EZB dürfte Zinsen angesichts steigender Inflationsrisiken anheben
Obwohl sich das Wachstum abgeschwächt hat, dürfte der EZB-Rat die Notwendigkeit betonen, einer Entankerung der Inflationserwartungen vorzubeugen. Die Kommunikation dürfte weiterhin datenabhängig und von Sitzung zu Sitzung erfolgen, ohne konkrete Hinweise auf den weiteren Zinspfad.
Energieschock erweist sich als hartnäckiger als erwartet
Obwohl sich die Energiepreise seit der April-Sitzung stabilisiert haben, liegen sie weiterhin deutlich über den Niveaus, die den Projektionen vom März zugrunde lagen. Gleichzeitig haben sich die Terminmärkte nach oben verschoben. Dies deutet auf einen länger anhaltenden Energieschock hin als bislang angenommen und spricht für anhaltenden Inflationsdruck. Das Energieumfeld bleibt damit ein zentraler Faktor für die Neubewertung des wirtschaftlichen Ausblicks durch die EZB.
Inflationsdruck nimmt zu
Die Gesamtinflation stieg im Mai auf 3,2 Prozent und dürfte kurzfristig erhöht bleiben, gestützt durch höhere Energiepreise und indirekte Effekte. Auch die Kerninflation hat zugelegt und die Erwartungen übertroffen. Die Dienstleistungsinflation ist weiter gestiegen, während Umfrageindikatoren auf zunehmenden Preisdruck hindeuten. Zwar bleiben Zweitrundeneffekte bislang begrenzt, doch haben die kurzfristigen Inflationserwartungen leicht angezogen. Die Risiken für den Inflationsausblick bleiben damit klar nach oben gerichtet.
Konjunktur verliert an Schwung
Gleichzeitig hat sich das wirtschaftliche Umfeld eingetrübt. Aktuelle Umfragedaten deuten auf eine nachlassende Aktivität in mehreren Sektoren hin, während vorlaufende Indikatoren auf eine verhaltene Entwicklung in den kommenden Monaten schließen lassen. Zudem wurde das BIP-Wachstum für das erste Quartal auf -0,2 Prozent nach unten revidiert. Höhere Energiepreise und restriktivere Finanzierungsbedingungen belasten die Nachfrage und verschärfen die Herausforderung einer Kombination aus schwächerem Wachstum und höherer Inflation.
Ausblick entfernt sich vom Basisszenario der EZB
Im Vergleich zu den Projektionen vom März deuten die jüngsten Daten sowohl auf eine höhere Inflation als auch auf ein schwächeres Wachstum hin. Damit nähert sich das wirtschaftliche Umfeld zunehmend dem Negativszenario der EZB an. Die aktualisierten Mitarbeiterprojektionen dürften deshalb für die Jahre 2026 und 2027 höhere Inflationsraten sowie tiefere Wachstumsprognosen ausweisen.
Geldpolitische Botschaft: Straffung mit Augenmaß
Wir erwarten, dass der EZB-Rat die Zinserhöhung als gezielte Anpassung an einen hartnäckigeren Inflationsausblick darstellt und nicht als Beginn eines aggressiven Straffungszyklus. Die Erklärung dürfte die hohe Unsicherheit, die Notwendigkeit erhöhter Wachsamkeit gegenüber Inflationsrisiken sowie die Bedeutung stabil verankerter Inflationserwartungen hervorheben. Gleichzeitig dürfte die EZB betonen, dass alle Optionen offenbleiben und die Geldpolitik weiterhin datenabhängig ausgerichtet wird.
Pressekonferenz dürfte Flexibilität betonen
Präsidentin Christine Lagarde dürfte die Zinserhöhung mit der aktualisierten Einschätzung des Inflationsausblicks begründen. Konkrete Signale für den weiteren Zinspfad erwarten wir jedoch nicht. Vielmehr dürfte sie hervorheben, dass zusätzliche Daten – insbesondere zur Persistenz der Inflation und zu möglichen Zweitrundeneffekten – erforderlich sind, bevor über weitere Schritte entschieden wird.
Unsere Einschätzung
Wir erwarten, dass die EZB an der Sitzung dieser Woche die Zinsen um 25 Basispunkte anhebt und im weiteren Jahresverlauf eine zusätzliche Zinserhöhung vornimmt. Damit würde sich die geldpolitische Straffung im Jahr 2026 auf insgesamt 50 Basispunkte belaufen. Aus unserer Sicht handelt es sich dabei um präventive Zinserhöhungen, die darauf abzielen, das Risiko von Zweitrundeneffekten und einer Entankerung der Inflationserwartungen infolge des Energieschocks zu begrenzen. Obwohl sich der Euroraum heute in einer günstigeren Ausgangslage befindet als während der Energiekrise von 2022, deutet die jüngste Kommunikation darauf hin, dass der EZB-Rat die reine Abwartehaltung verlassen hat und bereit ist zu handeln, falls die Inflationsrisiken weiter zunehmen. Wir erwarten jedoch, dass der Straffungszyklus begrenzt bleibt und sich mit dem Nachlassen des Energieschocks im Jahr 2027 wieder Spielraum für geldpolitische Lockerungen eröffnet.