Ulrich Kirstein, Börse München

Günstige Aktien-Power

Es geht weiter wie gehabt: Friedenszeichen wechseln sich im Irankrieg mit Raketenbeschuss ab und die Indizes spiegeln dieses Auf und Ab wider.

Steuerblockade

Wir hatten das Thema fast schon verdrängt, aber seit heute Morgen, 6:01 Uhr, existieren neue US-Zölle, von denen auch Waren aus Europa betroffen sind. Man hätte die USA bei der WM vielleicht doch gewinnen lassen sollen? „Europa muss Trumps Zollattacken endlich stoppen“, verlangt der Kommentator der Süddeutschen Zeitung. Die EU-Kommission wiegelt ab, es handle sich dabei nur um einen Tausch alter gegen neuer Zölle. Nach der Straße von Hormus wird jetzt auch noch die Meerenge am Roten Meer zum Nadelöhr: „Huthis drohen Saudis mit Seeblockade“, entnehmen wir dem Handelsblatt und „Preis für Brent-Rohöl steigt wieder auf 100 Dollar“, deutet die Süddeutsche Zeitung die Folgen an. Außerdem erfahren wir einigermaßen überrascht, dass eine Rolex und ein Porsche nur mit Hilfe von Steuerhinterziehung erworben werden können, so argumentiert zumindest unser Finanzminister. „Das dokumentiert seine wahre Haltung – gegen Wirtschaft, gegen Wachstum, gegen Freiheit“, kontert Die Welt. Wir erinnern uns verschwommen an einen Finanzminister mit Porsche – aber Finanzminister sind wahrscheinlich kraft Amtes vom Steuerhinterziehungsvorwurf befreit. Apropos Minister: Ein Rücktritt löst in Berlin eine Minister-Rochade aus und man wird dabei an die Existenz von Ministerposten wie „Staatsminister für die Bund-Länder-Zusammenarbeit im Kanzleramt“ erinnert. Immerhin.

Geschenkte Milliardenflut

Es ist weder Ostern noch Weihnachten und auch unser Geburtstag liegt noch in weiter Ferne, trotzdem macht uns Der Aktionär ein Geschenk, ein Paket mit großer roter Schleife prangt auf dem Titelbild. Was sich in der Kiste verbirgt? „Diese Aktien bekommen Sie geschenkt“. Ein kurzer Blick auf unsere Website belegt allerdings, von den mehr als 8.000 Aktien, die gehandelt werden können, gibt es gerade keine umsonst. Aber so richtig geschenkt bekommt man sie doch nicht, es handelt sich eher um ein Geschäft, Einkauf minus Verkauf, denn die Erklärung lautet: „So günstig, dass sie steigen müssen. Hier sind für Anleger 100 Prozent drin“. Börse Online kontert mit „3 Trends, 9 Aktien, 100 Prozent Chance“. Als Zuckerl obendrauf gibt es noch „süße 50 Prozent mit Südzucker“. Eine Hantel auf dem Titel von Focus Money verspricht: „Mehr Power fürs Depot – Top-Rendite mit KI und diesen 20 Geheimtipps“. Die Hantel-Ringe auf dem Cover bestehen dabei aus Edelmetallen auf der einen und IT auf der anderen Seite. Die Tipps werden wohl nicht mehr lange geheim bleiben. Eine angenehme Vorstellung eines Aktionärslebens vermittelt Euro am Sonntag: „Kaufen. Zurücklehnen. Kassieren. Profitieren Sie von der neuen Milliardenflut“. Wenn es so einfach ist, wir legen uns gerne an den Strand und warten auf die Flut.

Trocken gelegt

Für Wirbel sorgt einmal mehr die Deutsche Bahn, und nein, wir haben uns nicht auf sie eingeschossen, sie liefert einfach konsequent. Die Bahn beziehungsweise ihre Chefin will jetzt die Bahnhöfe „alkoholfrei“ halten – der Süddeutschen Zeitung war dies nicht nur einen Artikel über „Das Ende des Wegbieres“ wert, sondern auch noch eine eigene Pro- und Contra-Kolumne. In Bahnhofsgaststätten und in Geschäften am Bahnhof – die meisten Bahnhöfe ähneln inzwischen ja eher Einkaufszentren – darf selbstverständlich weiterhin Alkohol konsumiert und gekauft werden, beziehungsweise umgekehrt. Auch im Zug wird noch Alkohol ausgeschenkt und wie wir vermuten, auch getrunken. Man wird den Eindrucks nicht ganz los, dass überall, wo die Bahn mitverdient, selbstverständlich weiterhin Alkohol erlaubt ist. Nur wer bei großer Hitze stundenlang auf den verspäteten Zug warten darf, dem sei kein Bierchen mehr zur Abkühlung gegönnt, und wer im Winter bei Eiseskälte auf dem windumtosten Perron zittert, dem dient kein Glühwein mehr als wärmender Trost! Wenn das Verbot allerdings genauso intensiv verfolgt wird, wie das Rauchen außerhalb der dafür vorgesehenen, gelb markierten Rauchzonen, sind wir skeptisch ob der beflissentlichen Einhaltung. Ohne Alkohol wären Bahnhöfe sauberer, so ein Argument für das Verbot. Es scheint uns naiv zu glauben, dass ausschließlich stark angetrunkene Zeitgenossen den unübersehbaren Müll in und rund um Bahnhöfe verursachen. Bessere Erziehung und zügiges Aufräumen wären ein Anfang. Angesichts der grassierenden Ineffizienz der Deutschen Bahn fühlen wir uns an Heimito von Doderer erinnert: „Ich halte jeden Menschen für voll berechtigt, auf die – von den Ingenieursgesichtern und Betriebswirtschaftlern herbeigeführte – derzeitige Beschaffenheit unserer Welt mit schwerstem Alkoholismus zu reagieren“! 

Ulrich Kirstein

Ulrich Kirstein ist Pressesprecher und Leiter Öffentlichkeitsarbeit der Börse München. Er ist seit 2010 bei der Börse beschäftigt, zuvor war der studierte Betriebswirt und Kunsthistoriker u.a. Redakteur und Chef vom Dienst einer überregionalen Wirtschaftszeitung sowie Ausstellungskurator in München. Er ist außerdem Co-Autor von Börse für Dummies, Aktien für Dummies und Börsenpsychologie simplified.