Gelassenheit - Stimmen zum Zinsentscheid der EZB
Klaus Bauknecht: EZB in Wartestellung - und das zureicht
Wir erwarten keine spürbare geldpolitische Straffung durch die EZB infolge des Irankriegs. Zwar könnte die EZB zur Wahrung der Glaubwürdigkeit und aufgrund steigender Inflation in diesem Jahr genötigt sein, die Zinsen um einen oder zwei Schritte anzuheben. Die möglichen realwirtschaftlichen Konsequenzen des Irankriegs – vorausgesetzt, sie werden nicht durch die Fiskalpolitik abgefedert – deuten jedoch nicht auf die Notwendigkeit einer nennenswerten geldpolitischen Straffung hin. Dies gilt insbesondere auch deshalb, weil das Risiko einer geldpolitischen Schieflage bei einem aktuellen Zinssatz von 2 Prozent deutlich geringer ist als während des Energieschocks von 2022. Die EZB befindet sich in einer guten Position, weitere Datenentwicklungen abzuwarten.
Dr. Klaus Bauknecht ist Chefvolkswirt bei der IKB Deutsche Industriebank AG
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Florian Heider: Eine Zinserhöhung wäre zum jetzigen Zeitpunkt übereilt gewesen
Eine Zinserhöhung wäre zum jetzigen Zeitpunkt übereilt gewesen. Zum Jahresbeginn haben sich die Inflationsindikatoren nur wenig verändert. Der Irankrieg und steigende Energiepreise erhöhen jedoch den Inflationsdruck. Gleichzeitig ist das Wirtschaftswachstum schwach. Diese Konstellation birgt das Risiko der Stagflation. Die EZB muss daher weiter datenbasierte Entscheidungen treffen, ohne die Märkte zu verunsichern. Ob die EZB den Leitzins in den nächsten Monaten anpassen wird, hängt stark von der Dauer der Konflikte im Nahen Osten und möglichen Zweitrundeneffekten ab.
Prof. Dr. Florian Heider ist Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE
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Roger Rüegg: Keine Änderungen in diesem Jahr
Die EZB lässt sich von den im März gestiegenen Energiepreisen nicht zu Zinserhöhungen verleiten und belässt den Leitzins bei 2,0 Prozent. Sie folgt damit den anderen Zentralbanken – mit Ausnahme Australiens, dort allerdings aus anderen Gründen.
Wir gehen daher davon aus, dass die EZB ihren Kurs im Verlauf des Jahres nicht ändern wird. Die Erwartung der Märkte, dass die EZB die Zinsen im Jahr 2026 um ca. 50 Basispunkte (Bp) anheben würde, hatten wir für überzogen gehalten. Viele Marktteilnehmer zogen den Vergleich zum Schock im Jahr 2022 – allerdings waren damals die Fiskal- und die Geldpolitik infolge der Covid-Pandemie außergewöhnlich expansiv, mit erheblichen Engpässen in den Lieferketten. Heute ist die Geldpolitik in Europa dagegen neutral und entspricht einer Inflation von 2,0 Prozent im Rahmen einer leichten konjunkturellen Beschleunigung. Auch stellt die Währungsentwicklung kein gewichtiges Argument für die EZB dar: Beim aktuellen Kurs von 1,15 Euro/US-Dollar ist der Euro nicht weit vom 10-jährigen Durchschnitt entfernt.
Aus der Sicht eines gemischten Portfolios sind die 100 Bp Zinsdifferenz zwischen den 3,0 Prozent am langen und den 2,0 Prozent am kurzen Ende auf der Zinskurve ansprechend. Selbst während des Inflationsanstiegs auf über 10 Prozent Ende 2022 war diese Differenz nicht so hoch.
Roger Rüegg ist Leiter Multi-Asset-Solutions bei der Zürcher Kantonalbank/Swisscanto