Grönland und Arktis: Europa steckt im geopolitischen Schraubstock
Trump mag in der vergangenen Woche beim Weltwirtschaftsforum in Davos von seiner Drohung einer Annexion Grönlands abgebracht worden sein und damit in Europa für Erleichterung gesorgt haben. Der globale Machtpoker um die Arktis ist aber in vollem Gange – und Europa sitzt dabei nur am Kindertisch. Wir haben bereits vor Trumps jüngster Eskalation eine umfassende Analyse zum Kampf um die Arktis veröffentlicht hat.
Der Konflikt um Grönland hat die Arktis erst jetzt richtig in die breite öffentliche Wahrnehmung gebracht. Dabei ist das Thema schon länger hochbrisant, wurde aber in Europa sträflich vernachlässigt. Der Klimawandel und das rapide Abtauen des Polareises eröffnen ganz neue Spielräume, die von Staaten wie China und Russland bereits gezielt genutzt werden. Russland profitiert vor allem militärisch und gewinne mehr Bewegungsfreiheit für seine Nordmeerflotte. Für China bedeutet die Öffnung der Arktis eine signifikante Verkürzung von Schifffahrtsrouten – aber auch Zugang zu bislang noch unerschlossenen Rohstoffquellen.
Die USA haben handfeste wirtschaftliche Interessen
Auch die USA haben die geostrategische Bedeutung der Arktis erkannt und versuchen nun massiv, dort Fuß zu fassen, zuletzt mit abstrusen Besitzansprüchen auf Grönland. Dabei geht es auch um handfeste wirtschaftliche Interessen – getrieben vom Rohstoffhunger der US-Tech-Giganten nach kritischen Metallen. Die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA bezeichnet die Arktis als wichtiges Element der US-Sicherheitspolitik, was den aggressiven Kurs gegenüber Dänemark und anderen NATO-Verbündeten erklärt.
Die USA folgen damit auch in der Arktis ihrer neuformulierten Machtpolitik, die sich von der Idee ‚des Westens‘ abwendet und stattdessen am Prinzip neoimperialer Hemisphären ausrichtet. Klar ist: Die arktische Region entwickelt sich rasant zur neuen Frontlinie der drei Großmächte USA, Russland und China. Die Arktis wird damit vom unterschätzten ‚Blindspot‘ zum geopolitischen ‚Hotspot‘. Aus Sicht Europas zeigt sich immer deutlicher: Der alte Kontinent hat im neuen Konzert der Großmächte keinen Logenplatz mehr. Trotz legitimer Interessen der Arktisanrainer Norwegen, Schweden und Finnland verfolgt die Europäische Union keine stringente Strategie für die Region. Europa gerät immer stärker in einen geopolitischen Schraubstock.
Auf die USA ist unter Trump kein Verlass mehr
Da neuerdings auch die USA – neben Russland und China – ganz offen europäische Sicherheitsinteressen verletzen, droht eine gefährliche machtpolitische Triangulation. Wie der kanadische Premierminister Carney in einer Grundsatzrede auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) klar gemacht hat, ist auf die USA unter Trump kein Verlass mehr. Die Vorstellung einer regel- und wertebasierten Weltordnung, die auch in Europa oft noch vorherrscht, ist als Illusion entlarvt und muss einer realistischen Sicht weichen. Mittelmächte wie Europa stehen damit vor akuten Herausforderungen und müssen sich schnellstmöglich besser aufstellen. Das Szenario einer neuen ‚Weltunordnung‘ zwingt aber auch Unternehmer und professionelle Investoren zu grundlegenden strategischen Reflexionen.
"Macht und strategische Dominanz“ der Bad Homburger Denkfabrik FERI Cognitive Finance Institute untersucht die rapide Transformation der Arktis und gibt tiefe Einblicke in die geopolitischen Implikationen. Die Analyse steht zum Download im Content Center zur Verfügung.