Robert Halver, Baader Bank AG

Liebesentzug für Anleger ist selbst bei Gold möglich

Von seinem Allzeithoch von 5.626,80 US-Dollar Ende Januar hat Gold aktuell über 25 Prozent verloren. Das ist kein Ruhmesblatt für die vermeintlich sicherste Anlageformen der Welt. Hat das Edelmetall seinen Status als ultimative Krisenwährung, als sicherer Hafen verloren? Wird Gold als treuer Lebensgefährte in der Finanzwelt zu Lebensgefahr? Wie steht es um die längerfristige Beziehung zwischen Gold und Anlegern?

Robert Halver, Baader Bank AG

Inflation, Zinsen und Dollar als kurzfristige Gold-„Desillusionisten“

Was sind die Gründe für die markante Gold-Schwäche?

Grundsätzlich ist der US-Dollar so etwas wie der Wadenbeißer, denn Gold korreliert entgegengesetzt zum Greenback. Je stärker der Dollar, desto tiefer also der Preis-Biss beim Edelmetall.

In diesem Zusammenhang hat der im Trend steigende Ölpreis die Renditen von US-Staatsanleihen nach oben getrieben und damit den Dollar gestärkt. Nicht zuletzt bietet auch der USA-Iran-Konflikt, dessen Lösung an die amerikanische Show „Deal or No Deal“ erinnert, noch keine nachhaltige Beruhigung der Inflationserwartungen.

Für weitere Renditesteigerungen sorgte auch der neue US-Notenbankchef Kevin Warsh. Da er klare Aussagen zu Inflation und Geldpolitik meidet, müssen sich die seit Alan Greenspan mit verlässlichem Leitplankensystem verwöhnten und jetzt verunsicherten Finanzmärkte ihren eigenen Reim auf Preis- und Zinsentwicklung machen. Vorsichtshalber haben sie die Risikoprämie für Anleihen erhöht.

Staat und Unternehmen intensivieren Schulden

Höhere Zinsen kollidieren allerdings heftig mit der Verschuldungsrealität. Amerika ist bald mit 40 Bill. Dollar Staatsschulden konfrontiert. Die USA nähern sich einem jährlichen Defizit von zwei Bill. Dollar. Sicherlich kommt dieses Defizit massiv dem Wirtschaftswachstum zugute. Dennoch würden steigende Schuldenvolumina bei gleichzeitig steigenden Kreditzinsen die Fixkosten der amerikanischen Volkswirtschaft brutal erhöhen. Ohnehin kommt ein Absatzproblem von Schuldtiteln hinzu. Das Ausland meidet amerikanische Bonds zwar nicht wie der Teufel das Weihwasser. Doch von den früheren Treueschwüren, die den Absatz sichern, ist längst keine Rede mehr.

Auch Unternehmen, siehe KI-Investitionen, nehmen immer größere Schlucke aus der Verschuldungspulle, während die Verbraucher bereits bis Oberkante Unterlippe verschuldet sind und an finanzieller Beweglichkeit einbüßen.

Längerfristig ist die Realität der Finanzwelt ebenso ein Freund von Gold…

Theoretisch rückt der Kipppunkt der Schuldentragfähigkeit Amerikas näher. Praktisch wird die Fed die Zinsen und Anleiherenditen jedoch nicht einfach weiter nach oben laufen lassen. Sie wird wohl kaum tatenlos zusehen, wenn China die Schuldenkrise Amerikas nutzt, um an God`s Own Country vorbeizuziehen. Dazu ist sie viel zu staatstragend.  

Was heißt das für die Inflationsbekämpfung? Grundsätzlich konkurriert Preisstabilität mit Wirtschafts- und eben auch Finanzstabilität. Wir müssen nicht lange diskutieren, was Amerika wichtiger ist. Überhaupt - und das wiederhole ich gerne wie das Amen in der Kirche - wenn Inflation „liberaler“ gehandhabt wird, frisst sie Staats- und Privatschulden umso mehr auf, je stärker sie (inoffiziell) oberhalb der Kreditzinsen liegt. Honi soit qui mal y pense. Übrigens ist auch die Finanzwelt ex Amerika schuldentrunken, selbst der frühere Stabilitätsmusterschüler Deutschland.  

Und was den Dollar angeht, Amerika will auch einen Platz an der Export-Sonne. Da kann man keine starke US-Währung vertragen. Die kürzlichen Interventionen der USA und Japans gegen die Yen-Schwäche zeigen diese Absicht deutlich.

