Alexis Bienvenu, LFDE

Gold ist die stille Machtquelle Indiens

Der jüngste Rücksetzer des Goldpreises hat die Aufmerksamkeit der Märkte wieder stärker auf kurzfristige Schwankungen gelenkt. Für Indien ist Gold jedoch weit mehr als ein zyklischer Vermögenswert oder ein spekulativer Inflationsschutz. Seine Bedeutung reicht tief in die kulturellen, gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen des Landes hinein. Unabhängig vom aktuellen Preisniveau prägt Gold das Sparverhalten der Haushalte, die Stabilität der Finanzierungsstrukturen und zunehmend auch die geopolitische Positionierung Indiens.

Alexis Bienvenu, LFDE

Kulturelle Verankerung jenseits ökonomischer Logik

Diese besondere Rolle lässt sich bis in die hinduistische Mythologie zurückverfolgen, der zufolge das Universum aus einem goldenen Ei, dem „Hiranyagarbha“, entstand. Gold besitzt daher für große Teile der indischen Bevölkerung einen nahezu sakralen Status. Besonders sichtbar wird dies bei Hochzeiten, bei denen die Ehefrau das sogenannte „Stridhan“ erhält – ein meist aus Gold bestehendes Vermögen, das ihr dauerhaft gehört und selbst im Falle einer Scheidung unangetastet bleibt. Gold fungiert damit nicht nur als Schmuck oder Statussymbol, sondern als generationsübergreifender Vermögensanker.

Privater Goldbesitz übersteigt Bestände der zehn größten Zentralbanken 

Auch aus makroökonomischer Perspektive ist die Bedeutung enorm. Die indische Zentralbank hält rund 880 Tonnen Gold und rangiert damit weltweit auf Platz neun. Weitaus entscheidender ist jedoch der private Sektor. Schätzungen zufolge befinden sich zwischen 25.000 und 34.000 Tonnen Gold im Besitz indischer Haushalte – mehr als bei den zehn größten Zentralbanken der Welt zusammen. Die größten Zentralbanken der Welt halten jeweils nur 2.000 bis 3.000 Tonnen. Den Rekord hält die US-Notenbank mit 8.000 Tonnen. Gold ist ein wesentlicher Bestandteil des Vermögens indischer Familien. In der Regel macht es mehr als 10 Prozent aus, in den am schwächsten mit Bankdienstleistungen versorgten Bevölkerungsgruppen mitunter sogar bis zu 50 Prozent. Daher gibt es in der Bevölkerung aufgrund des Wertzuwachses von Gold einen bedeutenden Reichtumseffekt. Theoretisch dürfte davon der Konsum in hohem Maße profitieren, schließlich macht dieser in Indien etwa 70 Prozent des BIP aus. Ist dies ein Hebel für ein neues, goldenes Zeitalter?

Gold dient vor allem als Versicherung

Theoretisch ließe sich daraus ein signifikanter Reichtumseffekt ableiten, zumal der private Konsum rund 70 Prozent der indischen Wirtschaftsleistung ausmacht. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Gold nicht ohne Weiteres in zusätzliche Ausgaben übersetzt wird. Viele Haushalte betrachten ihre Goldbestände primär als Versicherung, als Krisenreserve oder als übertragbares Familienvermögen, nicht jedoch als liquide Mittel. Hinzu kommen makroökonomische Nebenwirkungen: Hohe Goldpreise verteuern Schmuck und wirken inflationsfördernd, während die starke Importabhängigkeit das Handelsdefizit belastet und Druck auf die Rupie ausüben kann. Die Verbindung zwischen Goldvermögen und Konsum bleibt daher komplex und indirekt.

Mit Gold besicherte Darlehen gewinnen an Bedeutung

Ein klar messbarer Effekt zeigt sich jedoch über den Kreditkanal. Mit Gold besicherte Darlehen gewinnen stark an Bedeutung, sowohl bei Banken als auch bei Finanzinstituten außerhalb des klassischen Bankensektors. Nach Angaben der Reserve Bank of India hat sich das Volumen dieser Kredite in den sechs Monaten bis November 2025 verdoppelt. Gold dient hier als hochwertige Sicherheit, die den Zugang zu Finanzierung erleichtert, ohne dass Haushalte ihre Bestände verkaufen oder zusätzliche Importe ausgelöst werden. Dieser Mechanismus unterstützt den Konsum gezielt und erhöht zugleich die Effizienz der bestehenden Vermögensbasis.

Geopolitischer Stabilitätsanker

Über die Binnenwirtschaft hinaus hat das umfangreiche Goldvermögen auch eine geopolitische Dimension. Es stärkt Indiens Bestrebungen, seine Abhängigkeit vom US-Dollar schrittweise zu reduzieren und seine wirtschaftliche Souveränität auszubauen. In einem Umfeld zunehmender handelspolitischer Spannungen mit den USA und einer gleichzeitigen strategischen Annäherung an Europa fungiert Gold als neutraler Stabilitätsfaktor. Es verleiht dem Land finanzielle Flexibilität und stärkt seine Verhandlungsposition auf internationaler Ebene.

So zeigt sich, dass Gold für Indien weit mehr ist als ein Rohstoff oder ein kurzfristiges Investmentthema. Unabhängig von Preisschwankungen bleibt es ein zentraler Bestandteil der wirtschaftlichen Architektur des Landes – als Vermögensspeicher, als Sicherheit im Finanzsystem und als strategischer Faktor in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung. In diesem Sinne ist die symbolische Verbindung zum „Hiranyagarbha“ mehr als Mythologie: Sie spiegelt eine reale wirtschaftliche Machtquelle wider.

Alexis Bienvenu

Alexis Bienvenu ist Fondsmanager bei La Financière de l’Echiquier (LFDE), einer der führenden Vermögensverwaltungsgesellschaften Frankreichs. Das Unternehmen wurde 1991 gegründet und ist seit Juli 2023 eine Tochtergesellschaft von LBP AM. LFDE verwaltet ein Vermögen von 27 Milliarden Euro (auf konsolidierter Basis, Stand: 31.12.2023), beschäftigt über 170 Mitarbeitende und vertreibt seine Fonds in den Benelux-Ländern, in Deutschland, Italien, Österreich, der Schweiz und Spanien. 

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