Robert Halver, Baader Bank AG

Kevin Warsh ist Fed-Präsident - Kehrt der neue Besen hart durch?

Wird der neue Fed-Präsident im Vergleich zu Amtsvorgänger Jerome Powell eine freizügigere Geldpolitik betreiben? Immerhin wurde er durch taubenhafte Äußerungen zum Wunschkandidat Präsident Trumps, der ein glühender Anhänger von Zinssenkungen ist. Oder steckt in Warsh doch mehr Falke drin als draufsteht? Kann sich die US-Notenbank überhaupt noch restriktive Geldpolitik erlauben?

Robert Halver, Baader Bank AG

Vor allem wegen des Iran-Kriegs sind die Verbraucherpreise zuletzt um 4,2 Prozent gegenüber Vorjahr angestiegen, der höchste Stand seit April 2023. Und je länger die Schließung der Straße von Hormuz andauerte, umso mehr würden sich gestiegene Öl- und Gaspreise durch die gesamte Nahrungskette der Volkswirtschaft fressen und für inflationäre Völlerei sorgen. 

Da auch der Arbeitsmarkt robust ist, schien mit Blick auf das duale Mandat der Fed die Konjunktur- gegenüber der Preisstabilität deutlich an Bedeutung gewonnen zu haben. So standen plötzlich Zinsanhebungen, nicht mehr -senkungen im Raum. Bei Anleihen- und Aktienanleger kamen bereits frevelhafte Gedanken auf.

Friede, Freude, Eierkuchen im Iran-Krieg?

Plötzlich jedoch haben sich die Inflationserwartungen zurückgebildet. Die USA und der Iran haben sich auf eine bald in Kraft tretende Absichtserklärung zur vorläufigen Beilegung ihres Konflikts verständigt. Zunächst will man alle militärischen Operationen beenden. 

Weiter soll der Iran die für den weltweiten Öl- und Gashandel wichtige Straße von Hormuz für 60 Tage für den Schiffsverkehr zollfrei öffnen und gleichzeitig die amerikanische Seeblockade iranischer Häfen aufgehoben werden. Die anfängliche Skepsis von Reedereien wird zurückgehen, wenn erst einmal die ersten „Versuchskaninchen“ schadlos die Route passiert haben und auch Minenvorfälle ausbleiben.  

Sicherlich geht es bei der Verhandlung eines endgültigen Friedensabkommens um die Quadratur des Kreises. Wie geht es mit dem iranischen Atomprogramm weiter? Wie kann Israel eingebunden werden, das sich in chronischer Auseinandersetzung mit der proiranischen Hisbollah-Miliz im Libanon befindet? Wer trägt die Kosten des Wiederaufbaus des Irans? Hier werden mutmaßlich die Golfanrainerstaaten genannt, die zwar ein großes Interesse an ungehinderten Energietransporten haben, aber als Nicht-Verursacher des Kriegs auch not amused sind. Und bleibt die Straße von Hormuz nachhaltig zollfrei oder wird der Iran durchweg eine Transportgebühr verlangen? Im Extremfall könnte dies als fataler Präzedenzfall zukünftig noch mehr Seewege kostenpflichtig machen. 

Trump will Zeitgewinn

Diese Damoklesschwerter schweben über jedem endgültigen Abkommen. Trump weiß um den sprichwörtlichen Sprengstoff. Seine Antwort darauf: Zeitgewinn. Wenn es nach dem Burgfrieden von 60 Tagen vermutlich kein akzeptables finales Verhandlungsergebnis gibt, wird die Frist, wenn nötig unendlich verlängert. Warum nicht bis zu den US-Zwischenwahlen im November? So wächst über die unappetitliche Sache zunehmend Gras, andere Themen verdrängen den Iran-Konflikt und die geopolitische, energieseitige und wirtschaftliche Welt normalisiert sich weiter. 

Aufgrund der Aussicht auf normale Lieferbedingungen sind die Ölpreise bereits auf den niedrigsten Stand seit drei Monaten gefallen. Warum sollte dieser mit einer Fristverlängerung in Dauerschleife - von der beide Seiten politisch und wirtschaftlich profitieren - nicht weiter fallen? Denn wenn die bisherige Preisbeschleunigung weitgehend auf das Konto steigender Energiepreise geht, dann funktioniert das Spiel auch umgekehrt. 

Kevin Warsh oder Alter Wein in neuen Schläuchen

Um den begehrten Posten des Fed-Präsidenten zu erlangen, hat Warsh sicherlich das zinssenkungsfreundliche Füßchen des US-Präsidenten gekrault. Doch um als neuer Chef der bedeutendsten Notenbank der Welt nicht als Mündel von Trump zu gelten und Glaubwürdigkeit aufzubauen, muss Warsh von nun an inflationskümmernd sein.

Doch hat er im Lotto gewonnen, wenn er das Thema Preisstabilität zur Chefsache machen kann, die jetzt aufgehellten Preisumstände ihm aber die Gnade gewähren, nichts machen zu müssen, nicht die Zinsen zu erhöhen.

Und zu einem bösen Zinserhöhungs-Erwachen wird es wohl auch zukünftig nicht kommen. Die Märkte gehen von einer, wenn auch verzögerten Lockerungsfantasie der Fed aus.

Ohnehin trifft jede restriktive Geldpolitik auf den erbitterten Widerstand der finanzwirtschaftlichen Realität. Mit annähernd 40 Bill. US-Dollar Staatsverschuldung, Konsumenten, die auch keine Schulden-Waisenkinder sind und bei gleichzeitig wachsendem weltweiten Käuferstreik bezüglich US-Staatspapieren, würde es bei Lockerung der Vollkaskoversicherung der Fed - selbst schon bei Vereinbarung einer Selbstbeteiligung - für die Finanz- und Konjunkturstabilität der USA brenzlich.

Weiterhin gilt: Wo die Not am größten, ist die Fed am nächsten. Das hat sie seit der Finanzkrise 2008 immer wieder bewiesen.

Insgesamt, der neue bei der Fed, Kevin Warsh, wird nicht hart durchkehren. Auch er wird die USA freundlich begleiten (müssen).

Für Anleger in Anleihen, Aktien und Gold wird keine Vertreibung aus dem Paradies stattfinden.

Robert Halver

Robert Halver leitet seit 2008 die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich in verschiedenen Positionen – darunter beim Bankhaus Delbrück und der Schweizer Bank Vontobel – bereits seit 1990. Der wortgewandte Aktienexperte ist durch regelmäßige Medienauftritte und Fachpublikationen sowie als Kolumnist einem breiten Publikum bekannt.

Disclaimer

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725