Also, vor diesem Schulden-, Inflations-, Realzins- und Währungshintergrund spielt Gold als Absicherung ganz eindeutig anhaltend die erste Geige.

…wie die Fundamentalseite insgesamt

Früher oder später wird selbst der Iran-Konflikt beigelegt, was gemeinsam mit Fördererhöhungen der Opec+ den Ölpreis und damit Inflationserwartungen senkt.

Sowieso bleibt die Nachfrage nach Gold stark. Im II. Quartal stiegen die Netto-Goldkäufe der Zentralbanken gegenüber Vorjahresquartal um 62 Prozent auf knapp 290 Tonnen. Sie haben die dips gekauft. Laut einer Umfrage des World Gold Council wollen 89 Prozent der Notenbanken ihre Goldreserven in den kommenden 12 Monaten sogar aufstocken. Gold hat nach Angaben mehrerer Auswertungen US-Staatsanleihen als größte Reserveposition der Notenbanken global überholt. Es steht 27 zu 22 Prozent. Emerging Markets wie Indien sichern sich zudem mit Goldzukäufen gegen die Abwertung ihrer Währungen ab.  

Grundsätzlich wird Gold als ultimative Absicherung gegen die Krisen der Geopolitik wichtiger. Es ist leider nicht zu erwarten, dass sich die Führer der Welt friedlich an die Hand nehmen und „Kumbaya“ singen.

Hinzu kommt die Nachfrage aus dem Bereich Stablecoins, die mit der sicheren Anlageklasse Gold unterlegt sind. So hat der Stablecoin-Emittent Tether im zweiten Quartal 14 Tonnen zugekauft und hält mittlerweile ca. 10 Prozent seiner Gesamtreserven in Gold. Auch die Gold-ETF-Investoren werden wieder mutiger, nachdem es im 1. Halbjahr zu massiven Abflüssen kam. Zwar schwächelt noch die klassische Schmucknachfrage, doch legt die industrielle Nachfrage bereits leicht zu. 

Auch KI benötigt Gold

Nicht zuletzt entwickeln sich die Zukunftstechnologien zu immer wichtigeren Nachfragern. Bei KI wird Gold dringend für u.a. Leiterplatten und Mikroprozessoren verwendet. Seine Leitfähigkeit und Korrosionsbeständigkeit machen es unverzichtbar. Und in der Solarindustrie dient es als Komponente für hochleistungsfähige Elektroden. Ebenso großes Potenzial haben Goldnanopartikel in der Biotechnologie, Krebstherapie und der Medikamentenentwicklung.

Und neue digitale Gold-Investitionen, wie z.B. tokenisierte Goldreserven auf Blockchain-Basis, werden zukünftig den Zugang zu Goldanlagen erleichtern und den Preis steigern.

Vor allem jedoch profitiert Gold von seinem Status als rares Gut. Der Abbau von Gold wird immer teurer, da die hochwertigen Lagerstätten erschöpft sind und neue Produktionstechnologien und Recycling noch keine Kompensation bieten.

Läuten Saisonalität und Charttechnik den Countdown zur Gold-Trendwende ein?

Die klare Schwäche des Goldpreises in der ersten Hälfte des Jahres ist historisch kein ungewöhnliches Muster. Oft bildeten Juli und August den Abschluss der saisonalen Schwächephase und den Grundstein für ein robustes Jahresendfinale. 

Aktuell fehlt dem Gold jedoch Aufwärtsmomentum. Immerhin stemmt sich der Preis des Edelmetalls erfolgreich gegen den Rutsch unter die psychologisch wichtige Marke bei etwa 4.000 US-Dollar. Ein Vorstoß über 4.200 würde Gold weiteres Aufwärtspotential Richtung 4.500 US-Dollar geben. Ein deutlicher Rücksetzer unter 3.950 US-Dollar wäre allerdings kurzfristig ein Stimmungskiller.

Langfristig jedoch sind die o.g. wirtschaftlichen und technologischen Argumente für Gold intakt.

Anleger und Gold befinden sich in einer Art Liebesbeziehung. Es mag zwischendurch Drama, Stress und Streit geben. Doch am Ende des Tages ist man froh, dass man sich hat.

Robert Halver

Robert Halver leitet seit 2008 die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich in verschiedenen Positionen – darunter beim Bankhaus Delbrück und der Schweizer Bank Vontobel – bereits seit 1990. Der wortgewandte Aktienexperte ist durch regelmäßige Medienauftritte und Fachpublikationen sowie als Kolumnist einem breiten Publikum bekannt.

Disclaimer

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG:
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