Christopher Mey, Candriam

Größere Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern

Schwellenländeranleihen (EMD) haben die Anleger in letzter Zeit gut behandelt. Staatsanleihen in Hartwährung haben von hohen Kuponrenditen, engeren Spreads und einigen gut getimten Erholungen profitiert, während Unternehmensanleihen einem ähnlichen Drehbuch folgten. Dabei sorgten Hochzinsanleihen für einen Großteil des Aufschwungs. 2026 ist jedoch kein Jahr, in dem man einfach den Index kaufen und auf eine weitere leichte Spread-Einengung warten sollte.

Christopher Mey, Candriam

Wir gehen davon aus, dass sich die Performance stärker an den Kuponerträgen orientieren wird, mit einer größeren Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern – und einem Markt, der eine schärfere Beurteilung von Politik, Finanzierung und Währungsrisiko erfordert.

Das ändert sich für Schwellenländeranleihen im Jahr 2026

Die Ausgangslage für EMD ist im Jahr 2026 anders als zuvor. Nach einem starken Lauf macht die Spread-Einengung auf breiter Front einen kleineren Teil des Performancepotenzials aus – und in einigen Teilbereichen sind die Spreads im historischen Vergleich sehr niedrig. Die Chancen sind nicht verschwunden, der Markt verzeiht nur weniger schwache Kapitalstrukturen.

Das verschiebt den Renditemix wieder stärker in Richtung Carry und Roll-down. Die All-in-Renditen bleiben zwar attraktiv, doch wenn der Carry einen größeren Teil der Performance trägt, darf das Abwärtsrisiko nicht ausgeblendet werden: Eine einzelne Fehlposition kann mehrere Monate an Erträgen zunichtemachen. Insofern ist mit kürzeren, aber ausgeprägteren Volatilitätsschüben zu rechnen als mit einem gleichmäßig verlaufenden Einbahnmarkt.

Volatilität: Politik, Wahlen, Dispersion

Diese Volatilitätsschübe sind eher auf die Politik und die politischen Entscheidungen der einzelnen Länder zurückzuführen als auf einen einzelnen globalen Schock. Eine härtere Handelspolitik der USA, veränderte Sanktionen und Veränderungen in der Lieferkette werden sich ungleichmäßig auswirken. Einige Länder werden davon profitieren, bei anderen wird die Risikoprämie steigen, wenn die Glaubwürdigkeit der Politik oder die außenwirtschaftlichen Bilanzen fragil erscheinen.

Wahlen sind ein weiterer Katalysator. Wenn Regierungen sich auf kurzfristige Finanzierungen stützen, um Versprechen zu finanzieren, können sich die Märkte schnell Sorgen um die Inflation und die Unabhängigkeit der Zentralbank machen. Der Index kann ruhig aussehen, während eine Handvoll Namen weiter auseinanderklafft – daher konzentrieren wir uns auf die Dispersion und nicht auf ‚Emerging Markets‘ als alleinigen Trade.

Ausfallrisiken: Mehr idiosynkratische Bruchlinien

Wir erwarten weniger Ausfälle als in den vergangenen Jahren, gleichwohl bestehen weiterhin strukturelle Bruchlinien. Senegal sticht dabei als zentrales kurzfristiges Risikoszenario hervor. Argentinien erscheint weniger riskant als seit Längerem – eine Verbesserung gegenüber dem Tiefpunkt des Zyklus, auch wenn die Unsicherheit fortbesteht.

Libanon und Venezuela befinden sich weiterhin im Default und ein möglicher Restrukturierungspfad dürfte langwierig sein. Entscheidend ist, dass das Ausfallrisiko zunehmend idiosynkratisch wird – was eine fundamentale Kreditanalyse unverzichtbar macht.

Relative Attraktivität: Staats- vs. Unternehmensanleihen, Hart- vs. Lokalwährung

Bei Staatsanleihen in Hartwährung sehen die Spreads im historischen Vergleich niedrig aus, aber es gibt Nuancen. EMD Investment Grade (IG) wird immer noch rund 20 Basispunkte höher gehandelt als US IG, und EMD High Yield (HY) liegt über dem Fünfjahresdurchschnitt ihres Spread-Aufschlags auf US HY. In absoluten Zahlen sind die Renditen immer noch hoch – rund 6,8 Prozent für Schwellenländer-Staatsanleihen.

Die Spreads von Schwellenländer-Unternehmensanleihen sind ebenfalls niedrig, aber im Vergleich zu ihren US-Pendants und gegenüber Schwellenländer-Staatsanleihen sind sie angemessener. Die Renditen von Unternehmensanleihen in Hartwährung liegen bei etwa 6,3 Prozent, während das durchschnittliche BBB-Rating beibehalten wird. In vielen Fällen lässt sich immer noch eine höhere Rendite als bei ähnlichen US-Unternehmensanleihen erzielen. EMD in Lokalwährungen kann funktionieren, wenn die Federal Reserve (Fed) die Zinsen weiter senkt, aber die Devisen sind der entscheidende Faktor – die Messlatte für eine Währungspositionierung muss also hoch liegen.

