René Nicolodi, Swisscanto/ZKB

Ist der Höhenflug des Deutschen Aktienindex gerechtfertigt?

Was steckt hinter der aktuellen DAX-Rally? Ob der Höhenflug des deutschen Index auf Übertreibungen basiert oder die deutschen Titel doch attraktive Bewertungen und die Chance auf einen geopolitischen „Bonus“ haben und warum wir den DAX nicht als Alternative, aber als interessante Ergänzung zum US-Markt sehen, erfahren Sie hier.

René Nicolodi, Swisscanto/ZKB

Der DAX eilt im August von einem Allzeithoch zum nächsten und legt damit eine beeindruckende Aufholjagd hin. Auf Jahressicht steht ein Plus von 7,9 Prozent zu Buche – ein bemerkenswerter Turnaround nach einer längeren Phase als Nachzügler im europäischen Vergleich. Doch was steckt hinter dieser Rally? Im Kern sind es drei Faktoren: ein attraktiver Bewertungsabschlag gegenüber dem US-Markt, ein konkurrenzfähiger Gewinnpfad und erste Anzeichen einer besseren Konjunkturentwicklung in Europa nach dem Energiepreisschock aufgrund des Irankonflikts. Der Citigroup Economic Surprise Index zeigt, dass die jüngsten Konjunkturdaten mehrheitlich positiv überraschen konnten (Grafik 1). Die Hoffnung auf eine Beruhigung im Nahen Osten unterstützte zusätzlich. Europa weist eine deutlich höhere Sensitivität gegenüber diesen geopolitischen Risiken auf im Vergleich zu den USA.

Strukturbedingter Abschlag beim DAX: Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14.9x

Trotz der jüngsten Kursgewinne bleibt der DAX im internationalen Vergleich günstig bewertet. Während der S&P 500 mit einem 2027-KGV von 19x gehandelt wird, liegt der DAX bei lediglich 14.9x – ein Bewertungsabschlag von rund 21 Prozent (Grafik 2). Die Gründe für diesen Abschlag sind strukturell: Der DAX ist stärker von Industrie, Automobil und Chemie geprägt, während im S&P 500 wachstumsstarke Tech-Konzerne dominieren. Hinzu kommen niedrigere Wachstumsraten in Deutschland und der Eurozone sowie höhere Energiepreise und geopolitische Risiken.

Dennoch kann der DAX beim erwarteten Gewinnwachstum mit dem US-Markt mithalten – und das ist eine Überraschung. Die Konsensschätzungen bis 2028 sehen für beide Indizes zweistellige Gewinnzuwächse pro Jahr vor, mit einem leichten Vorteil für den DAX (Grafik 3). Die jüngsten Gewinnrevisionen sprechen allerdings eine andere Sprache: Während die Gewinnerwartungen für den S&P 500 kräftig nach oben angepasst wurden, blieb der DAX nach einem Rückschlag im Juni weitgehend stabil. Das erklärt, warum der US-Markt einen Bewertungsaufschlag rechtfertigen kann, auch wenn die Wachstumsdynamik zuletzt ähnlich war.

Ein weiterer Unterschied liegt im KI-Exposure: Der S&P 500 profitiert massiv vom Boom rund um Künstliche Intelligenz, getragen von Halbleiter-, Cloud- und Softwareunternehmen. Der DAX hingegen ist hier nur indirekt beteiligt, was das Potenzial für eine vollständige Schließung der Bewertungslücke begrenzt.

DAX könnte überproportional von Entspannung im Nahen Osten profitieren

Spannend bleibt die geopolitische Komponente. Der DAX reagiert besonders sensibel auf Entwicklungen im Nahen Osten, etwa im Iran-Konflikt. Steigende Energiepreise und gestörte Lieferketten treffen die deutsche Industrie härter als den US-Markt – was sich bereits in den aktuellen Bewertungen widerspiegelt. Umgekehrt könnte eine Entspannung im Nahen Osten dem DAX überproportionalen Rückenwind verleihen, etwa durch sinkende Risikoaufschläge und verbesserte Wachstumsaussichten

Fazit: Die aktuelle DAX-Rally ist weniger Ausdruck einer Übertreibung als vielmehr das Ergebnis eines soliden Gewinnpfads, attraktiver Bewertungen und der Chance auf einen geopolitischen „Bonus“. Für Anlegerinnen und Anleger bleibt der DAX damit keine Alternative, wohl aber eine interessante Ergänzung zum US-Markt – mit Bewertungsrabatt, solider Dividende und zusätzlichem Aufwärtspotenzial, sollte sich das geopolitische Umfeld entspannen.

René Nicolodi

Dr. René Nicolodi ist Leiter Aktien bei Swisscanto/Zürcher Kantonalbank, der delegierten Asset Managerin von Swisscanto LU Fonds. Die Luxemburger Fondsleitung Swisscanto Asset Management International S.A. steht europaweit Kundinnen und Kunden mit Produkten und Dienstleistungen rund ums Anlegen zur Seite. Sie ist dabei bekannt als Vorreiterin für nachhaltige Anlagen, zu 100 Prozent in der Schweiz verwaltet durch das Asset Management der Zürcher Kantonalbank.