Patrick McKenna, Mediolanum International Funds

Schwellenländer und Irankrieg: Asien korrigiert, Lateinamerika profitiert

Ein Großteil des Öls, das durch die Straße von Hormus fließen sollte, war für Asien bestimmt. Während Ölimporteure wie Indien, Korea und Indonesien jetzt stark unter Druck sind, können rohstoffreiche Märkte in Lateinamerika sogar profitieren. Wir analysieren die Lage in den Schwellenländern und verraten, wo wir Chancen sehen.

Patrick McKenna, Mediolanum International Funds

Mit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran und der weiteren Eskalation des Konflikts sind Schwellenländeraktien unter Druck geraten. Im März zogen Anleger jeweils mehr als zwei Milliarden US-Dollar aus Schwellenländer- und Asienfonds (ohne Japan) ab. Gleichzeitig gaben zahlreiche Schwellenländerindizes deutlich nach, ohne dass sich bislang eine klare Bodenbildung abzeichnet. Doch der jüngste Schock trifft die Schwellenländer keineswegs einheitlich – und er produziert nicht nur Verlierer.

Ölpreisschock belastet Importländer

Besonders anfällig sind derzeit die ölimportierenden Märkte Asiens. Mit der Sperrung der Straße von Hormus stieg Brent-Öl per 30. März auf rund 116 US-Dollar pro Barrel und steuert auf einen Monatsanstieg von knapp 60 Prozent zu. Entsprechend heftig fiel die Marktreaktion aus: Der südkoreanische Aktienindex Kospi brach zwischenzeitlich um nahezu 20 Prozent ein, und der MSCI Indonesia verlor seit dem 27. Februar fast 25 Prozent. Auch Indien geriet unter Druck. Nachdem sich der Markt im Februar noch von einer längeren Schwächephase erholt hatte, verlor der MSCI India mit der Eskalation im Nahen Osten innerhalb eines Monats fast 15 Prozent.

Länder wie Südkorea, Indonesien oder Indien sind in hohem Maße auf Ölimporte aus dem Nahen Osten angewiesen. Steigende Energiepreise belasten dort Wachstum, Außenbilanzen und Währungen, während sie zugleich den Inflationsdruck erhöhen. Damit schwindet der Spielraum der Notenbanken für Zinssenkungen. Das ist vor allem für jene Märkte problematisch, die eigentlich auf sinkende Zinsen zur Unterstützung von Wachstum und Bewertungen gesetzt hatten. Sollten die geopolitischen Spannungen anhalten und die Energiepreise dauerhaft hoch bleiben, dürften nicht nur die Lockerungszyklen ins Stocken geraten, sondern auch die Gewinnerwartungen weiter sinken.

Lateinamerika profitiert von Rohstoffpreisen

In Lateinamerika ist die Lage eine andere: Die Region profitiert von ihrer vergleichsweise neutralen Position sowie von ihren Rohstoffvorkommen. Höhere Preise für Öl, Metalle und Agrarrohstoffe können dort die Exporterlöse, die öffentlichen Finanzen und in Teilen auch die Wachstumsdynamik stützen. Das macht viele lateinamerikanische Märkte im aktuellen Umfeld deutlich robuster als große Teile Asiens.

Hinzu kommt die günstigere geldpolitische Ausgangslage. Brasilien etwa befand sich bereits vor der Nahost-Eskalation in einem geldpolitischen Lockerungszyklus. Das macht das Land für Investoren besonders interessant: Sinkende Zinsen stützen Konjunktur, Unternehmensgewinne und Bewertungen, während die rohstofflastige Wirtschaftsstruktur zugleich einen Puffer gegen den Ölpreisschock bietet. Anders als viele ölimportierende Schwellenländer verbindet Brasilien damit geldpolitischen Rückenwind mit einer vergleichsweise robusten außenwirtschaftlichen Position.

Selektive Einstiegschancen trotz höherer Risiken

Während Lateinamerika wegen seiner robusteren Ausgangslage und günstigen Perspektiven für Investoren interessant bleibt, eröffnen die Kursrückgänge in angeschlagenen asiatischen Märkten zugleich selektive Einstiegschancen. Regionen wie Indien haben bereits deutlich korrigiert: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI India liegt mit 19,7x auf Zwölfmonatssicht unter seinem Fünf- und Zehnjahresdurchschnitt. Gleichzeitig bleiben die Aussichten vielversprechend: Strukturelles Wachstum, Unternehmensgewinne und makroökonomische Perspektiven erscheinen weiterhin vergleichsweise stark. Sollte sich der geopolitische Schock als temporär erweisen, könnten gerade jene Märkte positiv überraschen, die zuletzt besonders stark abgestraft wurden.

Die zunehmende Differenzierung innerhalb des Schwellenländeruniversums erfordert eine genaue Betrachtung der Risiken und Chancen in verschiedenen Regionen. Abhängigkeit von Energieimporten, Inflationssensitivität, politische Zyklen, der Reifegrad der Wirtschaften sowie die sektorale Spezialisierung entscheiden zunehmend darüber, wie empfindlich einzelne Länder auf steigende Ölpreise, Schwankungen des US-Dollars oder andere externe Schocks reagieren. Wer Chancen in Schwellenländern nutzen will, braucht deshalb einen selektiven, aktiven Ansatz und eine breite Diversifizierung.

Patrick McKenna

Patrick McKenna istDeputy Head of Portfolio Management – Multi-Management bei Mediolanum International Funds. Mediolanum International Funds Limited (MIFL) ist eine irische Vermögensverwaltungsgesellschaft, zugelassen von der irischen Zentralbank zur Verwaltung von OGAW- und Nicht-OGAW-Fonds. Es handelt sich um das Zentrum für Research und Entwicklung (R&D) und Produktinnovation (MedLab®) der Mediolanum Banking Group, die mit Stand vom Dezember 2025 70 Fonds mit einem Gesamtvermögen von über 76,9 Mrd. Euro verwaltet.