Europas Verteidigung – Warum nukleare Abschreckung nicht ausreicht
Seit dem Ende des Kalten Krieges gilt nukleare Abschreckung in Europa oft als ‚ultimative Versicherung‘: Wer Atomwaffen hat, wird nicht ernsthaft angegriffen – so die verbreitete Annahme. Daraus entstand die Idee, konventionelle Verteidigung könne entsprechend zurückgefahren werden. Dreißig Jahre nach dem Fall des sowjetischen Blocks muss diese Überzeugung jedoch neu bewertet werden.
Nukleare Abschreckung schützt die lebenswichtigen Interessen der Nation – mehr nicht. Gegen einen ebenfalls nuklear bewaffneten Gegner ist sie ihrem Wesen nach ‚opferbereit‘: Ein Einsatz wäre nur als Drohung mit gegenseitig gesicherter Zerstörung denkbar. Genau deshalb gilt auch: Der Einsatz von Atomwaffen markiert das Scheitern der Abschreckung. Solange sie wirkt, bleibt sie unsichtbar und ungetestet. Sie ist kein konventionelles operatives Instrument, sondern eine ultimative politische Drohung. Nukleare Abschreckung schützt also nicht vor Krieg, sie definiert nur wie hoch der schlimmste mögliche Preis wäre.
Was gilt außerhalb des eigenen Staatsgebiets?
Ihre strukturellen Grenzen werden besonders deutlich außerhalb des eigenen Staatsgebiets. Die zentrale Frage ist politisch: Welches Staatsoberhaupt würde die Existenz des eigenen Landes riskieren, um auf einen Angriff auf fremdes Territorium zu reagieren – insbesondere wenn dieses Territorium klein und geografisch weit entfernt ist? Solange das Mutterland nicht direkt bedroht ist, wirkt eine nukleare Antwort wenig glaubwürdig.
Hinzu kommt: Gegen sogenannte ‚sub-threshold‘-Strategien ist nukleare Abschreckung kaum wirksam. Hybridkonflikte, begrenzte konventionelle Invasionen, Stellvertreteraktionen oder indirekter Druck entziehen sich der Alles-oder-nichts-Logik. Die Ukraine liefert hierfür den empirischen Beleg: Russlands Atomwaffen haben weder den konventionellen Krieg verhindert noch westliche Unterstützer davon abgehalten, umfangreiche militärische Hilfe zu leisten. Nukleare Abschreckung setzt eine Obergrenze für Gewalt, schützt aber nicht vor strategischer Erosion oder vor dem schleichenden Zerfall sicherheitspolitischer Gleichgewichte.
Die Illusion der nuklearen Absicherung
Nach dem Kalten Krieg bauten Frankreich und Großbritannien ihre Streitkräfte dennoch vielfach auf der Illusion ausreichender nuklearer Absicherung auf. Truppenstärken sanken, Bestände wurden verschlankt und es entstanden technologisch exzellente, aber in Größe und Durchhaltefähigkeit begrenzte ‚Musterarmeen‘.
Die strategische Realität erfordert daher eine Neuausrichtung: Konventionelle Abschreckung muss Aggression kostspielig, riskant und ungewiss machen – mit durchhaltefähigen Land-, Luft- und Seestreitkräften. Dazu gehören Investitionen in Aufklärung, Cyber- und elektronische Kriegsführung und Weltraumfähigkeiten. Drohnen, Loitering Munition und konventionelle ballistische Fähigkeiten sind heute zentrale Elemente glaubwürdiger Abschreckung.
Das muss national und europäisch gedacht werden: national für politische Glaubwürdigkeit, Demokratie und schnelle Handlungsfähigkeit, europäisch für kritische Masse, gebündelte Investitionen und Interoperabilität. Gemeinsam können sie die Basis für eine echte europäische strategische Autonomie bilden. Der Wiederaufbau konventioneller Abschreckung für Europa ist zugleich eine strategische und industrielle Chance. Sie fördert technologische Souveränität, regt Innovation an und schafft hochqualifizierte Arbeitsplätze. Unternehmen wie Dassault Aviation, Leonardo, Rheinmetall, Thales und Saab stehen im Zentrum dieser Dynamik. Verteidigungsausgaben sollten nicht mehr als Kosten gesehen werden, die getragen werden müssen, sondern als strukturelle Investition.
Nukleare Abschreckung bleibt unverzichtbar, schreckt aber nur existentielle Vernichtung ab. Europas Sicherheit kann langfristig nicht auf einer impliziten, selbstzerstörerischen Drohung beruhen – sie erfordert sichtbare, glaubwürdige und reaktionsschnelle konventionelle Kapazitäten.