Anthony Willis, Columbia Threadneedle

Langfristige Inflation: Zu Zinserhöhungen gezwungen

Die US-Aktienmärkte zeigen sich weiterhin lebhaft, doch die neuesten Daten zum Verbraucher- und Erzeugerpreisindex deuten auf eine steigende Inflation. Zudem wird langsam klar, dass sich der Energiepreisanstieg langfristig in den Inflationszahlen niederschlagen wird. Zinserhöhungen sind mittlerweile unumgänglich. Den Anfang wird die Europäische Zentralbank machen, gefolgt von der Bank of England und schließlich der Fed.

Die Zentralbanken werden nicht umhin kommen, die Zinsen zu erhöhen /Bilder: EZB/Fed

Betrachtet man die US-Aktienmärkte, könnte man meinen, dass mit der US-Wirtschaft alles in bester Ordnung sei. Die Inflationsentwicklung gibt jedoch zunehmend Anlass zur Sorge. Letzte Woche wurden die Zahlen zum Verbraucherpreisindex für April veröffentlicht und sie zeigen: Die Gesamtinflation lag bei 3,8 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit fünf Jahren. Auch die Kerninflation und die Daten zum Erzeugerpreisindex stiegen leicht an. Die Erzeugerpreise für Industriegüter stiegen um rund 6,0 Prozent.

Energiepreisanstieg setzt sich langfristig in Inflation fest

Das belegt deutlich, dass die Inflation tatsächlich steigt. Zuvor ging der Markt noch davon aus, dass sie im Laufe des Jahres 2026 nachlassen würde. Ausschlaggebender Faktor für diese Kehrtwende ist der anhaltende Energiepreisschock: Der Ölpreis lag zu Beginn der Woche bei rund 110 US-Dollar pro Barrel. Langfristig rechnet man mit Preisen von etwa 90 US-Dollar pro Barrel – immer noch deutlich höher als vor Ausbruch des Konflikts. Diese Preisverschiebung bedeutet, dass wir es nicht nur mit einem Ölpreisanstieg zu tun haben, sondern vielmehr mit einem anhaltenden Anstieg der gesamten Energiekosten. Damit nimmt auch das Risiko einer steigenden Inflation langfristig zu, ebenso wie die Wahrscheinlichkeit, dass die Zentralbanken die Zinsen irgendwann anheben müssen.

Verschärfte Finanzierungsbedingungen

Die Finanzierungsbedingungen haben sich bereits verschärft. Das zeigen die deutlich höheren Renditen an den globalen Anleihemärkten. Großbritannien war deswegen zunächst in den Schlagzeilen – allerdings ziehen die Anleiherenditen auch in vielen anderen Industrieländern an. Dahinter steht die Erwartung der Anleger, dass die Inflation aufgrund der erhöhten Energiekosten wahrscheinlich länger höher bleiben wird.

Unvermeidbar: Zinserhöhungen kommen

In den kommenden Monaten werden einige Zinserhöhungen auf uns zukommen. Die Europäische Zentralbank wird bei ihrer nächsten Sitzung dabei wahrscheinlich den Anfang machen. Die Bank of England könnte noch etwas länger warten, doch wir rechnen damit, dass sie im Juli folgt. Für die Federal Reserve haben sich die Erwartungen im Laufe des Jahres stark verändert. Kevin Warsh soll in den kommenden Tagen als neuer Vorsitzender vereidigt werden, nachdem der Senat ihn letzte Woche bestätigt hatte. Unter seiner Führung hatte der Markt zunächst aggressive Zinssenkungen erwartet. Nun werden jedoch Zinserhöhungen in den nächsten 12 bis 18 Monaten eingepreist. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass die Anleiherenditen nach oben tendieren – eine Situation, die sich wahrscheinlich nicht ändern wird, bis wir bessere Nachrichten aus dem Nahen Osten erhalten.

Und natürlich bleibt die Straße von Hormus auch weiterhin gesperrt. Die Lage dort ist nach wie vor ungewiss und eine kurzfristige Lösung ist nicht in Sicht. Jede Einigung würde von den Märkten jedoch sehr positiv aufgenommen werden.

Anthony Willis

Anthony Willis ist  Senior Economist bei Columbia Threadneedle Investments. Columbia betreuet Gelder für private Investoren, Finanzberater, Vermögensverwalter und Versicherungsgesellschaften, Pensionsfonds und andere Institutionen. Gemeinsam haben sie Columbia 577 Mrd. Euro verwaltetes Vermögen (AUM) bzw. 614 Mrd. Euro verwaltetes und beratenes Vermögen (AUM und AUA, Stand 31.12.2025) anvertraut.