Stimmen zum Zinsentscheid der EZB

EZB erhöht erstmals seit drei Jahren die Zinsen

Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen um 25 Basispunkte erhöht. Der Einlagenzins liegt damit bei 2,25 Prozent. Der Hauptrefinanzierungssatz liegt bei 2,40 Prozent, und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent. Wir haben wieder einige Stimmen zu dieser Entscheidung eingefangen:

Zentrale der EZB in Frankfurt / Bild: EZB

Klaus Bauknecht: Signal zur Stabilisierung

Die Zinserhöhung der EZB ist primär als Signal zur Stabilisierung der Inflationserwartungen und Stärkung der geldpolitischen Glaubwürdigkeit zu interpretieren. Denn Inflationserwartungen haben sich seit Ausbruch des Iran-Krieges zunehmend vom Inflationsziel entfernt und orientieren sich mehr an aktuellen Preisschocks. Aus dieser Sicht war der heutige Zinsschritt absolut notwendig. 

Nach vorne schauend bleibt entscheidend, ob die konjunkturelle Eintrübung ausreichend sein wird, um Zweitrundeneffekte aus dem Preisschock zu begrenzen. Auch ist wichtig, dass schwache Konjunkturdaten die Inflationserwartungen und damit auch das lange Ende der Zinskurve zunehmend beeinflussen werden. Sonst ist mit einer weiteren Zinsanhebung – voraussichtlich im September – zu rechnen. Überzeugt hingegen die konjunkturelle Abkühlung, ergibt sich wenig weiterer Handlungsdruck für die EZB.
 

Dr. Klaus Bauknecht ist Chefvolkswirt bei der IKB Deutsche Industriebank AG

* * *

Florian Heider: Zinserhöhung war unausweichlich

Die Zinserhöhung war aufgrund des Ölpreisschocks unausweichlich. Mit einer Inflationsrate von 3,2 Prozent im Mai liegt die Eurozone deutlich über dem mittelfristigen Ziel von 2 Prozent. Höhere Zinsen sind deshalb das zentrale Instrument, um die Inflation einzudämmen. Die Europäische Zentralbank muss die Folgen steigender Rohstoffpreise ernst nehmen, um ihrem Mandat der Preisstabilität gerecht zu werden.

Die wirtschaftliche Situation unterscheidet sich von der Phase hoher Inflation nach Pandemie und Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Heute ist die Nachfrage schwach und die Wirtschaft in Strukturumbrüchen. Die Folgen für die Inflation sind unklar.  Es ist daher richtig, dass die EZB derzeit keine weiteren Zinsschritte signalisiert.  

Für die europäische Wirtschaft wird dieser Schritt wenig hilfreich sein, weil die Zinserhöhung auf eine bereits schwache Konjunktur trifft. Entscheidend ist, ob die höheren Energiepreise Zweitrundeneffekte auslösen.
 

Prof. Dr. Florian Heider ist Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE

* * *

Roger Rüegg: Nicht nachhaltig

Die Zinserhöhrung halten wir nicht für nachhaltig.

Die Inflation ist in den vergangenen Monaten infolge gestiegener Energiepreise von 2,0 auf 3,0 Prozent geklettert. Ob nun eine straffere Geldpolitik eine mögliche Ausweitung der Teuerung auf andere Güter und Dienstleistungen verhindern kann, ohne die bereits angeschlagene Konjunktur zusätzlich zu belasten, ist aus unserer Sicht fraglich.

Entsprechend haben wir unsere Prognose für das BIP-Wachstum im Jahr 2026 nach unten korrigiert: für die Eurozone auf weniger als 1,0 Prozent und für Deutschland auf nahezu 0,0 Prozent. Eine Zinserhöhung auf 2,25 Prozent würde Anleihen mit einer längeren Laufzeit in Euro begünstigen, während Aktien zyklischer, binnenorientierter Sektoren unter Druck geraten würden.

Im aktuellen konjunkturellen Umfeld besteht unserer Meinung nach das erhebliche Risiko, die Fehler von 2011 zu wiederholen: Damals wurden die Zinsen zunächst angehoben, mussten aber darauf wieder gesenkt werden.

Roger Rüegg ist Leiter Multi-Asset-Solutions bei der Zürcher Kantonalbank/Swisscanto

* * *

Nicolas Forest: Glaubwürdigkeit wahren

Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), die Zinsen erstmals seit fast drei Jahren anzuheben, wirkt eher wie ein Schritt, um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren, als wie der Beginn eines neuen Straffungszyklus. Die Erinnerung an das Jahr 2022 ist noch präsent und die EZB will vermeiden, erneut für eine zu späte Reaktion kritisiert zu werden. Mit dieser Zinserhöhung sendet sie ein klares Signal: Die Zentralbank ist entschlossen, denselben Fehler nicht zu wiederholen.

Die jüngsten Inflationszahlen rechtfertigen diesen Schritt. So stieg die Gesamtinflation im Mai auf 3,2 Prozent, während die Kerninflation 2,5 Prozent erreichte. Dies unterstreicht die Anfälligkeit des Euroraums für höhere Energiepreise infolge des Iran-Konflikts. Die Inflationserwartungen bleiben erhöht und die EZB hat ihre Inflationsprognosen für 2026 und 2027 leicht nach oben korrigiert. Da Preisstabilität ihr Mandat ist, argumentiert EZB-Präsidentin Christine Lagarde: ‚Die Öffentlichkeit könnte Schwierigkeiten haben, eine Reaktionsfunktion zu verstehen, die nicht reagiert.‘

Wir glauben jedoch nicht, dass dies den Beginn einer aggressiven Straffungsphase markiert. Dafür bleibt das wirtschaftliche Umfeld zu fragil. Der Energiepreisschock belastet die Konjunktur in Europa bereits und hat im ersten Quartal in den meisten Ländern zu einer Verlangsamung des Wachstums geführt. Das Lohnwachstum lässt nach und die Lage am Arbeitsmarkt schwächt sich allmählich ab. In diesem Umfeld dürften Zweitrundeneffekte bei der Inflation begrenzt bleiben, wodurch die Notwendigkeit eines längeren Zinserhöhungszyklus sinkt.

Unser Basisszenario sieht nur eine weitere Zinserhöhung in diesem Jahr vor. Sollten die geopolitischen Spannungen nachlassen, könnten die Ölpreise wieder in Richtung 80 US-Dollar je Barrel fallen. Das würde den Inflationsdruck mindern. Die Unsicherheit bleibt jedoch außergewöhnlich hoch, weshalb die EZB zögert, sich auf einen vordefinierten geldpolitischen Kurs festzulegen.

Die Anleihemärkte preisen derzeit nahezu drei Zinserhöhungen in diesem Jahr ein. Das erscheint uns übertrieben. In diesem Umfeld könnten deutsche Staatsanleihen attraktive Chancen bieten. Auch die Kreditmärkte zeigen sich bemerkenswert widerstandsfähig, da Unternehmensanleiheemissionen weiterhin gut von Investoren aufgenommen werden. Diese Widerstandsfähigkeit wird durch zunehmend attraktive Renditeniveaus zusätzlich gestützt.

Europäische Aktienmärkte dürften unter die Zinserhöhung kaum leiden. Ein Großteil der Belastung durch höhere Energiepreise ist bereits in den Bewertungen berücksichtigt. Zudem richtet sich die Aufmerksamkeit der Anleger weiterhin klar auf Technologiechancen. Aktuell scheinen europäische Aktien stärker von geopolitischen Entwicklungen als von geldpolitischen Entscheidungen der EZB abhängig zu sein.

Nicolas Forest ist Chief Investment Officer bei Candriam