Kevin allein zu Haus: Der Seiltanz des neuen Fed-Präsidenten
Die US-Notenbank hält den Leitzins unverändert bei 3,5 bis 3,75 Prozent – wie erwartet. Bemerkenswert war jedoch, was hinter der Entscheidung sichtbar wurde: Gleich drei regionale Fed-Präsidenten stimmten gegen die Entscheidung und forderten höhere Zinsen. Die Einigkeit, die das FOMC bei Kevin Warshs erster Sitzung noch ausgestrahlt hatte, ist damit schon wieder Geschichte. Warsh hatte in den vergangenen Wochen immer wieder angekündigt, einen „guten Familienkampf“ führen zu wollen. Nun hat er ihn.
Anpassung des PCE könnte Warsh in die Karten spielen
Allerdings liefert das extrem knappe Statement den Märkten weiterhin kaum Orientierung. Gegenüber Juni blieb die Wortwahl unverändert. Viele Marktteilnehmer dürften sich deshalb nach der früheren, deutlich expliziteren „Forward Guidance“ sehnen. Doch diese Zeit ist unwiderruflich vorbei. Insbesondere bei Marktteilnehmern, die sich daran gewöhnt hatten, sich statt eigener Analyse voll und ganz auf die Notenbank zu verlassen, kam das nicht gut an. Da die Zentralbank auch nicht mehr Informationen als der Rest des Marktes hat, begrüße ich dieses neue Vorgehen.
Eine wichtige Botschaft lässt sich dennoch aus der Sitzung ableiten: Wäre Warsh ein überzeugter Befürworter weiterer Zinserhöhungen, hätte er gestern ein Signal setzen können. Dann wären aus drei Abweichlern vier geworden. Dass er dies nicht getan hat, spricht dafür, dass er die Rückführung der Inflation auf zwei Prozent zwar weiter priorisiert, zusätzliche Zinserhöhungen derzeit aber nicht für erforderlich hält. Dabei könnte ihm auch eine technische Anpassung helfen, die den Preisindex für private Konsumausgaben (PCE) betrifft – also den von der Fed bevorzugten Preisindikator. Die für den Index zuständige Behörde plant eine Überarbeitung der Berechnungsmethode für drei Komponenten. Ab August könnte dies die PCE-Kerninflationsrate um einige Zehntelprozentpunkte niedriger ausweisen.
Zinsschritt in 2026 unwahrscheinlich
Mein Fazit: Es ist wahrscheinlicher, dass die Fed die Zinsen in diesem Jahr unverändert lässt, als dass sie sie weiter anhebt. Die derzeit eingepreisten Erhöhungen um 25 Basispunkte im September und nochmals in gleicher Höhe im März 2027 erscheinen mir wenig plausibel. Gerade dann dürften die Basiseffekte des Ölpreisanstiegs die Inflationsrate deutlich sinken lassen. Der neue Fed-Präsident steht damit auf einem schmalen Grat: Er muss die Glaubwürdigkeit beim Thema Inflation sichern, ohne die Geldpolitik unnötig weiter zu straffen. Bislang scheint er diesen Seiltanz richtig anzugehen. So allein, wie sich Kevin im Moment auch fühlen mag, ist er nicht – weder zu Hause, noch bei der Fed.