Robert Halver, Baader Bank

Friedliche Koexistenz zwischen China und Amerika zu Lasten Europas

Beim Staatsbesuch von Donald Trump bei Xi Jinping trafen sich zwei, die sich als Systemrivalen sicher nicht mögen, aber realpolitisch gezwungen sind, sich miteinander zu arrangieren. Denn während die USA nicht mehr universelle Allmacht sind, ist Chinas Weg zur globalen Spitze keine barrierefreie Einbahnstraße. Über die Zusammenarbeit der beiden Kontrahenten droht Europa wie eine Zitrone ausgepresst zu werden, wenn es sich nicht endlich nach vorne bewegt.

Robert Halver, Baader Bank AG

Amerikas Machtverlust ist auch selbst verschuldet

Der Iran-Krieg hat die Vereinigten Staaten geopolitisch blank gemacht. Trump war der Meinung, dass die militärische Übermacht der USA den Iran schnell auf die Knie gehen lässt. Was für eine Fehleinschätzung. Die Feinde Amerikas haben genüsslich festgestellt, dass es selbst für God’s Own Country Grenzen gibt. Amerika wird zukünftig keine militärischen Experimente mehr wagen. Vor allem hat China Grund zur Annahme, dass Amerika die Interessen Taiwans nicht verteidigen wird. Tatsächlich hat Trump beim Staatsbesuch nicht auf die heftigen öffentlichen Warnungen Xi Jinpings vor einem US-Engagement reagiert. Nichts zu sagen ist auch eine Ansage.

Und über den Iran-Krieg erleidet auch Amerika wirtschaftliche Schmerzen. Wegen steigenden Benzinpreisen überschreitet die US-Inflation das erste Mal seit drei Jahren wieder die Lohnzuwächse. Ebenso haben sich auch die Renditen von US-Staatsanleihen verteuert, was staatliche und private Schuldenmacherei erschwert und Konjunktur und Börse Kraft nimmt. Der Mythos Trump hat in den USA Risse bekommen.

Vor diesem Hintergrund ist der amerikanische Präsident in China ungewohnt kleinlaut aufgetreten. Kein Wunder, für einen Friedens-Deal mit dem Iran mit energiepreissenkender Wiedereröffnung der Straße von Hormuz will Trump seinen neuen chinesischen „Freund“ ins Boot holen, um sein Iran-Experiment einigermaßen gesichtswahrend zu beenden. Der ansonsten ziemlich unbekümmert wirkende Xi Jinping konnte seine Genugtuung über die geopolitische Aufwertung nicht verbergen.

Nicht zuletzt hat Trumps harte zollpolitische Karte gegenüber China nicht aufge-Trump(f)t. In Amerika fehlen vielfach die Vorprodukte aus Asien oder sie haben sich zulasten der Marge der Importeure oder zugunsten höherer Endpreise verteuert. Mit den Produktionskosten Chinas kann Amerika sowieso nicht mithalten. Die von Trump angekündigte gehaltvolle Reindustrialisierung Amerikas hat sich verwässert.

Bei aller Rivalität wird Trump von der Realität gezwungen, Kreide zu fressen und auf China zuzugehen.

China ist keine Insel der Glückseligkeit

Xi Jinping will China bis zur 100-Jahr-Feier der chinesischen Revolution im Jahr 2049 zur dominierenden Supermacht machen. Doch ist die Ablösung der Lex Americana ein steiniger Weg. Die USA erleiden zwar einen relativen, aber keinen absoluten Machtverlust. Sie bleiben mit Abstand die stärkste Militärmacht. Ihre Marktwirtschaft ist dynamisch und flexibel.

Auch sind die BRICS+-Staaten alles andere als ein Fanclub zur konsequenten Unterstützung Chinas. Sie kochen alle ihre eigenen Süppchen. Sie wollen selbst geopolitisch und wirtschaftlich nach vorne. So wird Indien seine Interessen als aufkommende Großmacht wahren und gegenüber China niemals kleinbeigeben.

Im Übrigen sind die wirtschaftlichen Probleme Chinas unübersehbar. Das Land ist stark exportorientiert, doch sind die früher so offenen Absatzmärkte heute deutlich zugeknöpfter. Zudem ist die Binnenkonjunktur angeschlagen.

