EZB: Abwarten in der Wohlfühlzone – aber wie lange?
Die Entscheidung der EZB, die Leitzinsen unverändert zu lassen (Einlagensatz bei 2,00 Prozent), markiert eine Phase des „Abwartens in der Wohlfühlzone“. Doch hinter der Fassade der Stabilität braut sich eine neue Dynamik zusammen, die den geldpolitischen Rat schneller als gedacht wieder an den Verhandlungstisch zwingen könnte.
1. Inflation: Das Ziel ist im Rückspiegel
Mit einer aktuellen Inflationsrate von 1,7 Prozent im Euroraum hat die EZB ihr symmetrisches Ziel von zwei Prozent nicht nur erreicht, sondern bereits leicht unterschritten. Während die Kerninflation (ohne Energie und Lebensmittel) mit über zwei Prozent noch einen stabilen Kern suggeriert, sorgt der Basiseffekt bei den Energierisiken für einen deutlichen Abwärtstrend. Die Gefahr einer „Deflations-Import-Spirale“ ist zwar noch nicht akut, rückt aber wieder in das Blickfeld der Währungshüter.
2. Der Euro als „stummer Beifahrer“
Die Aufwertung des Euro – der sich zuletzt der Marke von 1,20 USD näherte – wirkt wie eine passive Straffung der Geldpolitik. So dämpfen die günstigeren Importpreise nicht nur die Teuerung weiter ab, gleichzeitig wird für die exportorientierte Industrie die Luft dünner, insbesondere in Deutschland, das ohnehin mit einem mageren Wachstum von unter einem Prozent kämpft. Ein zu starker Euro in einem fragilen globalen Umfeld ist das Letzte, was die Konjunktur jetzt gebrauchen kann.
3. Fazit und Ausblick: „Hawkish Hold“ mit Verfallsdatum
Präsidentin Lagarde betont zwar die Datenabhängigkeit, doch der Spielraum für ein längeres Festhalten an den aktuellen Zinsen schwindet. Wenn die Aufwertung des Euro die Exportaussichten weiter eintrübt und die Inflation dauerhaft unter zwei Prozent verharrt, wird das Narrativ der „Zinspause“ schwer zu halten sein.
Unterm Strich ist eine weitere Zinssenkung im aktuellen Umfeld kein Basisszenario für das Frühjahr. Sollte der starke Euro tatsächlich Wachstumsbremse werden, bleibt die Option jedoch eine willkommene „Versicherungspolice“ der EZB. Die Märkte dürften beginnen, erste Lockerungen für das zweite Halbjahr 2026 einzupreisen - insbesondere für den Fall, dass der EUR/USD-Kurs weiter Richtung 1,25 tendiert.