Robert Halver, Baader Bank AG

Ist der Optimismus am Aktienmarkt gerechtfertigt?

Gute Laune an den Aktienmärkten trotz geopolitischer Probleme und Lieferkettenstörungen sowie einem globalen Super-Schuldenzyklus. Die steigende Inflation animiert die Notenbanken zu restriktiver Geldpolitik und Europa beschäftigt sich mit wirtschaftlicher Stagnation. Und bei den US-Mega-High-Tech-Caps sorgt man sich um Kurskorrekturen angesichts vermeintlich überhitzter Erwartungen. Was spricht also für die überaus gute Stimmung?

Robert Halver, Baader Bank AG

Wie komme ich aus der Iran-Nummer bloß wieder heraus?

Es ist einfach, einen Konflikt zu beginnen, aber es ist schwer, einen zu beenden. Diese Erfahrung macht aktuell die US-Regierung. Wie gerne würde Trump die Zeit auf Anfang März zurückdrehen. Dann hätte er sein erfolgloses Iran-Experiment nie begonnen.

Liebend gerne würde er diesen Konflik jetzt gesichtswahrend ad acta legen. Doch nutzt der Iran, der der Supermacht trotzt, die Gunst der Stunde und fordert massive Zugeständnisse. Ein Deal allerdings, der für Amerika eher nur „Kriegsverluste“ bringt, wird Trump weder bei den Wählern noch bei seinen Republikanern Punkte einbringen. Für sie wäre es der blanke Horror, wenn das Mullah-Regime Kontrollrechte in der Straße von Hormuz erhält und das Urananreicherungsprogramm nicht gestoppt werden kann.  

Und zur Erhaltung der jeweiligen politischen Hygiene teilen beide Seiten nun auch noch gegenseitig verbale und militärische „Nettigkeiten“ aus. Jetzt ist guter Rat teuer. Dennoch ist zwischen den Zeilen zu erkennen, dass man zumindest eine Zwischenlösung will, die z.B. den Waffenstillstand verlängert und gleichzeitig die Straße von Hormuz durchlässiger macht. Die Robustheit der Börsen unterstreicht, dass Anleger dieses Szenario der Marke „Mehr Ruhe im Karton“ favorisieren. Es macht ja auch für beide Seiten (wirtschafts-)politisch Sinn.

„Hassliebe“ oder die neue Koexistenz zwischen China und Amerika

Auch die beiden Großmächte haben ihre Beziehung zumindest platonisch verbessert. Keine Frage, es bleibt bei Systemrivalitäten in strategischen Schlüsselbranchen wie High-Tech, Bio-Tech, erneuerbare Energien und Raumfahrt. Doch sehen beide auch die Notwendigkeit, sich in den Bereichen zu arrangieren, in denen man den anderen braucht. Als Gegenleistung für amerikanische Exportlockerungen bei Halbleitern erhält man Seltene Erden aus China. Daneben erhalten US-Unternehmen vereinfachten Investitionszugang zu Chinas Markt und wird die Tür zum attraktiven US-Binnenmarkt für Chinas Unternehmen wieder mehr geöffnet. Platonische Beziehungen sollen ja schon länger gehalten haben als Liebesromanzen. Wie auch immer, Aktionäre können auch mit dieser kalten Liebe gut leben, da sie auch zu Lösungen im heißen Iran-Krieg beiträgt.

Aus Teufels- wird Engelsspirale

Apropos Iran-Krieg, kommt es zur erwarteten Deeskalation, kommt es ebenso zum positiven Umkehrschub: Die Energiepreise fallen, so dass die Notenbanken Preisstabilität mit weniger Schaum vor dem Mund betreiben werden. Und wenn dann Inflation nicht wie früher strikt an die kurze Leine genommen wird, kommt das dem Sachkapital Aktien sicher nicht ungelegen.  

Grundsätzlich bleibt die internationale Verschuldung ein Dorn im Anlegerauge. Aber zumindest hilft der Vergleich: Wenn alle im Schmuddelanzug der Finanzinstabilität gekleidet sind, fällt der einzelne weniger auf. Und sicherlich hat niemand Interesse an amerikanischen Systemrisiken, die auch andere entwickelte Volkswirtschaften nicht unberührt lassen.  

Regulierungswut und Stagnation sind europäische, nicht globale Phänomene

In Europa grassiert die Regulierungswut. Und statt umfassender Strukturreformen bauen Politiker lieber Potemkinsche Dörfer. Deutschland wächst laut den Wirtschaftsweisen in diesem Jahr zwar nur um 0,5 Prozent. Aber was soll es: Die Vier ist die Eins des kleinen Mannes.

Doch all das sind keine fundamentalen Argumente für europäische Aktien. Aufgrund dieser Standortnachteile verstärken viele börsennotierte Industrieunternehmen ihre Präsenz in wirtschaftsfreundlicheren Auslandsstandorten. So lassen weltwirtschaftliche Wachstumsfantasien den deutschen Stagnationstrend verblassen. Und tatsächlich sind europäische Value-Aktien auch wegen vergleichsweise günstigen Einstiegskurse attraktiv.

Eine gute Figur machen weiterhin die Schwellen- bzw. besser genannt die Neuen Industrieländer. Wenn man bekannte deutsche Wirtschaftstugenden wie Leistungsprinzip, Qualität und Zuverlässigkeit gepaart mit Innovationskraft sucht, wird man hier fündig.

Und Amerika? Es bleibt das Mutterland des Kapitalismus mit seiner freigeistigen, offenen und flexiblen Pionierhaftigkeit. US-Aktien stehen an der Spitze der technologischen Entwicklung.

Hypothek High-Tech?

Ohne Zweifel ist in den USA eine Marktkonzentration bei KI zu beobachten. Diese Mega-Caps sind stark für die Performance und Allzeithochs amerikanischer Aktienindices verantwortlich. Eine derart große Euphorie kann kurzfristig zu Enttäuschungen führen, wenn z.B. über die Monetarisierung der gewaltigen Investitionen zwischenzeitlich Zweifel aufkommen.

Dennoch müssen Anleger sich über Digitalisierung, Automatisierung oder Robotik keine Sorgen machen. Diese Anwendungen finden immer mehr Einzug in Industrie- und Dienstleistungsbranchen. Der Aufbau dieser virtuellen Welt sowie der Umbau der Energienetze und der Ausbau erneuerbarer Energien sorgen für einen Rohstoffsuperzyklus. Es werden Unmengen an Kupfer, Aluminium, Zink, Seltenen Erden und jede Art von Energie benötigt, was für Minenwerte viel Potenzial verspricht.

Natürlich ist der Aktienmarkt auch zukünftig keine Einbahnstraße. Das war er nie und wird er nie sein. Volatilitäten müssen ausgehalten werden. Aber die beschriebenen Megathemen stimmen zuversichtlich.  

Ist der Optimismus am Aktienmarkt also gerechtfertigt? Ja, ist er.

Robert Halver

Robert Halver leitet seit 2008 die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich in verschiedenen Positionen – darunter beim Bankhaus Delbrück und der Schweizer Bank Vontobel – bereits seit 1990. Der wortgewandte Aktienexperte ist durch regelmäßige Medienauftritte und Fachpublikationen sowie als Kolumnist einem breiten Publikum bekannt.

Disclaimer

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725