Europas Börsen trotzen den eigenen Schwächen
Fast drei Quartale später sieht die Realität ganz anders aus. Der Krieg im Iran hat die Desinflation ausgebremst, die EZB zu mindestens einer Zinsanhebung veranlasst und deutlich gemacht, wie stark Europa nach wie vor von Energieimporten abhängig ist. Die zuvor wiedererstarkten Zuflüsse in europäische Aktien sind versiegt. Die deutschen Konjunkturprogramme enttäuschen bislang sowohl durch ihre schleppende Umsetzung als auch durch ihre geringe Wachstumswirkung für Europa. Die stetigen Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz führen Europas technologischen Rückstand immer wieder vor Augen. Die Vereinfachung der bürokratischen und regulatorischen Rahmenbedingungen bleibt weitgehend ein frommer Wunsch.
Unternehmensgewinne bringen Optimismus zurück
Umso bemerkenswerter ist die Entwicklung an den Börsen: Trotz all dieser Gegenwinde können die europäischen Märkte seit Jahresbeginn mit der Konkurrenz in den USA mithalten: So verzeichnet der EuroStoxx 50 einen Anstieg von +13,5 Prozent, während der S&P 500 um +14,3 Prozent zugelegt hat. Hinzu kommt, dass sich die Aussichten für Europa in den letzten Wochen sogar noch deutlich verbessert haben.
Die Unternehmensergebnisse für das zweite Quartal liegen außerhalb der Energiebranche um 11 Prozent über dem Vorjahresniveau und damit deutlich über den Erwartungen. Berücksichtigt man auch den Energiesektor, der durch den Anstieg der Ölpreise beflügelt wurde, so liegt der Zuwachs bei 23 Prozent.
Auch unter den Analysten stellte sich neuer Optimismus ein, da die Unternehmensziele so stark angehoben wurden wie seit Ende 2022 nicht mehr. Nach den negativen makroökonomischen Überraschungen im Frühjahr hat sich der Trend nun merklich ins Positive verkehrt, auch wenn die absoluten Zahlen nach wie vor bescheiden ausfallen. Die Kapitalflüsse nehmen infolge des wiederauflebenden Optimismus wieder stark zu und nähern sich laut Goldman Sachs sogar den Rekordwerten von 2021 an.
Dies führt zwar noch nicht zu einer deutlichen Outperformance Europas, doch es zeigen sich bereits gewisse latente Auswirkungen: So sind deutliche Zuwächse bei Small Caps, Mid Caps und prozyklischen Themen festzustellen. Dazu zählt selbst der Automobilsektor, der sich eigentlich in einer sehr schlechten Verfassung befindet. Damit dieser Aufschwung nicht erneut ausgebremst wird, muss Europa mit aller Kraft seinen größten Feind bekämpfen: sich selbst.
Das größte Hindernis bleibt Europa selbst
Dass der ermutigende Draghi-Bericht bislang kaum konkrete Folge hatte, verdeutlicht die Schwerfälligkeit der europäischen Institutionen. Diese führt allzu oft zu politischer Lähmung, während sich die geopolitischen und wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse rasant verschieben. Der dogmatische Kurs der EZB verschärft die finanziellen Rahmenbedingungen unnötig, obwohl keineswegs eine Überhitzung der europäischen Wirtschaft droht. Die Schwierigkeiten der Europäischen Union beim Schutz ihrer strategischen Industriezweige vor chinesischen sowie amerikanischen Ambitionen zeugen von einer gewissen Naivität angesichts des Wandels der globalen Machtverhältnisse. Und weil einige krisengeschüttelte Länder – insbesondere Frankreich – offenkundig nicht in der Lage sind, notwendige Reformen durchzuführen, geht das Gespenst einer neuen Staatsschuldenkrise in Europa um.
Trotz all dieser Hindernisse und auch ohne den Rückenwind der KI beweisen die europäischen Unternehmen, dass sie international weiterhin bestehen können. Wozu wären sie wohl fähig, wenn Europa ihnen die Fesseln abnehmen würde?
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