Sandra Rhouma, Alliance Bernstein

EZB: Zweiter Zinsschritt im Juli denkbar – langfristig hohe Zinsen nicht

Welchen geldpolitischen Kurs schlägt die EZB nach der Erhöhung der Leitzinsen in dieser Woche ein? Auch wenn die EZB bei ihrer Sitzung am Donnerstag bewusst vage blieb, halten wir eine weitere Straffung im Juni für wahrscheinlich. Warum wir dennoch den Marktkonsens für überzogen halten, dass die Europäische Notenbank ihre Zinsen langfristig auf hohem Niveau hält, erläutern wir hier.

Sandra Rhouma, Alliance Bernstein

Die Entscheidung für den Zinsschritt der EZB fiel einstimmig und war über eine Reihe von Szenarien hinweg solide. Dieser Straffungskurs dürfte sich über das Jahr hin fortsetzen. Zwar lieferten weder die Erklärung noch die Pressekonferenz klare Hinweise auf die künftige Geldpolitik, eine Analyse der Szenarien, deutet jedoch klar darauf hin, dass die europäischen Währungshüter ihren Kurs weiter moderat restriktiv ausrichten werden. 

Wie geht es also weiter mit der Geldpolitik im Euroraum? 

Angesichts der Stabsprognose der europäischen Währungshüter und der Reaktionsfunktion des EZB-Rats seit Beginn des Krieges im Iran scheint eine weitere Zinserhöhung durchaus gerechtfertigt. Der nächste logische politische Schritt für eine präventiv handelnde Zentralbank wäre, die Zinsen in zwei aufeinanderfolgenden Schritten anzuheben und im Juli eine weitere Erhöhung vorzunehmen. Wenn die EZB verhindern will, dass sich bestimmte Preis- oder Kostenschocks auf breiter Ebene in der Wirtschaft ausbreiten, sollte sie frühzeitig handeln – bevor sich diese Effekte ausbreiten können. Allerdings enthielt der Ausblick von Präsidentin Lagarde keine klaren Signale. Die Zentralbanker legen sich nicht auf einen bestimmten Zinspfad fest. Anders gesagt: Die EZB hält sich alle Optionen offen, wahrscheinlich auch die Möglichkeit, die Zinsen nicht erneut anzuheben. 

Gebremstes Lohnwachstum senkt Gefahr für Zweitrundeneffekte

Ihre Entscheidung in dieser Woche haben die europäischen Währungshüter mit neuen Prognosen gerechtfertigt. Danach wird die Inflation bis 2028 ihr Ziel – wenn auch nur leicht – überschreiten. Die EZB sieht die Inflationsrisiken aktuell eher mit Tendenz nach oben. Diese Einschätzung hängt jedoch stark mit der Entwicklung des Konflikts im Nahen Osten zusammen und ist daher mit großer Unsicherheit behaftet. Gleichzeitig räumte EZB-Präsidentin Christine Lagarde jedoch ein, dass die längerfristigen Inflationserwartungen weitgehend gut verankert bleiben. Zudem dürfte sich das Lohnwachstum bis zum Jahresende weiter abschwächen. Dies ist durchaus eine entscheidende Beobachtung, da sie darauf hindeutet, dass schwerwiegende Zweitrundeneffekte wahrscheinlich ausbleiben.

Unterdessen hat die EZB die Prognose für das Wachstum im Euroraum um 10 Basispunkte auf 0,8 Prozent für 2026 und 1,2 Prozent für 2027 nach unten korrigiert. 2028 erwarten die Zentralbanker eine leicht stärkere Erholung. Der private Konsum dürfte dafür den größten Beitrag leisten, auch wenn sich dieser auf verhaltenem Niveau bewegen wird. Die Risiken für die konjunkturelle Entwicklung bleiben nach unten gerichtet, da die Verbraucher angesichts der erhöhten Unsicherheit und der geringeren Kaufkraft vorsichtiger sein dürften als erwartet. Mit ihrem begrenzten Umfang werden die fiskalischen Maßnahmen den aktuellen Schock kaum abfedern können.

Szenario für langfristig hohe Zinsen ist unangemessen

Meine Grundprognose bleibt unverändert: Die EZB wird die Geldpolitik wahrscheinlich erneut straffen, doch der Zeitpunkt ist ungewiss. Dabei würde eine Pause im Juli die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Anhebung verringern; insbesondere, falls sich eine Lösung des Konflikts abzeichnet oder sich die Wachstumsaussichten in der Zwischenzeit verschlechtern. Mittelfristig geht der Markt davon aus, dass die EZB die Zinsen länger auf höherem Niveau hält. Dieses Szenario halte ich für unangemessen. Die Inflation dürfte 2027 wieder auf das Ziel zurückkehren, und die makroökonomischen Aussichten rechtfertigen es nicht, die Zinsen zu lange restriktiv zu halten.

Sandra Rhouma

Sandra Rhouma ist Vice President und European Economist im Fixed Income Team von AllianceBernstein. Von 2019 bis 2022 war Rhouma bei der Europäischen Zentralbank als Analystin für die Bankenaufsicht tätig, bevor sie eine Stelle als Wirtschafts-Wissenschaftlerin in den USA antrat. AllianceBernstein ist eine weltweit führende Investment-Management-Gesellschaft, die institutionellen Anlegern, Privatpersonen und vermögenden Privatkunden in den wichtigsten Märkten der Welt diversifizierte Anlagedienstleistungen anbietet. Zum 31. August verwaltete AB Assets under Management in Höhe von 844 Mrd. US-Dollar.