Michaël Nizard, Edmond de Rothschild AM

Grönland, Zoll-Drohungen aus Washington und Europas Preis der Abhängigkeit

Indem US-Präsident Donald Trump neue Zölle an die Zustimmung Europas zum Kauf Grönlands koppelt, nutzt er den Handel als geopolitisches Druckmittel in neuem Ausmaß. Die angekündigten Strafzölle in Höhe von zunächst 10 Prozent, die ab dem Sommer auf 25 Prozent steigen sollen, treffen gezielt europäische Wirtschaftssäulen wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die nordischen Staaten.

Michaël Nizard, EdRAM

Hinter seiner überspitzten Aussage ‚Der Weltfrieden steht auf dem Spiel‘ verbirgt sich eine als gegeben angesehene Doktrin: Bündnisse sind keine stabilen Rahmenbedingungen mehr, sondern verhandelbare Machtverhältnisse. Grönland, ein autonomes dänisches Gebiet im Herzen der Arktis, verdeutlicht diesen Wandel. Aufgrund seiner strategischen Lage gegenüber Russland, der Öffnung neuer Polarrouten und des Zugangs zu kritischen Rohstoffen gilt es aus US-Sicht als globales Sicherheitsgut, dessen Erhalt es rechtfertigt, Druck auf Verbündete auszuüben.

Wirtschaftliche Sprengkraft und transatlantische Verflechtung

Diese politische Entwicklung birgt potenziell erhebliche wirtschaftliche Kosten in Höhe von 0,2 bis 0,5 Prozent des Wirtschaftswachstums, je nach Intensität der Zollandrohung. Die Außenhandelszahlen verdeutlichen das Ausmaß der transatlantischen Abhängigkeit: Der jährliche Warenhandel zwischen der Europäischen Union (EU) und den Vereinigten Staaten beläuft sich auf knapp 870 Milliarden Euro. Europa weist mit rund 530 Milliarden Euro an Exporten gegenüber 335 Milliarden Euro an Importen einen deutlichen Überschuss im Warenhandel auf, während die USA im Dienstleistungssektor dominieren. Das Verhältnis von Waren und Dienstleistungen bleibt weitgehend ausgeglichen, ist aber dennoch voluminös genug, sodass sich Zollsteigerungen unmittelbar auf industrielle Lieferketten, die Inflation und Investitionen auswirken würden.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron spricht von ‚wirtschaftlicher Nötigung‘ und fordert die Aktivierung des Handelsinstruments zur Bekämpfung von Zwangsmaßnahmen (Anti-Coercion Instrument, ACI) der EU, das 2023 verabschiedet wurde, aber noch nie zum Einsatz gekommen ist. Das Ziel besteht darin, US-Firmen den Zugang zum Binnenmarkt zu beschränken und damit ein starkes politisches Signal zu senden. Eine Aktivierung ist jedoch weiterhin unwahrscheinlich, da hierfür eine qualifizierte Mehrheit von 55 Prozent der EU-Staaten und 65 Prozent der europäischen Bevölkerung erforderlich ist. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund der Aufrufe zur Zurückhaltung durch mehrere Staats- und Regierungschefs, wie die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, fraglich. Hinzu kommt die Drohung aus Washington, die Unterstützung der Ukraine zu kürzen. Das ist ein Anreiz für Europa, Kompromisse mit Trump zu suchen, statt einen Kampf zu beginnen, bei dem es viel zu verlieren hätte.

Europäische Verteidigungsaktien im Rallye-Modus

Die Märkte senden ein klares Signal: Zu Jahresbeginn 2026 erleben europäische Verteidigungsaktien eine spektakuläre Rallye. Der STOXX Europe Aerospace & Defence Index hat innerhalb weniger Wochen um fast 15 Prozent zugelegt und setzt damit den seit dem Ukraine-Krieg eingeschlagenen Kurs fort. Unternehmen wie Saab, Rheinmetall und BAE-Systems profitieren von den Erwartungen anhaltend steigender Militärhaushalte. Anleger setzen darauf, dass Europa angesichts eines zunehmend unberechenbaren US-Verbündeten seine souveränen Fähigkeiten ausbauen muss.

Strategischer Bruch

Die jüngsten Ereignisse – Bedrohungen für Grönland, die Intervention der USA in Venezuela und die Rhetorik eines impliziten Rückzugs der Sicherheitsgarantien – beenden die Illusion eines bedingungslosen US-Schutzes für die europäische Verteidigung. Die im Rahmen der NATO eingegangenen Verpflichtungen, die Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern, nehmen nun konkrete Formen an und stützen die bereits außergewöhnlich starke Auftragslage der Hersteller in diesem Sektor.

Für Europa ist dies eine brutale Offenbarung: Der lange Zeit als Stabilisator geltende Handel wird zur politischen Waffe. Verteidigung, gestern noch ein Randthema in Portfolios, etabliert sich als Barometer der Souveränität. Jenseits Grönlands stellt sich die Kernfrage: Welchen Preis muss Europa für eine strategische Abhängigkeit zahlen, die plötzlich spürbar geworden ist?

Wie bereits während der Ereignisse in Venezuela betont, sind die Auswirkungen dieses letzten Wochenendes noch unklar. Sie markieren jedoch die anhaltende Verschiebung der tektonischen Platten in der Geopolitik und Politik. Sie verdeutlichen den Kontrast zwischen der vorherrschenden Instabilität – derzeit eher institutioneller als wirtschaftlicher Natur – und der extremen Marktkonzentration, der anhaltenden Stärke des Momentum-Faktors sowie ambitionierten Bewertungen. Dies bestärkt unsere Überzeugung, dass Anleger mit einem mittel- bis langfristigen Horizont ihre Allokation und Themen dringend stärker diversifizieren müssen – insbesondere diejenigen, die noch immer im Trend liegen. Besonders relevant sind für uns unsere kürzlich aufgelegten Strategien Global Resilience und Mission Europa: Die erste zielt auf widerstandsfähige Unternehmen in einer instabilen Welt ab, die zweite auf Unternehmen, die von Europas Antwort auf diese Herausforderungen profitieren. Trumps Erinnerung an das Interesse der Vereinigten Staaten an Grönland – vielleicht mehr als nur eine Anekdote – erinnert Europa an die Dringlichkeit einer besseren Strukturierung.

Michaël Nizard

Michaël Nizard ist Head of Multi Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild AM, ein Investmenthaus, das auf Private Banking und Asset Management spezialisiert ist. Zum internationalen Kundenkreis zählen Familien, Unternehmer und institutionelle Investoren. Die Edmond de Rothschild Gruppe ist auch in den Bereichen Corporate Finance, Private Equity, Immobilien und Fund Services tätig. Als familiengeführtes Unternehmen besitzt Edmond de Rothschild die notwendige Unabhängigkeit, um mutige Strategien und langfristige Anlagen vorschlagen zu können, die in der Realwirtschaft verankert sind. Die Gruppe wurde 1953 gegründet und verfügte per Ende Dezember 2023 über ein verwaltetes Vermögen von rund 163 Milliarden Schweizer
Franken, 2.600 Mitarbeiter und 28 Niederlassungen weltweit