Öl begeistert taktisch – doch Kernenergie gewinnt strategisch
Die langfristigen Aussichten für erneuerbare Energien dürften weiterhin durch die Elektrifizierung, den steigenden Strombedarf und politische Fördermaßnahmen gestützt werden, auch wenn Finanzierungskosten, Verzögerungen bei Genehmigungsverfahren und Engpässe in der Lieferkette Herausforderungen darstellen könnten. Tatsächlich wird erwartet, dass emissionsarme Energiequellen, erneuerbare Energien und Kernenergie den gesamten weltweiten Anstieg des Strombedarfs bis 2027 und darüber hinaus decken werden. Kurzfristig bieten traditionelle Energieträger, insbesondere Öl und Gas, jedoch weiterhin taktische Chancen, vor allem weil die eskalierenden geopolitischen Spannungen im Persischen Golf zu einem starken Preisanstieg geführt haben. Dies erhöht die Inflationsrisiken und könnte die Flexibilität der Zentralbanken bei der Lockerung ihrer Geldpolitik einschränken. In diesem Umfeld geraten traditionelle zyklische Engagements unter Druck, während energiebezogene Vermögenswerte wieder an Bedeutung gewinnen.
Lieferketten stehen unter Druck
Der Konflikt im Nahen Osten hat zu erheblichen physischen Störungen auf den Energiemärkten geführt und die Aufschläge für Rohöl und Raffinerieprodukte in die Höhe getrieben, da die Länder versuchen, Lieferungen umzuleiten und alternative Bezugsquellen zu sichern. Da über diese Routen ein großer Teil der weltweiten Ölströme transportiert wird und die Umleitungsmöglichkeiten begrenzt sind, sind die Kraftstoffpreise weltweit gestiegen, und die Lieferketten stehen unter zunehmendem Druck. Die Nachfrage nach US-Öl aus Übersee ist stark gestiegen, doch die Exportkapazitäten stoßen an ihre Grenzen, was die USA, China und Japan dazu veranlasst hat, Reserven freizugeben.
Infolgedessen bewegt sich der Markt offenbar über eine vorübergehende Versorgungsstörung hinaus in eine Phase des Lagerabbaus, in der die weltweiten Vorräte sinken, die Raffinerietätigkeit nachlässt und sich insbesondere in Asien eine Nachfragerückgang abzeichnet.
Dauer des Konflikts bleibt entscheidend
Die entscheidende Variable ist nun die Dauer des Konflikts: Sollten die Lieferungen durch die Straße von Hormus weiterhin eingeschränkt bleiben, dürfte sich der Druck auf die globalen Energiemärkte weiter verstärken, was das Risiko anhaltender Preisanstiege und weitreichender makroökonomischer Folgen erhöht. Daher könnten Öl und Gas zwar weiterhin taktisches Aufwärtspotenzial bieten, sie bleiben jedoch in hohem Maße anfällig für geopolitische Schwankungen, Infrastrukturstörungen, Lagerabbau und politische Eingriffe. Auch wenn das kurzfristige Gewinnumfeld weiterhin günstig erscheinen mag, ist der Sektor daher für eine längerfristige strategische Allokation weniger attraktiv.
Wir sind fest davon überzeugt, dass die Kernenergie eine bedeutende Energiequelle ist. Angesichts der anhaltenden Bedenken hinsichtlich der Energiesicherheit gewinnen die Argumente für Investitionen in die Kernenergie weiter an Gewicht. Zumal fossile Brennstoffe nach wie vor eng mit geopolitischen Risiken verbunden sind. So sticht Kernenergie als eine der wenigen skalierbaren und geopolitisch widerstandsfähigen Alternativen hervor. Damit wird sie zu einer immer wichtigeren Säule sicherer, im Inland verankerter Energiesysteme.
Hohe Investitionen in Atomkraft
Dieses Thema wird zudem durch politische und kapitalbezogene Verpflichtungen untermauert. Eine kürzlich erfolgte Investitionsinitiative der USA und Japans in Höhe von 40 Milliarden US-Dollar zugunsten kleiner modularer Reaktoren, verbunden mit Versorgungsengpässen aufgrund des Nahostkonflikts – insbesondere der geringeren Verfügbarkeit von Schwefelsäure für die Urangewinnung – stützt die Annahme, dass in Zukunft mit angespannten Versorgungsbedingungen zu rechnen ist. In Europa veröffentlichte Nucleareurope am 23. März einen Aktionsplan, in dem dargelegt wird, wie die EU-Politik den Ausbau der Kernenergie beschleunigen könnte. Dabei wird bis 2050 mit erheblichen Investitionen in Laufzeitverlängerungen und Neubauten in Höhe von 150 Gigawatt gerechnet.
Im weiteren Sinne zeigt der Blick in die Geschichte, dass seit den 1970er-Jahren vor allem Sorgen um die Energiesicherheit und technologische Innovationen zu den entscheidenden Treibern für den Ausbau von Reaktorkapazitäten zählten. Auch künftig dürften anhaltende regulatorische Unterstützung und Investitionen aus dem privaten Sektor wesentlich für weiteres Kapazitätswachstum bleiben.