stark verwässerte Sicherheit bei Gold sprechen, lautet die längerfristige Antwort dennoch klar: Nein.

Zunächst, auf Trumps Unzuverlässigkeit können sich Anleger verlassen. Das hat er jüngst auch wieder bei seinem Ultimatum bewiesen, wonach er nach 48 Stunden mit der Zerstörung der iranischen Energieanlagen drohte, wenn Teheran die Straße von Hormus nicht vollständig und ohne Drohungen öffne.

Jetzt hat der US-Präsident die Frist für das Ultimatum verschoben. Mit Blick auf die kriegsmüde MAGA-Bewegung weiß der US-Präsident, dass er nicht überreizen darf. Ein sicherer militärischer Sieg ist in diesem Konflikt kaum erreichbar, ein ökonomischer Schaden dagegen sehr wohl. Anscheinend hat Teheran Steherqualitäten, die es für Gegenschläge nutzt. So ist nicht gewährleistet, dass eine Schädigung der Energieversorgung zu einem Einlenken des Mullah-Regimes führt. 

Überhaupt sind Ultimaten in der Geschichte fast vollständig gescheitert. Und solange im vorliegenden Fall der Iran darauf vertraut, dass die Zeit für ihn spricht, auch weil die weltwirtschaftlichen Daten sich jeden Tag mehr eintrüben, der Krieg für die USA immer teurer wird und die Gefahr einer blauen Revolution für Trump im November bei den Zwischenwahlen zunimmt, wird der Iran kein Ultimatum akzeptieren. Eher konvertiert die Teheraner Führung zum jüdischen Glauben.

Trump erkennt in der Iran-Frage: Je mehr er den Dreck mengt, umso mehr stinkt er. Er braucht also einen geruchsfreien Ausweg. Und hier bleibt Trump seiner grundsätzlichen Strategie treu. Er ist kein Ideologe, der seiner Meinung von heute auch morgen noch treu ist. Er ist pragmatisch, sehr flexibel und bedient sich dafür auch seiner eigenen Wahrheit. So spricht er von guten Gesprächen mit dem Iran und sogar einem Deal. Die Gespräche mit dem Iran, von denen Trump spricht, mögen zwar nicht stattgefunden haben und tatsächlich leugnet sie Teheran. Doch hat Trump damit Zeit gewonnen, um sich neu aufzustellen. Zumindest scheint Bewegung ins Spiel zu kommen.

Für die Märkte ist dieser Pragmatismus Trumps durchaus ein Trumpf. Er kann zu jedem ihm beliebigen Zeitpunkt den Gewinn des Krieges ausrufen und damit den Konflikt zumindest auf der Stimmungsebene deutlich entschärfen. 

Natürlich wird der Live-Ticker zunächst weiter über die Marktstimmung und bei Edelmetallen entscheiden. Die Volatilität wird einstweilen hoch bleiben, weil z.B. auch Saudi-Arabien überlegt, in den Konflikt zur Sicherung seiner Infrastruktur einzugreifen.  

Edelmetalle bleiben wertbeständig und krisensicher

Die Interessen an einer Beilegung des Konfliktes, der ansonsten zu Loss-Loss-Situationen auf allen Seiten führte, sollten Anleger aber nicht aus den Augen verlieren. Wann die Normalität zurückkehrt, kann im Augenblick noch nicht beantwortet werden. Aber sie wird zurückkommen. 

Dann wird sich der Blick der Edelmetallanleger wieder auf die weltweite katastrophale Überschuldung richten. Und in der Notenbankwelt wird man mit Blick auf den Schuldendienst wenig Muße haben, zinspolitisch restriktiv zu werden, um keine Finanzkrisen zu begünstigen. Eher wird die stillschweigende Akzeptanz von Inflation zunehmen, die die Staaten entschuldet, leider aber auch die Anleger entreichert. Überhaupt ist die Konjunktur auf die süße zinsgünstige Droge dringend angewiesen. 

Diese zunehmenden Bonitätsrisiken bei unzureichender Verzinsung werden weiterhin dafür sorgen, dass weltweit Währungsreserven in Gold investiert werden. Übrigens ist Silber neben Edelmetall ebenso ein unverzichtbares Industriemetall für die neue Wirtschaftswelt. 
Es gibt abseits von Schwankungen insgesamt keinen Grund, an der längerfristigen Sicherheit von Edelmetallen zu zweifeln. In unserer Anlagewelt gibt es nichts, was sicherer ist. Es ist keine schöne Illusion, es ist harte Realität. Auch zukünftig wird das Volkslied „Gold und Silber lieb' ich sehr, kanns auch gut gebrauchen“ ein Schlager in der Anlagewelt bleiben

Robert Halver

Robert Halver leitet seit 2008 die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich in verschiedenen Positionen – darunter beim Bankhaus Delbrück und der Schweizer Bank Vontobel – bereits seit 1990. Der wortgewandte Aktienexperte ist durch regelmäßige Medienauftritte und Fachpublikationen sowie als Kolumnist einem breiten Publikum bekannt.

Disclaimer

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725