Alexander Pirpamer, BlackPoint AM

KI braucht nicht nur Chips – sondern auch Turbinen

Vier Jahrzehnte lang galt Kapitalintensität an den Kapitalmärkten als Makel. Das hat sich in den vergangenen zwei Jahren geändert. Aber was bedeutet dieser Paradigmenwechsel für Anleger?

 

Alexander Pirpamer, BlackPoint AM

Erstmals seit vielen Jahren steigt die Kapitalnachfrage gleichzeitig im privaten Sektor und auf staatlicher Seite. Ersterer finanziert die KI-Revolution, während letzterer in den Bereichen Verteidigung und kritische Infrastruktur aufrüstet. Dieser wachsenden Nachfrage stehen Sorgen vor teureren Finanzierungskosten gegenüber – zumal die Konzerne ihren Ausbau zunehmend über Schulden finanzieren. Dass die Zeit der Zinssenkungen vorerst vorbei ist und wieder höhere Zinsen drohen, bestätigte der 11. Juni: Die Europäische Zentralbank (EZB) erhöhte ihre Leitzinsen erstmals seit September 2023 – begründet mit dem hartnäckigen Inflationsdruck und dem Energiepreisschock des Iran-Konflikts. Der Einlagensatz liegt seither bei 2,25 Prozent.

Aus Bilanz-Leichtgewichten werden Industriekonzerne

Im Jahr 2020 investierten Microsoft, Amazon, Meta, Alphabet und Oracle zusammen 98 Milliarden US-Dollar in Sachanlagen. 2023 – im letzten Jahr der Ausgabendisziplin – waren es 153 Milliarden beziehungsweise fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Danach begann das Wettrüsten: 235 Milliarden 2024, 402 Milliarden 2025 – und für dieses Jahr zeichnen sich rund 722 Milliarden Dollar ab. 2027 dürfte die Gruppe die Marke von 900 Milliarden überschreiten. Das ist beinahe eine Verzehnfachung in sieben Jahren. Das Marktforschungshaus Dell’Oro veranschlagt die weltweiten Rechenzentrumsinvestitionen für 2026 erstmals auf mehr als eine Billion Dollar.

Dabei sorgt nicht allein das Ausmaß der Investitionen für steigende Ausgaben, sondern zunehmend auch der Preis. Rund 25 Milliarden US-Dollar aus Microsofts diesjährigem Investitionsbudget entfallen nach Unternehmensangaben allein auf gestiegene Komponentenpreise. Speicherchips sind zum neuen Flaschenhals geworden.

Bemerkenswert ist auch die Finanzierung: Der Investitionsaufwand verschlingt inzwischen nahezu den gesamten operativen Cashflow dieser Unternehmen. Entsprechend verlagert sich der Kapitalbedarf an die Finanzmärkte: Alphabet platzierte im Juni eine Kapitalerhöhung über 84,75 Milliarden US-Dollar – die größte Eigenkapitaltransaktion, die ein börsennotiertes Unternehmen je durchgeführt hat.

Der Anteil zusätzlicher Verschuldung an den Investitionsausgaben der Hyperscaler stieg vom Geschäftsjahr 2024 bis zur Jahresmitte 2026 von neun auf 32 Prozent. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnte bereits im März vor „Schattenverschuldung“ – Verbindlichkeiten in außerbilanziellen Zweckgesellschaften, finanziert über Private Credit. Der KI-Ausbau wird nicht mehr aus der Portokasse bezahlt.

Der Netzanschluss als limitierender Faktor

Ob die Hyperscaler ihre Milliardeninvestitionen jemals wieder verdienen, wird an den Märkten seit Monaten kontrovers diskutiert. Wir bei BlackPoint Asset Management richten den Blick zusätzlich auf eine andere Frage: Wohin fließt dieses Geld?

Die Antwort ist bemerkenswert: Ein überraschend geringer Teil bleibt in der Technologiebranche selbst.

Jeder investierte US-Dollar wird an anderer Stelle zu Umsatz: zunächst bei Herstellern von Halbleitern und Speicherchips, dann bei Anbietern von Netzwerktechnik und schließlich – darin liegt der eigentliche Engpass – bei der Stromversorgung. Wer heute ein Rechenzentrum plant, wartet nicht mehr primär auf Grafikprozessoren, sondern auf Gasturbinen. Die Auftragsbücher der wenigen Hersteller sind auf Jahre hinaus gefüllt; kurzfristig verfügbare Kapazitäten gibt es praktisch nicht. Ähnliches gilt für Transformatoren und Schaltanlagen, deren Lieferzeiten sich vervielfacht haben. Der limitierende Faktor der KI-Revolution ist damit nicht mehr allein der Chip, sondern zunehmend der Netzanschluss.