Kapitalströme und Emission: Technisches Risiko am langen Ende 

Die Mittelzuflüsse haben sich verbessert – im Jahr 2025 beliefen sich die Nettokapitalzuflüsse auf etwa 32 Milliarden US-Dollar, gestützt durch attraktive Renditen und ein stabileres globales Umfeld. Kumuliert seit 2021 sind die Flows jedoch weiterhin negativ (ca. 63 Milliarden US-Dollar), sodass sich die Nachfrage weiter erholen kann, allerdings nicht zwingend linear. Ein zentrales technisches Risiko liegt am langen Ende der Schwellenländer-IG-Zinskurven. Die Crossover-Nachfrage wurde durch einen Mangel an langlaufenden US-IG-Emissionen unterstützt. Sollte die Emissionstätigkeit im US-IG-Segment dieses Jahr deutlich anziehen, insbesondere mit höheren Neuemissionsprämien, könnten langlaufende Schwellenländer-IG-Anleihen einen Teil ihres Knappheitsvorteils verlieren.

China: Gezielte Unterstützung und Stabilität als Leitmotiv 

Das Kreditumfeld in China bleibt durch strukturelle Belastungsfaktoren und eine fragile Binnennachfrage eingeschränkt. Die Politik setzt eher auf gezielte Unterstützungsmaßnahmen als auf ein breit angelegtes Konjunkturpaket – sektorale Maßnahmen und „Trade-in“-Subventionen statt eines einzelnen, umfassenden Stimulushebels. Der bevorstehende 15. Fünfjahresplan zielt auf eine fortschrittliche Produktion und eine größere technologische Eigenständigkeit ab, flankiert von Programmen zur Stärkung des Konsums. Für die Märkte spricht diese Mischung tendenziell für eine verankerte Zinskurve, da Stabilität Priorität hat. Wir bevorzugen qualitativ hochwertige Emittenten, die mit der politischen Ausrichtung im Einklang stehen, und sehen den Renminbi angesichts der niedrigen Renditen weiterhin als potenzielle Finanzierungswährung.

Dispersion entscheidet über das Ergebnis

In unserem Basisszenario gehen wir von einer sanften Landung aus, bei der eine gewisse Abschwächung der US-Arbeitsmarkt- und Vertrauensdaten teilweise durch anhaltende Investitionen im Zusammenhang mit KI ausgeglichen wird. Wir gehen von einer weiteren Normalisierung der Fed-Politik aus, mit zwei oder drei Senkungen im Laufe des Jahres. In diesem Szenario erwarten wir etwa 7 Prozent für Schwellenländer-Staatsanleihen in Hartwährung, etwa 6 Prozent für Unternehmensanleihen in Hartwährung und etwa 8 Prozent für Lokalwährungsanleihen.

In einem ungünstigeren Szenario mit einer leichten Rezession in den USA erwarten wir eine Spread-Ausweitung, einen Anstieg der Zahlungsausfälle und eine Abschwächung der Schwellenländerwährungen – teilweise ausgeglichen durch mehr Spielraum für globale Zinssenkungen. Die Performance für Staatsanleihen in Hartwährung läge in einem solchen Fall bei nahe 0 Prozent, etwa +1 Prozent für Unternehmensanleihen in Hartwährung und etwa 4 Prozent für Lokalwährungsanleihen. Die Botschaft ist, dass Ertragserwartungen attraktiv sind, die Dispersion jedoch über das Ergebnis entscheiden wird.

Christopher Mey

Christopher Mey ist Head of Emerging Market Debt bei Candriam. Candriam steht für "Conviction AND Responsibility In Asset Management" und ist ein globaler Multi-Spezialist Manager sowie ein anerkannter Vorreiter und eines der führenden Unternehmen im Verantwortlichen Investieren seit 1996. Mit einem Team aus über 600 Mitarbeitern managt Candriam über 156 Mrd. Euro Vermögen (30.06.2025). Das Unternehmen hat Investmentzentren in Luxemburg, Brüssel, Paris und London und betreut Kunden in über 20 Ländern in Kontinentaleuropa, im Vereinigten Königreich, den Vereinigten Staaten und im Mittleren Osten. Candriam bietet innovative Investmentlösungen in vielfältigen Kernbereichen: Anleihen, Aktien, Alternative-Strategien und Asset-Allokation. Candriam ist ein Unternehmen der New York Life Investments Company.

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