Überhaupt sind die strukturellen Probleme als „Errungenschaften“ des Sozialismus nicht zu leugnen. Sicherlich sind diese Probleme weniger sichtbar, weil die staatliche Repression sie wie Dreck unter den Teppich kehrt. Doch hinter den angeordneten Jubelbildern wächst der Unmut der Bevölkerung.

Vernunftehe zwischen China und den USA

Insgesamt gibt es zwischen Amerika und China keine Liebesbeziehung, aber immerhin eine Vernunftehe. Man braucht einander platonisch. Die einen produzieren für den attraktivsten Absatzmarkt und die anderen kommen an preisgünstige Ware und Vorprodukte.

Und so soll es keine US-Zusatzzölle gegen China bis Ende 2026 geben und Peking setzt die Exportkontrollen auf Seltene Erden in die USA aus.

Und als Schmankerl obendrauf will China 200 Boeing-Jets bestellen und den aufgebrachten Trump-Wählern in den Kornkammern Amerikas 12 Mio. Tonnen Sojabohnen abkaufen. Umgekehrt dürfen 10 chinesische Firmen KI-Chips von Nvidia kaufen, wenn auch nur die zweite Klasse.

Ein bisschen rivalisierende Schlagseite hat die neue Harmonie dann doch noch. Das zeigt auch der kurzfristig auf Trump folgende Besuch von Putin. Das Signal Xi Jinpings an den US-Präsidenten: Ich bin nicht allein. Ich habe noch einen Freund, den ich in der Hand habe.

Unter dem Strich ist der Staatsbesuch Trumps in China für beide Seiten nicht schlecht gelaufen. Das wird dem amerikanischen Aktienmarkt sicher nicht schaden. So sieht realpolitische Verständigung aus.

Wenn zwei (Amerika, China) sich annähern, ärgert sich der Dritte (Europa)

Während Trump die Nähe zu Peking sucht, verprellt er weiter die westlichen Verbündeten. Die jahrzehntelangen Verbündete in Europa mit gleichen transatlantischen Wertvorstellungen lässt er links liegen. Für einen Deal mit China würde er wohl seine eigene europäische Großmutter verkaufen.

Tatsächlich wirkt sich Trumps Angriff auf den Iran wie eine Streubombe auf Europa aus. Unsere Verwundbarkeit im Energiebereich ist gestiegen. Das nutzt nicht nur Moskau aus, sondern auch Amerika, das an uns Öl und Gas gerne zu hohen Preisen verkauft.

Außerdem darf nicht vergessen werden, dass unfaire US-Zölle Europa noch mehr in wirtschaftliche Schieflage bringen. So hat Trump der EU jüngst wieder ein Ultimatum gesetzt, den ausgehandelten Zoll-Deal bis Juli umzusetzen.

Die Krone des Hohns ist die Forderung der USA an die Europäer, sich von China zu entkoppeln. Aber sie selbst dürfen selbstverständlich mit Peking zusammenarbeiten. Das nennt man Messen mit zweierlei Maß.

Europa darf jetzt aber nicht weiter auf Mimimi machen und zu Kreuze kriechen wie in den letzten Jahren. Im Vergleich zu China hat Europa gegenüber Trump sicherlich schwache Trümpfe.

Diesem Zustand, diesem Schicksal muss sich Europa aber nicht ergeben. Ich erspare mir und Ihnen an dieser Stelle erneut auf die dramatischen Strukturprobleme Europas und Deutschlands einzugehen. Sonst brauche ich wieder Valium. Dennoch ist klar, dass wir nur mit politischer Korrektheit und dem Motto „Es muss sich was ändern, aber alles so bleiben wie es ist“ der chinesisch-amerikanischen Saftpresse niemals entkommen.

Und dann geht auch der börsenseitige Bedeutungsverlust Europas gegenüber den USA weiter.  

Sauer macht nicht immer lustig. 

Robert Halver

Robert Halver leitet seit 2008 die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich in verschiedenen Positionen – darunter beim Bankhaus Delbrück und der Schweizer Bank Vontobel – bereits seit 1990. Der wortgewandte Aktienexperte ist durch regelmäßige Medienauftritte und Fachpublikationen sowie als Kolumnist einem breiten Publikum bekannt.

Disclaimer

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