Das verschiebt die Preissetzungsmacht zu jenen Unternehmen, die Turbinen, Transformatoren, Schaltanlagen, Kabel, Kühlsysteme und Beton liefern.

So entsteht ein Kaskadeneffekt: Die Investitionen der Technologiekonzerne schlagen sich in Wachstumschancen für traditionelle, über Jahre vernachlässigte Industrien nieder, die zuvor unter Überkapazitäten und schwachen Kapitalrenditen litten.

Die offene Rechnung

Skepsis gehört zu diesem Bild: Der Chiphersteller Nvidia investiert Milliarden in OpenAI – und OpenAI bestellt im Gegenzug Nvidia-Chips. Die Cloud-Konzerne Microsoft und Amazon wiederum finanzieren führende KI-Labore, die sich verpflichten, deren Rechenkapazitäten zu mieten. Diese Kapazitäten laufen ihrerseits auf Prozessoren von Nvidia.
So entstehen geschlossene Kreisläufe, in denen ein Anbieter die Nachfrage mitfinanziert, die er anschließend selbst bedient. Für Außenstehende wird dadurch immer schwerer unterscheidbar, was tatsächliche Endnachfrage ist und was auf finanztechnischer Selbstverstärkung beruht.

Ökonomen erinnert dieses Muster an die späten 1990er-Jahre, als Telekomausrüster wie Nortel und Lucent ihren Kunden Milliardenkredite für den Kauf der eigenen Ausrüstung gewährten. Der Kniff lag in der Verbuchung: Der Umsatz ließ sich sofort ausweisen, während das Ausfallrisiko als Forderung in der Bilanz blieb. Als die Abnehmer reihenweise zahlungsunfähig wurden, kehrte sich dieser Umsatz in Milliardenabschreibungen um – Lucent taumelte, Nortel meldete Jahre später Insolvenz an. Dass viele der heute angekündigten Milliardendeals bislang bloße Absichtserklärungen sind und noch keine unterzeichneten Verträge, wirkt vor diesem Hintergrund kaum beruhigend.

Zweifel treffen die Geldgeber, nicht die Zulieferer

Diese Zweifel sind berechtigt – doch sie treffen vor allem die Geldgeber des Booms, nicht seine Zulieferer. Die Lehre der Telekomausrüster lautet: Gefährlich wurde nicht das Bauen, sondern das Finanzieren der eigenen Nachfrage. Wer heute die physische Infrastruktur dieses Ausbaus liefert, tut genau das nicht.

Darin liegt die entscheidende Asymmetrie dieses Zyklus: Der Zulieferer wird bei Lieferung vergütet, nicht erst bei wirtschaftlichem Erfolg. Die heute bestellte Turbine, der Transformator mit drei Jahren Vorlauf und der Ausbau des Stromnetzes werden bezahlt – unabhängig davon, ob ein KI-Agent jemals profitabel arbeitet. Das entbindet Anleger allerdings nicht von sorgfältiger Analyse: Die Gewinner der Kaskade bleiben zyklische Unternehmen, Aufträge können storniert werden, und günstig ist das Thema nach der Neubewertung der vergangenen Quartale nicht mehr.

Investoren sollten im Hinterkopf behalten, dass auch ein weniger günstiges Szenario denkbar ist. Investitionsbooms enden regelmäßig in Fehlallokationen. Die Glasfaserkabel des Jahres 1999 waren für viele ihrer Erbauer ein Desaster – und für alle anderen die Grundlage des Internetzeitalters.

Doch selbst in diesem Szenario galt: Wer Turbinen, Transformatoren und Wafer geliefert hat, wurde bezahlt. Die Rechnung des Capex-Booms wird in Dollar beglichen. Ausgestellt wird sie in Stahl, Kupfer und Kilowattstunden.

Alexander Pirpamer

Alexander Pirpamer ist Geschäftsführer Portfoliomanagement bei BlackPoint Asset Management, eine 2021 aus der Zusammenarbeit von Investmentexperten, die ihre Unabhängigkeit schätzen, und dem Family Office von Dr. Kurt Schwarz aus der Gründerfamilie der Schwarz Pharma AG entstandener Asset Manager. Der im November 2021 aufgelegte Publikumsfonds BlackPoint Evolution Fund verfolgt einen vermögensverwaltenden Ansatz und hat die Familienvermögen-Strategie als Vorbild. Der BlackPoint Evolution Fund wurde in den Jahren 2022, 2023 und 2025 für seine besonders hohe Transparenz und anlegerfreundliche Informationspolitik jeweils mit dem „Transparenten Bullen“ ausgezeichnet.