Anthony Willis, Columbia Threadneedle

Globale Wachstumsprognosen positiv – Ängste waren übertrieben

Das globale Wachstum dürfte sich im weiteren Verlauf des Jahres gut entwickeln – die Ängste vieler Anleger haben sich damit nicht bestätigt. Aber wie geht es jetzt mit Inflation, Geldpolitik und Wachstum weiter?

Anthony Willis, Columbia Threadneedle

Die Finanzmärkte haben sich zunächst beruhigt. Wie es jetzt weitergeht, hängt vor allem von der Inflation und den Zentralbanken ab. Aber auch davon, wie widerstandsfähig das globale Wachstum ist – denn die geopolitischen Turbulenzen halten an, zuletzt mit erneutem Säbelrasseln zwischen den USA und dem Iran.

Ölpreisschock lässt nach – kein Straffungszyklus nötig

Zuerst ging der Markt von aggressiven Zinserhöhungen infolge der steigenden Ölpreise aus. Zwischenzeitlich ging der Ölpreis jedoch wieder Richtung 70 US-Dollar pro Barrel, was den Druck auf den Energiemärkten zwischenzeitlich verringert hat. Die Inflation scheint sich in den Vereinigten Staaten ebenfalls vorerst bei 4,0 Prozent stabilisiert zu haben. Die Gesamtinflation ist damit zwar gestiegen, doch insgesamt scheint sich der Ölpreis nicht so deutlich auf die Preise ausgewirkt zu haben wie befürchtet.

Anleger müssen also keinen weiteren Straffungszyklus fürchten, obwohl die Inflation weiterhin zu hoch ist. Die Auswirkungen des Ölschocks lassen aber nach und die Wirtschaft konnte die jüngsten Störungen abfangen. Angesichts der fragilen Lage im Nahen Osten bleibt Energie jedoch ein zentraler Unsicherheitsfaktor.

Zentralbanken schinden Zeit

All das spiegelt sich auch in den Markterwartungen wider. In den USA wird eine Zinserhöhung seitens der Federal Reserve eingepreist – allerdings erst im Dezember. Für Unsicherheit sorgt dagegen das Herangehen des neuen Vorsitzenden Kevin Warsh. Doch das Wachstum ist robuster als befürchtet, wodurch keine sofortigen Maßnahmen nötig sind.

Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen dagegen bereits angehoben und es wird ein weiterer Zinsschritt erwartet. Sollten die Daten auch weiterhin zeigen, dass der Energieschock kein dauerhaftes Inflationsproblem verursacht, dürften sich diese Erwartungen jedoch wieder ändern. Die Bank of Japan hingegen geht ihren eigenen Weg und normalisiert ihre Geldpolitik. Hier halten wir eine weitere Zinsanhebung bis Ende des Jahres für möglich.

Weniger schlimm als gedacht

Für die Zentralbanken hängt also alles vom Einfluss der Energiepreise auf die Inflation ab. Bisher sind jedoch keine Zweitrundeneffekte zu beobachten – die Zentralbanken müssen nicht präventiv handeln, sondern können sich vorerst eine abwartende Haltung erlauben. Eine Lockerung der Geldpolitik ist zwar sehr unwahrscheinlich, doch die Ängste vor einem Straffungszyklus waren unberechtigt. 

Das Wachstum war in den letzten drei Monaten gedämpft. Global dürfte es sich im weiteren Jahresverlauf aber gut entwickeln – vor allem, wenn sich die Zentralbanken nicht zu weiteren Erhöhungen gezwungen sehen und die Märkte weiterhin robust sind. Anleger sollten jedoch weiterhin vorsichtig sein: Die Inflation könnte hartnäckig bleiben, insbesondere falls die Ölpreise steigen oder der inländische Preisdruck stärker wird. Das Basisszenario ist jedoch konstruktiver als bisher.

Anthony Willis

Anthony Willis ist  Senior Economist bei Columbia Threadneedle Investments. Columbia betreuet Gelder für private Investoren, Finanzberater, Vermögensverwalter und Versicherungsgesellschaften, Pensionsfonds und andere Institutionen. Gemeinsam haben sie Columbia 577 Mrd. Euro verwaltetes Vermögen (AUM) bzw. 614 Mrd. Euro verwaltetes und beratenes Vermögen (AUM und AUA, Stand 31.12.2025) anvertraut.